Null Toleranz oder Kuscheljustiz

Zu viel Milde für jugendliche Schläger?

Angesichts des jüngsten Vorfalls im Berliner U-Bahnhof Friedrichstraße stellt sich wieder einmal die Frage, wie mit jugendlichen Gewalttätern umzugehen ist. Die kompetenten Gesprächspartner von Peter Hahne zu diesem Thema sind der Kriminologe Christian Pfeiffer und Fadi Saad, der im letzten Moment den Absturz in eine kriminelle Karriere verhindern konnte.

Nach jedem erschreckenden Ausbruch jugendlicher Gewalt wird der Ruf nach Verschärfung des Jugendstrafrechts lauter. Nun hat die Union nach zwanzig Jahren es endlich geschafft - gegen den Widerstand von Fachleuten und der Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger - einen Gesetzentwurf durchzudrücken, der für straffällige Jugendliche einen "Warnschussarrest" ermöglicht.

Trotzdem bleiben viele Fragen offen. Hilft diese Maßnahme endlich die Jugendkriminalität einzudämmen? Ist sie andererseits nicht überflüssig, gehen doch die Zahlen der Tatverdächtigen seit Jahren zurück? Muss der Staat nicht schnell und spürbar bestrafen, um so die Jugendlichen auf den Pfad der Tugend zurück zu bringen? Ist ein Wochenende im Knast wirklich ein heilsamer Schock - oder der Startschuss für eine wirkliche kriminelle Karriere, worauf die Rückfallquote von 70 Prozent bei jugendlichen Häftlingen hinweist? Ist diese Verschärfung mit dem Prinzip des Erziehungsgedankens im Jugendstrafrecht vereinbar - zumal bereits heute in den Jugendknästen eher von Verwahrung als von Pädagogik die Rede sein kann? Viele spannende Fragen, die bei Peter Hahne eine lebhafte Diskussion erwarten lassen.

Die Gäste

Fadi Saad wurde 1979 als Sohn arabischer Einwanderer in Berlin geboren. Schon als Kind fühlte er sich "von den Deutschen" nicht anerkannt und entwickelte einen immer stärker werdenden Hass. Erst als Mitglied der "Araber Boys 21" fand er Anerkennung - allerdings zum Preis der Jugendkriminalität. Schon mit 14 Jahren wurde er mehrfach angeklagt wegen Körperverletzung, Beleidigung und Nötigung. Die Sanktionen in Form von gemeinnütziger Arbeit oder Ermahnungen nahm er nicht ernst - erst die Verurteilung zu einem Wochenende Arrest ließ ihn umdenken. Der gerade mal 15-Jährige begriff die Gefahr des Abrutschens und schwor der Gewalt ab.

Im Anschluss schaffte er den erweiterten Hauptschulabschluss und absolvierte eine Lehre zum Bürokaufmann. Mittlerweile arbeitet er als Sozialarbeiter im Problem-Kiez von Berlin-Neukölln. Hier genießt er großes Ansehen - auch bei den schwierigen Jugendlichen, die wissen, dass er früher so war wie sie. Ein weiterer Grund seiner Wertschätzung ist, dass er ihnen gegenüber Respekt zeigt, was er als Kind von Deutschen nie erfahren hat. Diese und andere Erfahrungen hat Saad in einem Buch zusammen gefasst. "Der große Bruder von Neukölln" richtet sich an Jugendliche aber auch an Sozialarbeiter und Lehrer.

Die Probleme der Integration von Migranten rühren seiner Meinung nach daher, dass diese sich nicht als Deutsche fühlen. Eine Möglichkeit dieses Gefühl abzubauen besteht für ihn darin, mehr Menschen mit Migrationshintergrund im öffentlichen Dienst wie Polizei und Feuerwehr zu beschäftigen. Er selbst besitzt seit 2002 die deutsche Staatsbürgerschaft und ist mit einer gebürtigen Deutschen verheiratet. Trotzdem glaubt der zweimalige Vater Fadi Saad, nie als Deutscher angesehen zu werden und bezeichnet sich selbst als "Deuraber".

Hoch angesehener Kriminologe

Christian Pfeiffer wurde 1944 in Frankfurt/Oder geboren. Nach dem Umzug der Familie nach Bayern bestand er 1963 das Abitur und studierte Rechtswissenschaften in München und anschließend Sozialwissenschaften und Kriminologie an der School of Economics and Political Sciences in London. Zwischen 1976 und 1984 arbeitete er als Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug der Universität München und gründete in dieser Zeit auch den Verein "Die Brücke". Dieser Verein, der bald bundesweite Nachahmer fand, entwickelte einen Modellversuch zur Betreuung straffälliger Jugendlicher.

Seit 1987 ist Pfeiffer Universitätsprofessor für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug in Hannover, seit 1988 auch Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Von Dezember 2000 bis zum März 2003 fungierte er für die SPD als Niedersächsischer Justizminister, anschließend erneut als Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts. Christian Pfeiffer ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet