Quoteritis statt Überzeugung

Wie sich's die Politik mit der Frauenquote leicht macht

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie das Thema "Frauenquote für DAX-Vorstände" nicht mehr hören können? Als hätte Deutschland gegenwärtig keine anderen Probleme, streiten sich zwei CDU-Ministerinnen auf offener Bühne über dieses Thema, das gefühlt eine Handvoll Unternehmen und 150 Frauen betrifft.

Symbolfoto: Frauenquote in den Vorstandsetagen
Symbolfoto: Frauenquote in den Vorstandsetagen Quelle: imago

Wichtigere Probleme im Frauenrecht


Während unsere Währung wankt und Europa aus den Fugen gerät, leisten wir uns dieses Luxusproblem. Um es deutlich zu sagen: Ich halte es für dringend nötig, dass Frauen mit Männern gleichziehen und endlich auch gleich behandelt werden, wenn es um Karriere und Beruf geht. Aber ich halte die Quote für die völlig falsche Methode, dies zu erreichen.
Wir brauchen einen Bewusstseinswandel hin zum Selbstverständlichen, aber keine Zwangsmaßnahmen zur Überwindung von alten Zöpfen. Kein Wunder, dass sich immer mehr Frauen dagegen wehren, als "Quotenfrau" abgebucht zu werden. Sie wollen wegen ihrer Qualifikation, nicht wegen ihres Geschlechts bestimmte Jobs. Dazu gehören natürlich auch Vorstandsposten. Die Zeit, wo im Führungsbereich die Frauen bloß als Kaffee kochende Sekretärinnen geduldet waren, gehört doch längst ins Schwarz-Weiß-Zeitalter der Film-Klamotte.

Politik und Wirtschaft haben derzeit wahrlich wichtigere Sorgen. Mit gleicher Intensität, wie man in den letzten Tagen die Medien rauf und runter mit dem Quotenthema befeuerte, sollte man den Bürgern endlich erklären, was wirklich (!) mit den Banken, dem Euro und Europa los ist. Kein Mensch blickt durch, das Vertrauen in die Elite schwindet und das (zu recht!) beunruhigte Volk rüstet sich zu einer neuen Demonstrationswelle.

Aktionismus statt Autorität

Alice Schwarzer
Alice Schwarzer BS Quelle: limago


Und wenn man sich wirklich um Frauen kümmern will, dann sollte man das jenseits des Vorstandsluxus tun. Millionen Frauen arbeiten hart und viel für wenig Geld in Super- und Drogeriemärkten, in Fabriken, Büros und bei Reinigungsfirmen. Da sollten sich unsere Politiker (-innen!) mal ins Zeug legen, um ihnen anständige, menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu verschaffen - und vor allem den gleichen Lohn und die gleiche Rente wie den Männern. Doch da traut sich keiner so richtig ran. Ich warte leider vergeblich auf den Aufstand der Frauenrechtlerinnen, die sich dagegen wehren, dass ihre Geschlechtsgenossinnen als Quoten-Material behandelt werden, statt als gleichwertige Mitglieder unserer (Wirtschafts-)Welt.

Merkt die Politik denn gar nicht, wie lächerlich sie sich letztlich macht? Zu meiner Studentenzeit hieß es immer: "Wenn Du nicht mehr weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis." Heute geht es nach der Melodie: Wenn ich die Bürger von meinen Plänen nicht überzeugen kann, dann mache ich's eben über den (Um-)Weg der Quote. Wahrhaft politische Autorität braucht dieses Zwangsmittel nicht, genauso wenig wie ein Lehrer zur Erziehung die Prügelstrafe braucht. Doch ist es eben einfacher, sich mal schnell mit flotten Thesen und gesetzlichem Aktionismus in Szene zu setzen, als mutig mit langem Atem seine Ziele zu verfolgen. Dieses "Bohren dicker Bretter" scheint die Sache der heutigen Generation nicht mehr zu sein. Kein gutes Zeichen für eine Kulturnation, in der für alles und nichts wie eine Wintergrippe die Quoteritis grassiert.

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