Twitter, Gender, Denglisch

Stirbt die deutsche Sprache aus?

Über die Deutsche Sprache und was ihr in den letzten Jahren angetan worden ist diskutieren bei Peter Hahne der Sprachwissenschaftler und – kritiker Horst Haider Munske und der bekannte Blogger Sascha Lobo.

Plakat mit dem Aufdruck  "Sale"
Gibt's beim "Sale" eigentlich mehr Rabatt als beim "Ausverkauf"? Quelle: dpa

Sprachen verändern sich so wie sich Gesellschaften verändern. Niemand spricht heute noch das Deutsch, in dem sich Goethe und Schiller unterhalten haben. Ganze Begriffe sind verschwunden aus unserem täglichen Sprachgebrauch, weil es das dazugehörige Ding auch nicht mehr gibt. Dafür sind dann neue Wörter entstanden, oftmals aus fremden Sprachgebieten, die peu à peu Eingang gefunden haben in unsere Alltagssprache. Niemand, der sich nicht dem Verdacht der Deutschtümelei aussetzen möchte, würde vernünftigerweise etwas gegen das obige, französische „nach und nach“ einzuwenden haben oder darauf bestehen, dass ein Computer bitteschön als „elektronische Rechenanlage“ zu bezeichnen sei. Es gibt einfach Fachbegriffe, für die keine eindeutige deutsche Entsprechung existiert.

Pseudo-Englisch

Anders verhält es sich allerdings mit Anglizismen, denen man ihre Wichtigtuerei von Anfang an ansieht. Muss ein Treffen mit Kollegen unbedingt in ein „Meeting“ ausarten? Oder ist es wirklich notwendig, dass der graubekittelte Schrecken aller Schüler vom Hausmeister zum „Facility Manager“ mutiert? Klingt wichtig, bringt aber nicht mal einen Cent mehr Stundenlohn. Besonders peinlich sind solche großspurigen Wortschöpfungen dann, wenn es sie in der Sprache, aus der sie vermeintlich stammen, gar nicht gibt.

Fans feiern am Prenzlauer Berg
Selten waren öffentliche Leichenschauen so gut besucht. Quelle: imago

Der Deutsche, der mit seinem englisch klingenden Handy gerne lang und laut telefoniert, bekäme in anglo-amerikanischen Ländern keinen Anschluss. Hier heißen Mobiltelefone nämlich „cellular phone “ oder „mobile“. Und ein amerikanischer Fußballanhänger würde zu einem „public viewing“, wie es bis zum letzten Wochenende tausendfach in Deutschland stattgefunden hat, auch nicht sein Vereinstrikot und den Fanschal anziehen. Er erschiene im dunklen Zweireiher, befindet er sich doch auf dem Weg zur öffentlichen Aufbahrung eines kürzlich Verstorbenen.

Politisch korrekt

Mann schreibt SMS vor dem Brandenburger Tor in Berlin.
Zumindest Grobmotorikern erleichtern Abkürzungen das Simsen. Quelle: dpa

Doch auch von anderen Seiten scheint die deutsche Sprache – zumindest die, die den Älteren unter uns vertraut ist – bedroht zu sein. In sozialen Netzwerken und Kurznachrichtendiensten setzen sich immer mehr seltsam anmutende Abkürzungen durch: Was mögen die Buchstabenkombinationen „lol“, „hdl“ oder „4u“ nur bedeuten, und kann man das nicht auch anders ausdrücken? Sicherlich, doch sie sind ein Kennzeichen unserer modernen, schnelllebigen Welt. Und wer zum ersten Mal Abschied von seinem Füllfederhalter oder seiner mechanischen Schreibmaschine genommen hat und versucht, eine SMS mit seinem Mobiltelefon zu versenden (möglichst noch mit dicken Fingern!), wird diese moderne Form der Kommunikation zu schätzen lernen.

