Strenge oder kuscheln

Was hilft gegen die Bildungskatastrophe?

Schule, Bildung, Ausbildung - Themen, die schnell für öffentliche Aufregung sorgen, bei denen jeder mitreden kann und will – waren wir doch alle einmal Schüler oder Schülerin. Wie das öffentliche Erziehungssystem sich verändern sollte, diskutieren bei „Peter Hahne“ zwei ausgesuchte Experten: Richard David Precht ist selbst Vater und hat sich mit dem deutschen Schulsystem intensiv auseinandergesetzt. Bernhard Bueb war über 30 Jahre lang Leiter des Elite-Internats Schule Schloss Salem.

Stich aus dem 19. Jahrhundert: Schülerin mit Stütze zum Geradesitzen
Hat sich in der Schule seitdem nichts geändert? Quelle: imago

In den 1950er Jahren ist es der Sputnik- und zu Beginn des 21. Jahrhunderts der PISA-Schock: Immer wieder gerät das deutsche Schulsystem in den Fokus der Kritik, da es offenbar nicht in der Lage ist, für ausreichend qualifizierte Absolventen zu sorgen. 1957 gelingt es der Sowjetunion zum ersten Mal, einen künstlichen Erdsatelliten ins All zu schießen. Damit hat die UdSSR, der größte Feind im Kalten Krieg, bewiesen, dass sie in der Weltraumforschung dem Westen zumindest ebenbürtig sind. Und mit der ersten PISA-Studie im Jahr 2000 wird deutschen Schülern ein höchstens durchschnittliches Bildungsniveau attestiert. In beiden Fällen werden hektisch Veränderungen eingefordert. So wird beispielsweise in den späten 1950er Jahren das ungerechte, weil wenig durchlässige, dreigliedrige Schulsystem für das Desaster verantwortlich gemacht – übrigens genauso wie über 40 Jahre später auch. Geändert hat sich also kaum etwas, bis auf einige "Verschlimmbesserungen" wie beispielsweise die Einführung des Turbo-Abiturs. Damit wird zwar die Gymnasialzeit um ein Jahr verkürzt – aber über die Einführung des Bachelor–Studiums verschultes Lernen an den Universitäten eingeführt.

Deutsch und Mathe abschaffen

Richard David Precht
Richard David Precht Quelle: imago

Auch der Gast von Peter Hahne Richard David Precht beklagt ein veraltetes Schulmodell in Deutschland. Der 49-jährige Germanist und Publizist sowie Gastgeber der ZDF-Philosophie-Sendung "Precht" geht sogar so weit, die heutigen deutschen Schulen mit den wilhelminischen des 19. Jahrhunderts zu vergleichen. Natürlich gäbe es auch Veränderungen, aber eben keine strukturellen. Er beklagt den Fortbestand der dreigliedrigen Schule, das starre Lernen anhand von festgeschriebenen Lehrplänen und die brutale Selektion durch ein auf Zahlen beruhendes Notensystem. In einer modernen Gesellschaft ist es für Precht sinnlos, jeden Vormittag fünf verschiedene Fächer zu unterrichten, die nichts miteinander zu tun haben. Darüber hinaus hat er, wie auch andere Experten, festgestellt, dass Schüler in zunehmenden Maß Stoffe nur noch für die nächste Prüfung lernen – um sie dann anschließend umgehend wieder zu vergessen. Eine in seinen Augen gewaltige Verschwendung von intellektuellen Fähigkeiten der Kinder.

Prechts Vision einer besseren Schule räumt radikal mit der uns vertrauten auf. Er schlägt nicht nur vor, die Fächertrennung aufzuheben, sondern meint sogar, dass ab einem gewissen Alter die Fächer Mathematik oder Deutsch komplett abgeschafft werden könnten. Der Unterricht in Jahrgangsstufen läuft seiner Meinung nach den Erkenntnissen der Hirnforschung entgegen. Auch sei ein besseres Eingehen auf individuelle Lerntempi dringend nötig, wie überhaupt die Persönlichkeit eines jeden Schülers stärker in den Mittelpunkt zu stellen sei. Nötig dafür sei aber auch eine grundlegende Veränderung der Lehrerausbildung. Künftige Pädagogen sollten mehr Teamfähigkeit entwickeln und in der Schule ihre Rolle als Pauker mit dem „Nürnberger Trichter“ durch die des „Lerncoaches“ ersetzen.

Wertvolle Sekundärtugenden

Bernhard Bueb
Bernhard Bueb Quelle: imago

Auch Hahnes zweiter Gast Bernhard Bueb hält das deutsche Schulsystem für verbesserungswürdig. Sein Ansatzpunkt ist aber weniger die Institution als deren „Insassen“. Der studierte Philosoph und Theologe wird nach einer zweijährigen Tätigkeit an der Odenwaldschule zum Leiter des Internats Schule Schloss Salem berufen. Große Resonanz in Fachkreisen und darüber hinaus erzielt seine Entscheidung, zur Durchsetzung von Disziplin und Ordnung in seinem Internat, verdachtsunabhängige Alkohol- und Drogentests durchführen zu lassen. Nach Ende seiner Dienstzeit in Salem widmet Bueb sich auch in publizistischer Form den Bereichen Bildung und Erziehung. Sein erstes Buch erscheint 2006 zum Thema „Disziplin“. Seine zweite Veröffentlichung „Von der Pflicht zu führen“, das sich mit der Rolle von Lehrern beschäftigt, und sein drittes Werk über die Ehrlichkeit von Schülern sorgen wie der Erstling für heftige Debatten in Erzieher-Kreisen. Kritiker unterstellen ihm, der „schwarzen Pädagogik“ wieder zu Ansehen verhelfen zu wollen.

Der 75-jährige Bueb weist diese Kritik von sich. Für ihn als Vertreter der Reformpädagogik ist es kein Widerspruch, neben der Entwicklung des Selbstbewusstseins von Kindern auch von ihnen Disziplin, Ehrlichkeit, Gehorsam und Pünktlichkeit zu fordern. Die Bemerkung Oskar Lafontaines, dass man mit diesen Sekundärtugenden auch ein KZ führen könne, hält er im „Spiegel“-Gespräch für unselig. „Natürlich setzt unsere Kultur Sekundärtugenden voraus.“ Doch nicht allein Schüler müssten sich Buebs Meinung nach ändern. Das Schulsystem insgesamt müsste reformiert, der Beamtenstatus von Lehrern abgeschafft werden. Er plädiert für ein staatlich finanziertes Privat-Schulmodell, in dem permanent die Qualifikation der Lehrer überprüft werde. Um gesellschaftliche Benachteiligungen auszugleichen, müssten seiner Meinung nach Schulen und Kitas grundsätzlich als Ganztagsangebote kostenlos für alle zur Verfügung stehen.

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