Organspendenskandal ohne Ende

Können wir den Ärzten noch vertrauen?

Ärzte, die ihre Patienten kränker machen als sie sind, um früher an ein Spenderorgan heranzukommen: Was zunächst als vereinzeltes Problem der Kliniken in Regensburg und Göttingen erschien, breitet sich zum Flächenbrand aus. Mittlerweile ist nämlich bekannt geworden, dass es eine weitere Methode gibt, mit der Mediziner "ihre" Transplantationsanwärter schneller mit einem Organ versorgen können: das so genannte beschleunigte Vermittlungsverfahren. Wie die Transplantation in Deutschland gerechter und transparenter organisiert werden kann, darüber diskutieren bei Peter Hahne die Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium Annette Widmann-Mauz (CDU) und Heike Dumke, die seit 2005 auf eine Spenderleber wartet.

Nierentransplantation
Spenderorgane können Leben retten - doch wer bekommt sie? Quelle: ap

Ein anonymer Hinweis brachte den Stein ins Rollen: Im Juni diesen Jahres nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf gegen den ehemaligen Leiter des Transplantationszentrums am Uni-Klinikum Göttingen. Der Anfangsverdacht lautet auf Fälschung der Krankenakten mit dem Ziel, bestimmten Patienten früher zu einer Spenderleber zu verhelfen. Dass dies nicht aus selbstloser Humanität geschah liegt nahe – ebenso wie der Verdacht der Korruption. Schnell stellte sich auch heraus, dass es auch an der früheren Arbeitsstelle des Mediziners in Regensburg zu "Unregelmäßigkeiten" gekommen war. Zwar stellte die Staatsanwaltschaft damals das Ermittlungsverfahren ein, trotzdem zog die Uni-Klinik schnell Konsequenzen aus dem Vorfall und veränderte die internen Richtlinien zur Transplantation.

Während die Staatsanwaltschaft noch ermittelte, wurde eine weitere Möglichkeit der Manipulation ruchbar: Der Gesundheitspolitiker und Bundestagsabgeordnete Harald Tepe (B90/Die Grünen) wollte von der Bundesregierung wissen, wie oft bei Transplantationen das "beschleunigte Vermittlungsverfahren" angewandt wird. Dieses Verfahren soll laut den Vergaberegeln der Bundesärztekammer in solchen Fällen Anwendung finden, in denen der Spender schon sehr alt, das Organ bereits vorgeschädigt ist oder sich kein Empfänger finden lässt. Nur dann darf die Klinik unter Umgehung der Transplantationsliste ein Organ einem ihrer Patienten einpflanzen lassen.

Private Organvergabe

Zum Erstaunen des Grünen-Politikers und der Öffentlichkeit stellte sich heraus, dass heute jedes vierte Herz, jede dritte Leber und jede zweite Bauchspeicheldrüse nach diesem System implantiert wird. Vor zehn Jahren betrug der Anteil der beschleunigten Vermittlung gerade einmal zehn Prozent! Die Kliniken erklären diese rasante Steigerung mit dem im Vergleich zu früher höherem Alter der Spender. Eine Position, die selbst vom Ärztekammer-Präsidenten Dr. Frank Ulrich Montgomery in dieser Eindeutigkeit nicht geteilt wird. Dieser verspürt angesichts der gestiegenen Zahlen immerhin Bauchschmerzen. Auch Kritiker bezweifeln die Plausibilität dieses Arguments. Sie beklagen die fehlende Transparenz und argwöhnen, dass über das beschleunigte Verfahren wieder der Korruption oder sogar dem Organhandel Tür und Tor geöffnet werden können. Denn: Während in Regensburg und Göttingen die Patienten kränker gemacht worden seien als sie waren, geschähe in diesem Fall das Gleiche mit den Spenderorganen.

Ein weiterer Punkt bringt die Kritiker gegen das herrschende Transplantationsverfahren auf. Sowohl die Bundesärztekammer, die die Vergaberegelung in Deutschland bestimmt als auch Eurotransplant im niederländischen Leiden und die Deutsche Stiftung Organtransplantation, die über die Verteilung der Organe entscheiden, sind privatrechtliche Organisationen. Sie entscheiden im Zweifelsfall über Leben und Tod. Ein Punkt, der auch Verfassungsrechtler bedenklich stimmt. Doch eine staatliche Kontrolle der Vergabepraxis lehnt die Bundesregierung (noch) ab.

Die Gäste:

Annette Widmann-Mauz
Annette Widmann-Mauz

Annette Widmann-Mauz wurde 1966 in Tübingen geboren. Nach dem Abitur studierte sie Politik und Jura. Mit 18 trat sie der Jungen Union bei und engagierte sich anschließend für die CDU sowohl auf kommunaler als auch auf Länderebene in Baden-Württemberg. Seit 1998 ist sie Mitglied des Bundestages. Ihr Mandat, das sie zunächst über die Landesliste erhalten hat, gewann sie ab 2002 bei jeder Bundestagswahl direkt.

Seit 2002 ist Widmann-Mauz gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion und seit 2009 Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium. Auf Anfrage hat ihr Ministerium kürzlich erklärt, es sehe kein Problem beim beschleunigten Verfahren und verweist – wie die Kliniken – auf das durchschnittlich gestiegene Alter der Spender.

Heike Dumke mit Eltern
Heike Dumke (li.) mit ihren Eltern

Heike Dumke (41) leidet seit 1995 an einer Blutkrankheit, die schrittweise auch ihre Leber angegriffen hat. 2005 teilten die behandelnden Ärzte der kaufmännischen Angestellten mit, dass ihre Lebenserwartung aufgrund des stark geschädigten Organs nur noch etwa drei bis vier Jahre betrage. Sie wurde sofort auf die Liste derjenigen gesetzt, die eine neue Leber brauchen – und auf dieser Liste sitzt sie heute noch, sieben Jahre später. Trotz aller Medikamente und Diäten und vor allem trotz ihrer Tapferkeit und Unterstützung von Freunden ist sie oft der Verzweiflung nah – und dann muss sie auch noch erfahren, mit welchen dubiosen Methoden wohl in Deutschland Spenderorgane unter der Hand verteilt oder gar verkauft werden. Für Heike Dumke eine schockierende Meldung.

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