Plakatfahndung, die zu Herzen geht

Ein Baby sucht seinen Vater

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie sich manchmal wundern, welche Botschaften irgendwelche Privatleute an Bäume oder Laternenpfähle heften? Oft ungelenk geschrieben, oft mit den legendären, selbst geschnippelten Abreißzettelchen mit einer Telefonnummer. Über diese "wilde Kleberei", jenseits der erlaubten Litfaßsäulen und Plakatwände, ärgere ich mich jedes Mal.


Da werden Wohnungen gesucht, Gebrauchtwagen angeboten oder Putzstellen vergeben. Oder ein Kindergartenfest findet statt, ein privater Flohmarkt, eine Protestaktion gegen zu schnelle Autofahrer. Das mögen ja alles ehrenwerte Anliegen und Anlässe sein, doch in meinen Augen ist das Umweltverschmutzung, wenn man ohne Genehmigung so etwas tut. Was wäre, wenn jeder das täte? Die armen Bäume! Die schönen Bauzäune! Und die sauberen Gehwege, sobald sich das selbst beschriebene und geklebte Papier vom Regen durchweicht in Wohlgefallen auflöst.

Eine Ausnahme bildet bei mir immer ein Plakat, auf dem mit ungelenker Kinderschrift gemalt ist: "Unser Liebling Hansi ist weggeflogen! Wer den blauen Wellensittich zurück bringt, kriegt einen dicken Finderlohn!" Wenn entlaufene Katzen und Hunde gesucht werden, schmilzt einem das Herz. Da denkt man nicht an illegale Plakate-Kleberei, da will man die armen Tier-Eltern am liebsten trösten und hofft, dass alles gut aus geht.

Zu Herzen gehender Hilferuf

Doch was ich in diesen Tagen auf meinem Weg ins Hauptstadtstudio in Berlin-Mitte sehe, übertrifft alles. Man schluckt, wenn man den Text liest, der per Computer auf ein weißes Blatt gedruckt ist. Es klebt an Mülleimern, Schaufenstern und Laternenmasten. Abgebildet ist ein Ultraschallbild, aufgenommen am 30. Januar. Darüber folgender Text: "An Sebastian, meinen Papa! Mama war so wütend das du uns einfach im Stich gelassen hast, das sie mich Abtreiben wollte, doch dann habe ich sie getreten und sie hat gespürt, das ich ihr damit etwas sagen will: Lass mich Leben, denn ich will meinen Papa noch kennen lernen!" Wer sieht da noch die orthografischen und grammatikalischen Fehler?! Diese Botschaft geht ans Herz, nicht ins Hirn!

Was für eine Botschaft! Ein Hilferuf, geschrieben von einer Mutter, im Namen ihres noch ungeborenen Kindes. Offenbar allein gelassen vom Vater, vielleicht sogar zur Abtreibung gedrängt. Das Ultraschallbild zeigt das kleine Würmchen, das "Deine Stimme kennenlernen will", wie es auf einem anderen Plakat heißt. Was für eine rührende Aktion! Was für eine Tragik, wenn eine Mutter sich nicht anders zu helfen weiß. Natürlich werden sich jetzt alle, die rund um die Friedrichstraße und die Linden "Sebastian" heißen, manchen Spott anhören müssen. Aber was ist das schon gegen die Chance, dass der richtige Sebastian sich meldet und das Baby einen Vater hat, wenn es das Licht der Welt erblickt. Hoffentlich hat der Papa die Courage, sich zu melden. Auf jeden Fall ist es die bewegendste Plakatfahndung der Hauptstadt!

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