Provokation Tierliebe

Bei uns verhätschelt, woanders verwahrlost

In Deutschland können Sie Ihr Kind in der Fußgängerzone ohrfeigen - kaum jemanden wird das kümmern. Doch wehe, Sie sehen Ihr Schoßhündchen auch nur schief an: Dann entbrennt die deutsche Volksseele. "Tierquäler!" ertönt es aus allen Richtungen, gefolgt von dem Ruf nach der Polizei. In anderen Ländern hat man eine andere Beziehung zu Haustieren: Oft werden sie ausgenutzt und wenn sie nicht mehr gebraucht werden, setzt man sie aus. Über den richtigen Umgang mit des Menschen bestem Freund diskutieren bei "Peter Hahne“ die Schauspielerin Barbara Rütting und der Tierarzt Dr. Franz-Josef Siepelmeyer.

Anfang September ging eine Horrornachricht durch die Medien. In Rumänien hatte eine Horde verwilderter Hunde ein Kind zu Tode gebissen. Nicht zum ersten Mal war das in diesem Land passiert, doch diesmal war die Aufregung größer als sonst. Forderungen wurden laut, alle streunenden Hunde, von denen es dort Hunderttausende gibt, sollten schnellst möglich getötet werden. Die Regierung handelte zügig und verabschiedete ein entsprechendes Gesetz.

Streunender Hund
In Rumänien fühlt sich niemand für die streunenden Hunde verantwortlich. Quelle: imago

Der folgende Aufschrei der Tierschützer ähnelte dem in der deutschen Fußgängerzone. Von „Massenvernichtung“ und „Steinzeitgesetz“ war die Rede und die Tierschutzvereinigung kündigte an, das Gesetz durch das rumänische Verfassungsgericht zu Fall bringen zu lassen. Noch ist nichts geschehen; noch wurde keine organisierte Jagd auf Straßenhunde geplant, und noch besteht - zumindest theoretisch - die Möglichkeit, dass der Vorschlag von Tierschützern sich durchsetzt. Diese hatten angeregt, die streunenden Hund massenweise sterilisieren zu lassen, womit die Vermehrung der Tiere in den Griff zu bekommen sei und auch deren Aggressivität. Denn sterilisierte Straßenhunde seien friedlicher als zeugungsfähige - eine These, die dem getöteten Kind gegenüber Hohn spricht, denn einer der Hunde, die es zu Tode gebissen haben, war sterilisiert.

Menschenverachtender Vergleich

Bei all der aufgeregten Diskussion bleibt eine Frage oft seltsam unberührt. Wie kam es denn eigentlich zur Hundeplage in Rumänien? Schon zum Ende des Ceausescu-Staates führten gravierende gesellschaftliche Veränderungen, insbesondere die vorangetriebene Industrialisierung des sozialistischen Landes, zu einer enormen Landflucht. Da in den schnell errichteten Hochhäusern der Metropolen für Hunde kein Platz war, wurden diese ausgesetzt. Aber auch nach Ende des Sozialismus und dem Beitritt zur EU hat sich diese Situation nicht verbessert. Die soziale Lage eines großen Teils der Bevölkerung in Rumänien ist derart prekär, dass sie - selbst wenn sie die Möglichkeit hätten – keinen Hund mehr halten können. Die Tierheime sind folglich überfüllt und die restlichen Hunde landen auf der Straße.
Eine Situation, die in Deutschland kaum vorstellbar ist. Bei uns gestaltet sich das Verhältnis Mensch – Haustier gänzlich anders, sind Auswüchse ganz anderer Natur zu besichtigen. Hunde, deren Halsband mit teuren Schmuck- oder gar Edelsteinen besetzt sind, Katzenmenüs zu einem Preis, der den Regelsatz eines Hartz IV-Empfängers deutlich überschreitet, spezielle Haustierhotels und natürlich - dem Tier soll es an nichts fehlen - steht zur Krisenintervention ein Tierpsychiater bereit. Die - für viele - übersteigerte Tierliebe in Deutschland geht so weit, dass eine der führenden Tierschutzvereine in der Diskussion über Tierversuche und Massentierhaltung den Vergleich mit dem Holocaust nicht scheut. Geschichtsvergessen, menschenverachtend und geschmacklos.

Die Gäste der Sendung

Franz-Joseph Siepelmeyer
Dr. Franz-Josef Siepelmeyer Quelle: privat

Dr. Franz-Josef (Frajo) Siepelmeyer arbeitet in Nordenham an der Wesermündung als Tierarzt. Der 57-Jährige ist Mitglied einer Gemeinschaftspraxis und wurde öffentlich bekannt durch seine Auftritte in der Doku-Soap „Menschen, Tiere & Doktoren“.
Neben seiner Arbeit als Tierarzt und „Schauspieler“ engagiert sich Frajo Siepelmeyer auch bei den „Tierärzten ohne Grenzen“ (ToG). Dieser gemeinnützige Verein, dessen Vorstandsvorsitzender er zurzeit ist, setzt sich insbesondere in Ostafrika für den Schutz und die Pflege der Nutztiere ein. Da in der kargen Region kaum Ackerbau möglich ist, stellt die Haltung von Rindern, Schafen, Kamelen und Hühnern die wesentliche Ernährungsgrundlage. Die ToG bildet Afrikaner zu Tiergesundheitshelfern aus und unterstützt die Bevölkerung bei Impfungen und Behandlung der erkrankten Tiere. Darüber hinaus ist sie auch in den Bereichen Entwicklung, Forschung, Friedenssicherung und Dürreprävention tätig.

Barbara Rütting wurde 1927 in Berlin geboren. In den 1950er Jahren startete sie ihre Schauspielkarriere, in der sie in zahlreichen Theater-, Film- und Fernsehproduktionen agierte. Mitte der 1980er Jahre beendete sie diese Karriere, um sich nun verstärkt Ernährungs- und besonders Tierschutzfragen zu widmen. Sie wurde Mitglied der GRÜNEN, verließ als Pazifistin die Partei aber wieder, als die Partei unter Joschka Fischer dem Einsatz der Bundeswehr im Kosovokrieg zustimmte.
Nach ihrem Wiedereintritt verließ sie die GRÜNEN allerdings ein zweites Mal, diesmal aus Protest gegen die Tötung eines Fisches durch Renate Künast vor laufenden Kameras. Wegen ihres Engagements für Tiere und den Vegetarismus wurde Rütting zum Ehrenmitglied des „Vegetarierbundes Deutschlands“ ernannt.

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