Pippi Langstrumpf ohne Negerkönig

Müssen Kinderbücher umgeschrieben werden?

Zu Beginn dieses Jahres kam eine Diskussion auf, die an die Hochzeit der „political correctness“ gemahnte. Familienministerin Schröder gab bekannt, dass sie ihrer Tochter Märchen nur „synchron übersetzt“ vorlese, also in Pippi Langstrumpf „Negerkönig“ durch einen anderen Begriff ersetze. Ebenso sollen in den Kinderbüchern von Otfried Preußler diskriminierende Begriffe wie „Negerlein“ ausgetauscht werden. Handelt es sich hierbei um eine üble Form der Zensur oder wird nun unser Nachwuchs endlich korrekt anti-rassistisch erzogen?

Buchcover Pippi Langstrumpf
Ist Pippi Langstrumpf politisch nicht mehr korrekt? Quelle: Oetinger Verlag

Begriffe wie „Zigeuner“, „Eskimo“ und „Neger“ sind längst aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verschwunden. Sie sind, zu recht, als diskriminierend und rassistisch gebrandmarkt und durch korrekte Bezeichnungen ersetzt worden: Sinti und Roma, Inuit und Afro-Deutsche. Doch wie sollen wir mit Werken umgehen, die vor Jahrzehnten entstanden sind und in denen diese Begriffe völlig selbstverständlich auftauchen?

Sprachbereinigte Astrid Lindgren

Familienministerin Kristina Schröder sah sich mit dem Eingeständnis, diskriminierende Begriffe auszutauschen, dem Vorwurf der Zensur ausgesetzt. Ihre Kritiker betonen, dass auch für Märchen und Kinderbücher ein Urheberrecht existiere, das verbiete, willkürlich Wörter auszutauschen. Auch zähle das Argument nicht, dass einige der fraglichen Ausdrücke für heutige Kinder schlicht unverständlich seien. Dies gäbe doch gerade die Möglichkeit, Kindern die Herkunft, Entwicklung und eventuell deren rassistischen Hintergrund zu erklären.

Otfried Preußler, dessen „Kleine Hexe“ gegen Ende der 1950er Jahre erschienen ist, hat sich nach reiflicher Überlegung damit einverstanden erklärt, dass seine Bücher sprachlich „gesäubert“ werden. Auch der Vater von Astrid Lindgrens Heldin Pippi Langstrumpf ist längst kein „Negerkönig“ mehr, sondern wurde zum unverdächtigen „Südseekönig“ umbenannt. Weder Preußler noch Lindgren stehen im Verdacht, rassistische Kinderbücher geschrieben zu haben. Sie sind einfach nur im sprachlichen Zeitgeist verfasst. Doch zeigt nicht gerade das Beispiel der Pippi Langstrumpf, dass mit geringen Veränderungen jeglicher Anschein von Diskriminierung vermieden werden kann, ohne die spannende und unterhaltende Geschichte zu zerstören? Ist aber dies nicht deutlich übertriebene politische Korrektheit?

Die Gäste:

Mola Adebisi als Saloonbesitzer in Bad Segeberg
Mola Adebisi als Saloonbesitzer bei den Karl-May-Spielen Quelle: imago

Mola Adebisi wurde 1973 in Uelzen geboren. Der Junge mit nigerianischen Wurzeln wuchs in Solingen auf. Nach der Schule wurde er bekannt als Moderator des Musik-Senders VIVA, für den er zwischen 1993 und 2004 moderierte. Daneben betätigte er sich selbst als Musiker, Produzent und Tänzer. Es folgten weitere Tätigkeiten als Synchronsprecher und Schauspieler sowie als Motorsportler unter anderem beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring. Seit 2010 moderiert er ein Motor-Magazin bei N24 und ist seit 2012 in der Rolle eines Saloonbesitzers bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg zu sehen.

In der aktuellen Diskussion um rassistische und diskriminierende Begriffe hat er seine ehemalige VIVA-Kollegin Sarah Kuttner angegriffen. Sie wurde von einem Gast einer Autorenlesung wegen angeblicher rassistischer Stellen in ihrem Buch „Wachstumsschmerz“ angezeigt. Mittlerweile hat Adebisi seine Vorwürfe allerdings relativiert und meint, dass sie sich offensichtlich versprochen habe und sie als intelligente Frau sicherlich nicht rassistisch eingestellt sei.

Jan Fleischhauer
Jan Fleischhauer wll Minderheiten nicht in Watte packen. Quelle: imago

Jan Fleischhauer wurde 1962 in Hamburg geboren und studierte an der dortigen Universität Literaturwissenschaften und Philosophie. Anschließend wechselte er an die Henri-Nannen-Journalistenschule. Seit 1989 ist er Redakteur beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel, zunächst als Leiter des Wirtschaftsresorts und von 2001 bis 2005 als Wirtschaftskorrespondent in New York. Seit 2011 schreibt er für Spiegel Online die Kolumne „S.P.O.N. – Der schwarze Kanal“ und ist Autor mehrerer Bücher.

Fleischhauers Haltung zum Thema „Müssen Kinderbücher umgeschrieben werden?“ ist eindeutig. Natürlich sollte man in seinen Augen niemanden beleidigen oder kränken, jedoch sei man irgendwann bei der „Trottelsprache“ angelangt, wenn man schon beim leisesten Verdacht, man könnte jemandes Gefühle verletzen, zur Sprachbereinigung schreitet. Weiterhin ist er in seinem Artikel „Auf dem Weg zur Trottelsprache“ der Ansicht, man solle Minderheiten nicht in Watte packen, sondern davon ausgehen, dass „das Selbstbewusstsein dort groß genug ist, um über ein paar Worte in Kinderbüchern hinwegzusehen.“

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