Sinnloser Plakat-K(r)ampf

Wahlwerbung an Straßenbäumen

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie bei Wahlen den Plakatwald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen können? Gefühlt zehn Wochen lang hängt jetzt bereits an jedem Berliner Baum ein politischer Kopf. An manchen sogar mehrere. Und kein Grünstreifen an Straßen und Wegen ist mehr vor der Wahlwerbung sicher.

Wahlplakate in Berlin
Wahlplakate in Berlin Quelle: dpa

Ganze Regenwälder müssen sterben, um so viel Papier und Pappe herzustellen - von den Euro-Millionen, die letztlich von uns Steuerzahlern finanziert werden, ganz zu schweigen. Da darf man sich wohl mal fragen: Bringt dieser ganze Aufwand an Papier- und Geldverschwendung überhaupt was? Mich jedenfalls stößt diese flächendeckende Papp-Kameraden-und Kameradinnen-Offensive eher ab. Meist unbekannte Gesichter strahlen mir entgegen, und die bekannten sind so geschönt, dass sie vor lauter jugendlicher Frische oder frisurtechnischer Stylerei kaum wieder zu erkennen sind. Eine Partei hat in Berlin jetzt so viel Schrift auf ihrem Plakat, dass sich an den Ampeln Staus bilden, weil die Rotphase zu kurz ist, um den Text lesen zu können.

Oscar für Originalität

Andere Parteien scheinen sich um den Oscar für Originalität zu bewerben, nicht um den Wähler. Die Sprüche können gar nicht schreiend und die Slogans nicht schrill genug sein. Oder schlicht sinnloser Flachsinn, der mit ernsthafter politischer Botschaft nichts mehr zu tun hat. Und je höher das Plakat, desto extremer die Partei. Die Angst vor Zerstörung treibt die nächtlichen Klebetrupps sogar auf Feuerwehrleitern in die Bäume.

Wahlkampf in Berlin
Wahlkampf in Berlin Quelle: dpa

Im Radio hörte ich einen Kommunikationswissenschaftler, der überzeugend die These vertrat: Die Plakate bewegen nichts, weder eine Erhöhung der Wahlbeteiligung noch die Präferenz für bestimmte Parteien. Sie sind nutzlos. Einzig die Kandidaten sind geschmeichelt, die sich in der ganzen Stadt abgebildet sehen, bevor nach dem Urnengang 90 Prozent von ihnen auf ewig in der Versenkung verschwinden. Warum also dieser Aufwand, diese Umweltverschmutzung? Warum dieses sicherheitsgefährdende Ablenkungsmanöver für Autolenker? Warum dieser krönende Schwachsinn, an einen Baum zehn Plakate bis in die Krone zu heften, so dass der Betrachter Genickstarre bekommt?

Rettet die Köpfe

Wenn das ohnehin nichts bringt, bleibt nur eine Vermutung: Die Politiker haben Angst, dass das Volk nicht weiss, wann und wer gewählt wird. Weil sie in der Legislaturperiode zu wenig präsent sind und ihre (Wohl-)Taten eher im Verborgenen bleiben, rettet man sich wenigstens in der Hochphase des Wahlkampfs mit plakatierten Köpfen in die Öffentlichkeit, um am Wahlabend seinen Kopf zu retten. Geld und Aufwand, den man sich sparen könnte und den niemand vermisst.

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