Das in den letzten Jahrzehnten gewachsene Bedürfnis, die angestrebte Gleichberechtigung von Männern und Frauen auch in der Sprache deutlich werden zu lassen, hat teilweise zu monströsen Satzbildungen geführt; da wimmelt es oft vor „-innen“, dass am Ende niemand mehr weiß, was die Autorin uns eigentlich sagen wollte. Auch das von der taz, aus Gründen der „Political Correctness“, eingeführte „I“ erleichtert nicht unbedingt das Verständnis. Das Bedürfnis der Gleichstellung auch in der Sprache führt daneben mitunter auch zu höchst skurrilen Formen. Neulich war in einem Sportstudio auf einem Plakat zu lesen: „Liebe Mitglieder und Mitgliederinnen!“. Wenn sich jedoch die Emanzipation der Frauen auf das „I“ und das verpflichtende „und –innen“ beschränkt, kann sie uns auch gestohlen bleiben.

Die Gäste der Sendung

Sascha Lobo 2014 am Rednerpult der Re: Publica
Sascha Lobo Quelle: imago

Sascha Lobo wurde 1975 in Berlin geboren. Er wurde als Blogger bekannt und auch ausgezeichnet: 2006 erhielt er für seinen Blog „Riesenmaschine“ den Grimme Online Award (ein undotierter Preis, der sich aufgrund der Namensgebung auch dem Verdacht der unangebrachten Anglizismen ausgesetzt sieht). Neben seinen Internet-Aktivitäten arbeitet Lobo für unterschiedliche Werbeagenturen als Art Director und Werbetexter. Heftig kritisiert wurde er von der „Net-Community“ für seine Kampagne zugunsten des Telekommunikationsanbieters Vodafone. Vorwürfe, die er weit von sich weist mit dem Hinweis, er habe schon immer sein Geld mit Werbung verdient.

Seit 2006 ist er auch als Buchautor bekannt. In jenem Jahr erschien sein mit Holm Friebe verfasstes Werk „Wir nennen es Arbeit – die digitale Bohème“ und im November 2011 sein Buch zum Thema dieser Peter-Hahne-Sendung über die deutsche Sprache „Wortschatz: 698 neue Worte für alle Lebenslagen“, in dem er passend zum Internetzeitalter neue deutsche Begriffe kreierte. In den folgenden Jahren veröffentlichte er weitere Bücher und schreibt für „Spiegel Online“ seine regelmäßige Kolumne „S.P.O.N. – Die Mensch-Maschine“.

Horst Haider Munske
Horst Haider Munske

Horst Haider Munske wurde 1935 in Görlitz geboren. Nach dem Abitur 1955 in Wuppertal studierte er in Bonn, Berlin und Marburg unter anderem Germanistik, Sprachwissenschaft, Philosophie und Keltologie. 1962 promovierte er zum Dr. phil. in Marburg. Nach Stationen an mehreren Universitäten konzentrierte er sich ab 1984 auf den Schwerpunkt Orthographie und Rechtschreibung. Nachdem er als Wissenschaftlicher Rat für das Institut der deutschen Sprache in Mannheim gearbeitet hatte, wurde er von 1986 bis 1996 Mitglied des Internationalen Arbeitskreises für Orthographie und 1997 der Zwischenstaatlichen Kommission für die deutsche Rechtschreibung.

Im Laufe der Zeit wurde seine Einstellung der Rechtschreibreform gegenüber immer kritischer, bis er endlich im September 1997 unter Protest aus der zwischenstaatlichen Kommission austrat. Sein Widerstand gipfelte in der von ihm und weiteren 600 Sprachwissenschaftlern unterschriebenen Resolution an das Bundesverfassungsgericht, in der sie vor der Rechtschreibreform eindringlich warnten. Ihr Credo lautete, staatliche Sprachregelungen gebe es nur in Diktaturen. Seit 2004 ist Professor Horst Haider Munske emeritiert.

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