Politik bis zum Umfallen

Was man vom Platzeck-Rücktritt lernen kann

Wer krank ist, bleibt zuhause und kuriert sich aus – eine Binsenweisheit, die aber offenbar nicht für alle gilt. Viele Spitzen-Politiker arbeiten trotz körperlicher oder psychischer Schwäche weiter wie zuvor, oft vierzehn bis sechzehn Stunden am Tag – bis zum Umfallen. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck hat nun einen anderen Weg gewählt: Wegen seiner angeschlagenen Gesundheit ist er zurückgetreten – ein Vorbild für seine Kollegen? Darüber sprechen bei Peter Hahne der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach und der Moderator Thomas Koschwitz.

Matthias Platzeck
Matthias Platzeck zieht die Notbremse. Quelle: dpa

Er war der Hoffnungsträger der Ost-SPD, wegen seines Einsatzes beim Elbehochwasser 2002 geadelt zum „Deichgrafen“. Doch dem Dauerstress als Politiker und Ministerpräsident von Brandenburg hielt er nicht stand. Als Matthias Platzeck im November 2005 als Nachfolger von Franz Müntefering auch noch den Bundesvorsitz seiner Partei übernahm, streikte sein Körper. Nach nur 146 Tagen als Vorsitzender zwangen ihn zwei Hörstürze und ein Nervenzusammenbruch zum Rücktritt. Die Öffentlichkeit verblüffte er mit dem für Politiker erstaunlichen Eingeständnis, dass er seine Kräfte überschätzt habe.

Seine Stelle als „Landesvater“ von Brandenburg behielt Platzeck allerdings. Zu ihr gesellte sich Anfang 2013 noch der Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden des Berliner Skandalflughafens „Willy Brandt“. Nur wenig später, im Juni, erlitt er einen leichten Schlaganfall und nach einem dreiwöchigen Erholungsurlaub gab er Ende Juli bekannt, dass er als Ministerpräsident und Vorstandsvorsitzender zurücktrete: Matthias Platzeck hat die Reißleine gezogen.

Von Abstinenz keine Rede

Dieser Schritt, der selbst von politischen Gegnern mit Respekt und Hochachtung gewürdigt wurde, ist nichts Selbstverständliches in der Welt der hohen Politik, des Sports oder Showbusiness‘. Andere kleben auf ihren Posten, halten sich offenbar für unentbehrlich – gegen den ausdrücklichen Rat ihrer Ärzte. So auch Helmut Kohl, der in seinen „Erinnerungen“ eine besondere Situation auf dem Parteitag 1989 der CDU beschreibt. Um im innerparteilichen Kampf gegen Heiner Geißler und Lothar Späth nicht den Kürzeren zu ziehen, verschob er eine dringend notwendige Prostata-Operation. Den behandelnden Arzt ließ er anreisen und hinter der Bühne in Bereitschaft für den Notfall warten.

Ein ähnlich rücksichtsloser Umgang mit der eigenen Gesundheit ist auch von anderen Politikern bekannt. Horst Seehofer überging eine Erkältung und zog sich eine Herzmuskelentzündung zu. Von Oskar Lafontaines Krebserkrankung erfuhren selbst engste Weggenossen erst sehr spät, er selbst sagte so gut wie nichts zu diesem Thema. Gregor Gysi musste sich einer komplizierten Hirnoperation unterziehen. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen und mit Beispielen aus dem Top-Management oder der Unterhaltungsbranche ergänzen. Und für alle bis auf Gysi, der wenigstens eine kurze Pause einlegte, gilt: von Politik-Abstinenz keine Rede. Was treibt diese Politiker und andere Top-Leute? Wollen sie keine Schwäche zeigen, halten sie sich für unersetzbar? Geht es nur um Machterhalt oder haben sie nur nicht gelernt, mit ihrer Freizeit etwas Sinnvolles anzufangen? Sehen so die wahren Märtyrer des 21. Jahrhunderts aus?

Die Gäste der Sendung

Wolfgang Bosbach
Wolfgang Bosbach Quelle: ZDF

Wolfgang Bosbach wurde 1952 in Bergisch Gladbach geboren. Nach Mittlerer Reife und Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann holte er auf dem Zweiten Bildungsweg das Abitur nach und studierte Jura. Nach den Staatsexamen erhielt er 1991 die Zulassung als Rechtsanwalt. Als 20-Jähriger wurde er Mitglied der CDU und engagierte sich zunächst in der Kommunalpolitik. Seit 1994 wurde er bei jeder Bundestagswahl direkt in das Parlament gewählt. Zwischen 2000 und 2009 war er Vorsitzender seiner Fraktion und daran anschließend Vorsitzender des Bundestags-Innenausschusses.

2010 gab Bosbach bei Markus Lanz bekannt, dass er an Prostata-Krebs erkrankt sei, der ein Jahr später erneut ausbrach. 2012 erreichten die Metastasen des Tumors weitere Organe und machten so die Krankheit unheilbar. Trotzdem gab er bekannt, dass er im September 2013 erneut für den Bundestag kandidieren werde.

Thomas Koschwitz
Thomas Koschwitz Quelle: imago

Thomas Koschwitz wurde 1956 in Heidelberg geboren. Schon als 19-Jähriger startete er seine Radiokarriere beim Hessischen Rundfunkt – zunächst als Nachrichtensprecher, doch bereits nach kurzer Zeit als Unterhaltungsmoderator. Zwischen 1999 und 2001 hatte er diverse Fernsehengagements, konzentrierte sich aber weiterhin auf seine Radioarbeit vornehmlich bei privaten Stationen in Berlin, Sachsen und Sachsen-Anhalt.

2002 erlitt Koschwitz einen Schlaganfall, der ihn zwang, beruflich kürzer zu treten. Seine Erfahrungen mit diesem Ereignis verarbeitete er 2013 in seinem Buch „Was macht der Schwindel? Mein Leben nach dem Schlaganfall“. Darin versucht er, über die Erkrankung zu informieren und anderen von Schlaganfällen Betroffenen Mut zu machen. Im gleichen Jahr stieg er wieder ins TV- und Radio-Geschäft ein, unter anderem mit seiner täglichen Sendung „Koschwitz am Nachmittag“.

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