„Unsere Mütter, unsere Väter“

Warum habt ihr so lange geschwiegen?

Fast 70 Jahre nach Kriegsende fällt es immer schwerer, Zeitzeugen zu finden und zu befragen. Doch warum ist das überhaupt noch nötig? Warum haben die Kinder und Enkel nicht früher gefragt? Oder haben sie gefragt, bekamen jedoch keine Antwort? Warum so viele, die Krieg und Nazi-Zeit erlebt haben, geschwiegen oder nur ausweichend geantwortet haben, darüber sprechen bei Peter Hahne diesmal der Kolumnist und Napola-Schüler Mainhardt Graf von Nayhauß-Cormons und die Schauspielerin Henriette Richter-Röhl, die in dem ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ eine Frontkrankenschwester im Zweiten Weltkrieg spielt.

Wehrmachtssoldaten posieren mit Gewehr (Aufnahme etwa 1942)
1942: stolze Pose, fünf Jahre später: alles vergessen Quelle: imago

„Papa, erzähl doch mal vom Krieg.“ Diese in den 1950er und 60er Jahren oft geäußerte Bitte wurde nicht allzu häufig erfüllt. Meistens bekamen die Kinder keine oder ausweichende Antworten, selten wurden Heldengeschichten erzählt. Gerade ehemalige Frontsoldaten murmelten häufig etwas von „schrecklich“, „grausam“, „da will ich gar nicht mehr dran denken“. Doch warum war es nicht möglich, offen und ehrlich über die Kriegserlebnisse und das Leben in der Nazizeit zu erzählen?

Die Gründe sind vielschichtig. Sicherlich gab es zahlreiche Kriegsteilnehmer, die tatsächlich das Grauen des Krieges erlebt und traumatisiert alle Erinnerungen daran verdrängt haben oder zumindest nicht mehr darüber sprechen wollen. Insbesondere in der unmittelbaren Nachkriegszeit zeigte sich allerdings auch ein anderer Grund für das Schweigen: die teils diffuse, teils berechtigte Angst, im Entnazifizierungsverfahren als Täter identifiziert zu werden und keinen „Persilschein“ zu erhalten.

Mitläufer und Karrieristen

Schnell setzte sich in den folgenden Jahren eine riesige Verdrängungsmaschinerie in Gang. Sie ließ alle Erinnerung an Verbrechen der Wehmacht, das Verschwinden der jüdischen oder geistig behinderten Nachbarn, das begeisterte „Ja!“ auf Goebbels Frage „Wollt ihr den totalen Krieg?“ vergessen machen. Wichtig war das „Wirtschaftswunder“, und der Krieg war vorbei und vergessen. Und wenn dann doch jemand nachfragte, fehlte die Erinnerung, und „das mit den Juden haben wir ja nicht gewusst“. Häufig wurde auch zur Verteidigung die Ansicht geäußert, dass unter Hitler „ja nicht alles schlecht gewesen“ sei. Übrigens: Laut einer aktuellen Umfrage eine Meinung, die auch heute noch die Mehrheit der Österreicher vertritt.

Wurde die aktive Teilnahme an Verbrechen oder der Naziherrschaft doch eines Tages bekannt, startete schnell der Prozess des Kleinredens und Relativierens. Viele bezeichneten sich als Mitläufer und ihre Parteimitgliedschaft habe ausschließlich dem beruflichen Fortkommen gedient. Auch der Literaturnobelpreisträger Günter Grass, der nach 60 Jahren endlich seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS gestanden hat, betonte, dass er „keinen Schuss abgegeben“ habe.

Die Gäste der Sendung

Mainhardt Graf von Nayhauß
Mainhardt Graf von Nayhauß Quelle: imago

Mainhardt Graf von Nayhauß-Cormons wurde 1926 in Berlin geboren. Er ist der Nachfahre eines alten schlesischen Adelsgeschlechts und Sohn eines Offiziers. Während des „Dritten Reichs“ besuchte er eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt, „Napola“, eine Elite-Schule, die als Kaderschmiede für den nationalsozialistischen Nachwuchs sorgen sollte. Erst nach Ende des Krieges erfuhr er, dass sein Vater von den Nazis ermordet worden war. 1947 bis 1948 absolvierte er ein Volontariat und arbeitete zunächst als Pressereferent. Es folgten Tätigkeiten für den RIAS und als Korrespondent für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften – von SPIEGEL bis zur SUPER-Illu. Ab 1981 verfasste er 30 Jahre lang Kolumnen für die BILD unter dem Titel „Bonn vertraulich“ und nach 1999 „Berlin vertraulich“.

Daneben veröffentlichte er auch mehrere Biografien, unter anderem von Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker. Auch mit dem „Dritten Reich“ und dem 2. Weltkrieg hat sich Nayhauß als Buchautor beschäftigt. Im 1994 erschienen „Zwischen Gehorsam und Gewissen“ beschreibt er die Geschichte des 9. Infanterie-Regiments, dem auch der Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker angehört hatte. Offen geht er mit seiner Erziehung an der Napola in Berlin um und ist heute noch überzeugt: "Die Erziehung in der Napola hat mir später in der freien Marktwirtschaft geholfen, mich durchzusetzen".

Henriette Richter-Röhl als Schwester Hildegard
Henriette Richter-Röhl in "Unsere Mütter unsere Väter" Quelle: ZDF/David Slama

Henriette Richter-Röhl wurde 1982 in Berlin geboren. Sie stammt aus einer Schauspielerfamilie und stand bereits als 15-Jährige erstmals vor einer Filmkamera. Zunächst betätigte sie sich allerdings als Musikerin und hatte mit ihrer Band „Jeden Tag anders“ auch einige Erfolge. Ihren Fernseh-Durchbruch schaffte sie ab 2003 mit ihrer Rolle in „Marienhof“. Parallel zu den Dreharbeiten studierte sie an der staatlichen Kunstuniversität Graz. Von 2005 bis 2007 war sie wieder regelmäßig im Fernsehen zu sehen als Laura Saalfeld in „Sturm der Liebe“.

Ab dem 17. März 2013 wird Richter-Röhl in dem ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ zu sehen sein. Darin spielt sie eine Frontkrankenschwester im Zweiten Weltkrieg. Der Film beschreibt die Lebensläufe von fünf Freunden und wie diese durch den Krieg verändert und beeinflusst werden. In der Vorbereitung auf diese Rolle hat sich die Schauspielerin auch intensiv mit dem „Dritten Reich“ und den Ereignissen und Folgen des Zweiten Weltkriegs auseinander gesetzt.

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