St. Florian und die Wutbürger

Knackis raus aus meinem Viertel!

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie sich wundern, wie schnell sich eine Bürgerinitiative bildet, wenn es um unliebsame Nachbarn geht. Leute, die sonst wenig verbindet, die sich vielleicht noch nicht einmal kennen oder grüßen, halten dann zusammen wie Pech und Schwefel. So jetzt in Berlin-Weißensee geschehen, wo ein Wohnheim für ehemalige Strafgefangene gebaut werden soll, die psychisch krank sind.

Ältere Dame mit Kindern
Ältere Dame mit Kindern

Nein, die wollen wir hier nicht! Die Anwohner wehren sich mit Protestaktionen, Flugblättern und Plakaten. Alle nur erdenklichen Gründe müssen herhalten, um sich die Ex-Knackis vom Leibe zu halten: die Nähe zu Schulen, die vielen Kinder in dem Familienkietz, die Verminderung der Wohnqualität. Damit wird per se unterstellt: Diese neuen Nachbarn sind (allgemein-) gefährlich. Keiner kalkuliert in seine Ablehnungs-Rechnung ein, dass die Leute ehemalige (!) Strafgefangene sind, die man doch nicht auf den Mond schießen kann, die ein Anrecht auf Wohnraum haben. Und psychisch Kranke gibt's in unserer Gesellschaft nicht selten. Soll man die etwa alle wegsperren? Geht von diesem Personenkreis überhaupt eine Gefahr aus?

Keine Chance für Randgruppen

Ich denke an den Seehof in Leonberg, für den ich mich ehrenamtlich engagiere. Dort werden in freier (christlicher) Trägerschaft junge Strafgefangene in Wohngruppen betreut. Ein Programm, das inzwischen Schule gemacht hat und wegen des großen Erfolges auch in anderen Bundesländern praktiziert wird Doch wenn die Nachbarn spitz bekommen, dass jugendliche Knackis in ihre Gegend ziehen, dann sammelt sich der Protest blitzschnell.

Man kann froh sein, dass Politiker aus allen Parteien die Hand für das Projekt ins Feuer legen und die Anwohner zu beruhigen versuchen. Sonst gäbe es diese vorbildliche Initiative gar nicht, sie hätte keine Chance. Nun überzeugt sie durch Erfahrung - aber diese Möglichkeit will man den psychisch kranken in Weißensee gar nicht einräumen. Schlimm.

Herzlose Protestler

Immer wieder gibt es diese "St.-Florians-Haltung". So beklagen die Bundesbürger eine kinderfeindliche Gesellschaft oder bejammern angesichts der immer älter werdenden Gesellschaft den Mangel an jungen Leuten. Sie plädieren für mehr Nachwuchs, doch wenn in ihrer Nähe ein Kindergarten gebaut wird, dann sind sie die ersten, die auf die Barrikaden gehen. Dann ist von unzumutbarem Lärm die Rede, nicht mehr von der Friedhofsruhe einer kinderlosen Gesellschaft. Selbst ein Behindertenheim wurde weg geklagt, weil man den Anblick dieser Menschen nicht ertragen wollte. Man fasst sich an den Kopf, wie wenig Reden und Handeln, Worte und Taten zusammen passen. Nach dem Motto: Lieber Heiliger Florian, schütz' unser Haus, zünd' andere an!

Ich wünsche niemandem dieser herzlosen Protestler, dass sie einmal auf diese Menschen und Einrichtungen angewiesen sind. Dass der Sohn kriminell oder die Tochter psychisch krank werden und dringend einen Therapieplatz brauchen; dass man pflegebedürftig wird und froh sein muss, dass es noch irgendwo Heime gibt, die nicht im Industriegelände, sondern in Wohngebieten liegen. Es stimmt eben nicht, dass, wenn jeder an sich denkt, automatisch an alle gedacht ist.

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