Teure Energiewende: Sind wir wieder die Dummen?

Euphorie weicht Ernüchterung

Die Katastrophe von Fukushima hat ungeahnte Konsequenzen: Politiker, die jahrelang Kernenergie als segensreichen Stromlieferanten gepriesen haben, vollziehen eine 180-Grad-Wende und verkünden den Ausstieg aus der Atomkraft. Kanzlerin Merkel ruft die Energiewende aus, die bis zum Jahr 2022 vollzogen sein soll. Doch nach einem Jahr und ersten Berechnungen erhält der weit verbreitete Optimismus einen ersten Dämpfer: Experten befürchten immense Kosten, die – davon ist auszugehen – vom Endverbraucher zu tragen sein werden. Ob dem wirklich so sein wird oder andere Szenarien vorstellbar sind, diskutieren bei Peter Hahne der frisch gebackene Umweltminister Peter Altmaier und der Wissenschaftsjournalist Jean Pütz.

Strommasten
Das Leitungsnetz muss dringend erneuert und ausgebaut werden. Quelle: imago

Die Energiewende sieht vor, dass die mittlerweile ungeliebte Atomkraft möglichst durch regenerierbare Energien ersetzt werden soll. Diese steht in Deutschland als Wasserkraft, Sonnen- und vor allem Windenergie zur Verfügung. Den Rest steuern Gas- und Kohlekraftwerke bei. Allerdings ergibt sich ausgerechnet bei der am ehesten Erfolg versprechenden Windkraft ein Problem: Günstig und in ausreichender Menge kann sie an den Küsten erzeugt werden – die Hauptstromverbraucher sitzen aber in der Mitte und dem Süden Deutschlands. Und um den Strom quer durch die Republik zu transportieren, sind die Leitungsnetze zu schwach und zu alt.

Kosten und Bedenken

Die Netzbetreiber haben einen Netzentwicklungsplan erarbeitet, den sie der Kanzlerin bei ihrem Besuch in dieser Woche überreichen.  Dieser enthält Berechnungen, nach denen neben der Instandsetzung alter Anlagen etwa 1700 Kilometer neue Drehstromleitungstrassen sowie 2100 Kilometer Gleichstromleitungen nötig sein werden. Gleichstrom hat gegenüber der sonst üblichen Wechselspannung den Vorteil, dass während des Transports deutlich weniger Energie verloren geht. Geschätzter Gesamtpreis: 20 Milliarden Euro, und rechnet man den notwendigen Ausbau der Off-Shore-Windanlagen in der Nordsee hinzu, ergibt sich die stolze Summe von etwa 32 Milliarden Euro für die kommenden zehn Jahre.

Ein zusätzliches Problem besteht auch in der Akzeptanz der neuen Hochspannungstrassen. Ähnlich wie bei einigen Windparks regt sich örtlicher Widerstand. Beklagen die einen die „Verspargelung“ der Landschaft, befürchten die Trassengegner finanzielle Einbußen durch ausbleibende Touristen und gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Elektrosmog. Die zu erwartenden Kosten, die eventuelle Verzögerung des Netzausbaus und die Widerstände in der Bevölkerung haben nun sogar Vertreter der schwarz-gelben Regierungskoalition an der Verwirklichung der Energiewende zweifeln lassen. Der FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle sagt, er befürchte den zusätzlich notwendigen Bau von Kohlekraftwerken. Doch Kanzlerin Merkel und ihr neuer Umweltminister Altmaier sind sicher: Die Energiewende kommt!

Die Gäste:

Jean Pütz
Jean Pütz

Jean Pütz wurde 1936 in Köln geboren. Nach der Lehre zum Elektromechaniker folgten das Abitur und ein Lehramtsstudium für Mathematik und Physik. Nach dem Referendariat startete er 1970 seine Medienkarriere beim WDR. Ab 1974 moderierte er die Sendung, die bis heute mit seinem Namen verbunden ist: die „Hobbythek“. In den Folgejahren entwickelte Pütz weitere Wissenschaftsformate für den WDR und moderierte auch nach seiner Pensionierung 2001 bis 2004 weiter die „Hobbythek“. Heute tourt er immer noch durch Deutschland mit seiner „Pütz-Munter-Show“. Jean Pütz hat aus erster Ehe einen 52-jährigen Sohn und mit seiner jetzigen Frau einen 12-jährigen Sohn sowie eine einjährige Tochter.

Peter Altmaier während der Vereidigung
Peter Altmaier während der Vereidigung zum Umweltminister




Peter Altmaier wurde 1958 in Ensdorf (Saarland) geboren. Nach Abitur und Wehrdienst folgte ein Jura-Studium, das er 1988 mit dem Zweiten Staatsexamen abschloss. Anschließend war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität des Saarlandes und von 1990 bis 1994 Beamter bei der Europäischen Kommission. Bereits 1974 wurde Altmaier Mitglied der Jungen Union, 1976 trat er der CDU bei. Von 1994 bis 2009 war er über die saarländische Landesliste Mitglied des Deutschen Bundestags, 2009 gewann er das Direktmandat seines Wahlkreises Saarlouis.

Nach verschiedenen Tätigkeiten in Ausschüssen des Bundestags und der CDU/CSU-Fraktion wurde Altmaier im Oktober 2009 Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion - als Nachfolger von Norbert Röttgen, der zum Bundesumweltminister ernannt worden war. Im Mai 2012 folgte er wiederum Röttgen auf den Ministersessel, nachdem dieser von Angela Merkel entlassen worden war.

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