Süßer die Kassen nie klingen

Wider den Konsumrausch an den Adventssonntagen

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie sich darüber ärgern, dass die Weihnachtszeit immer mehr zu einer Verkaufsshow verkommt? Nicht nur, dass der Advent bereits in den Sommer verlegt wird und wir im August über die ersten Lebkuchen und Schoko-Nikoläuse im Supermarkt stolpern. Nein, auch die Vorweihnachtszeit selber scheint nur noch Kommerz und Konsum zu kennen, rund um die Uhr.

Schlimm finde ich es, dass an einigen Adventssonntagen die Läden geöffnet haben. Besonders in Großstädten gibt es jetzt keinen Unterschied mehr zwischen Alltag und Sonntag. Im Gegenteil: Sonntags werden die Geschäfte gestürmt, als gäbe es kein Halten; als sei es die letzte Chance, noch ein Geschenk zu erwerben. Was für eine Schizophrenie: Da wünschen wir uns auf bunten Karten besinnliche und ruhige Adventswochen und gönnen uns die noch nicht mal am Sonntag.

Tag der "seelischen Erhebung"

Die Zeit, wo in Deutschland der Sonntag immer noch ein Tag der geschlossenen Ladentür war, ist längst vorbei. Dabei war es sogar mal üblich, dass am Samstag die Geschäfte bereits mittags schlossen, Montag der Sonntag der Friseure war und mittwochnachmittags manche Läden zu blieben. Jetzt muss auch noch der Sonntag dran glauben, als würde es nicht reichen, an sechs Tagen der Woche einzukaufen und am siebten zu ruhen.

Bundesverfassungsgericht Karlsruhe
Bundesverfassungsgericht Karlsruhe Quelle: dpa


Wegen dieser Ruhe hat das Bundesverfassungsgericht denn auch entschieden, dass nicht an allen Sonntagen verkauft werden darf. Zur Begründung verwiesen die Richter auf einen alten Rechtsgrundsatz der Weimarer Verfassung, der nahtlos ins Grundgesetz aufgenommen worden war: Der Sonntag gilt der "seelischen Erhebung." Und eben nicht dem Füllen der Kassen und der Einkaufstüten. Sicher, dieses Gebot stammt noch aus Zeiten, in denen fast jeder Deutsche Mitglied einer christlichen Kirche war und es zum guten Ton gehörte, sonntags zum Gottesdienst zu gehen.

Eilige Tage zum heiligen Abend

Das ist heute längst nicht mehr so. Aber soll man deshalb den Sonntag als Tag der Ruhe, des Aus- und Aufatmens abschaffen? Ich denke: Nein! Es ist doch ein Stück Lebensqualität und Kultur, dass wir den Rhythmus der Wochentage kennen. Dass wir das freie Wochenende haben, an dem man zum Beispiel samstags einkaufen kann und dann am Sonntag die totale Ruhe genießt. Das tut den Familien gut, dem Miteinander von Eltern und Kinder, aber auch all jenen, auf deren Rücken der ladenoffene Sonntag ausgetragen wird. Es reicht schon, dass Pflegepersonal, Ärzte, Polizisten oder Busfahrer sonntags arbeiten müssen. Warum sollen das auch noch die Verkäuferinnen?!

Natürlich, man ist ja nicht gezwungen, sonntags einzukaufen. Dennoch: "Seelische Erhebung" gibt es nur in der Gemeinschaft, wenn das gesamte öffentliche Leben ruht. Deshalb empfehlen selbst Soziologen (und nicht nur Kirchen und Gewerkschaften), den Sonntag als Sonntag zu erhalten. Seine Ruhe findet man eben nicht unabhängig von anderen. Auch und vor allem nicht in einer Zeit, wo an den eiligen Tagen bis zum heiligen Abend alle Welt in die Läden rennt. Da sollte man wenigstens am Sonntag den Atem anhalten. Lassen Sie uns das letzte Stück Feiertagskultur nicht auch noch zerstören!

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