Vergeben und vergessen?

Der 17. Juni und das DDR-Unrecht

In diesem Jahr jährt sich zum 60. mal der Aufstand vom 17. Juni in der DDR. Früher noch als "Tag der deutschen Einheit" ein Feiertag, droht die Erinnerung an ihn mittlerweile zu verblassen – wie überhaupt an die DDR und ihre Geschichte. Noch bietet ein solcher Jahrestag die Möglichkeit zur Diskussion: Soll man den 17. Juni und die Geschichte der DDR einfach vergessen, kann man den alten SED-Kadern jemals vergeben? Darüber sprechen bei "Peter Hahne" Edda Schönherz und Uwe Holmer.

Schild Straße des 17. Juni
Wer weiß noch, woran diese Straße erinnern soll? Quelle: imago

Die wirtschaftliche Lage der DDR ist zu Beginn des Jahres 1953 stark angespannt. Dazu beigetragen haben sowohl Missernten im Vorjahr, immense Reparationen an die UdSSR als auch politische Fehlplanungen, die zu einer ernsthaften Ernährungskrise geführt haben. Daraufhin korrigiert die Staatsführung einige ihrer Entscheidungen in Richtung „planmäßigem Aufbau des Sozialismus“: Preis- und Steuererhöhungen, Verstaatlichungen von mittelständischen Betrieben und landwirtschaftlichen Geräten werden revidiert. Bestehen bleibt allerdings die geforderte Erhöhung der Arbeitsnorm um 10 Prozent bis zum 30. Juni 1953 nach dem Prinzip „mehr Arbeit für das gleiche Geld“ – und das im Arbeiter- und Bauernstaat DDR!

Streiks, Besetzungen und mehr

In dieser Situation kommt es am 16. Juni zu ersten Streiks auf zwei Großbaustellen in Berlin, die in langen Demonstrationszügen münden. Für den 17. Juni rufen die Arbeiter einen Generalstreik aus. Nun gesellen sich zur Rücknahme der Normerhöhung, die mittlerweile erfolgt ist, auch die Forderungen nach Rücktritt der Regierung und freien Wahlen hinzu.

Am Morgen des 17. beginnt dann der eigentliche Arbeiteraufstand, nicht nur in Berlin, sondern in der ganzen DDR, vornehmlich in den Industriezentren. Beteiligt sind schätzungsweise 400.000 bis 1,5 Millionen Menschen, die sich allerdings teilweise nicht mit Streiks und Demonstrationen zufrieden geben, sondern auch Ämter besetzen, Kaufhäuser in Brand stecken, Polizisten misshandeln und sogar einen angeblichen Stasi-Spitzel lynchen. Die Ordnungskräfte sind hoffnungslos überfordert und auch die nochmalige, über den Rundfunk verbreitete, Bestätigung der Rücknahme der Normerhöhung durch Ministerpräsident Grotewohl bringt keine Entspannung.

Agenten und Provokateure?

Panzer in Berlin am 17. Juni 1953
Schließlich wusste die Staatsmacht sich nur noch mit Panzern zu helfen. Quelle: ap

Nun reagieren die sowjetischen Behörden. Sie verhängen den Ausnahmezustand über den Großteil des Landes und rufen das Kriegsrecht aus. Hiermit haben sie offiziell die Macht übernommen. Die zunächst nach Berlin, später auch in die Provinz einrückenden Panzerverbände zeigen allein durch ihre Anwesenheit Wirkung: Der Aufstand bricht in sich zusammen und bis auf einzelne, kleinere Auseinandersetzungen ist er am 18. Juni beendet. Was folgt, ist eine Verhaftungs- und Prozesswelle, an deren Ende zwei Menschen zum Tode verurteilt und über 1000 zu mehrjährigen oder lebenslänglichen Zuchthaus- und Gefängnisstrafen verurteilt werden.

Für DDR-Politiker ist das Ereignis keinesfalls - wie für ihre Westkollegen – ein "Volksaufstand", sie sehen im Hintergrund „Provokateure und faschistische Agenten ausländischer Mächte“ am Werk (Otto Grotewohl in seiner Rundfunk-Ansprache). Eine Einschätzung, die im Westen lediglich als Ausdruck ideologischer Verblendung und Unfähigkeit zur Selbstkritik gewertet wird und die jeglicher Grundlage entbehre. Zwar lässt sich bis auf den heutigen Tag keine Tätigkeit von westlichen Agenten nachweisen, doch die Rolle, die der Westberliner Sender RIAS (Radio im amerikanischen Sektor) am 16. und 17. Juni gespielt hat, verdient zumindest eine kleine Erwähnung: Dessen späterer Mitarbeiter und SPD-Politiker Egon Bahr sagt über die fast pausenlose Berichterstattung und Unterstützung der Aufständischen durch den Sender: "Ohne den RIAS hätte es den Aufstand so nicht gegeben".

Offene Fragen nach 25 Jahren

Die DDR hat ihre erste Krise überstanden und kann weiter daran gehen, ihren Sozialismus aufzubauen. Was jedoch einige optimistisch in die Zukunft blicken lässt, bringt anderen Repression und Ungemach. Der erste sozialistische Staat auf deutschen Boden zeigt sich nicht als ein Hort der Demokratie. Zensur, fehlende Meinungsfreiheit, willkürliche Entscheidungen staatlicher Stellen bringen viele in Konflikt mit „ihrem“ Staat – einige sogar ins Gefängnis oder Zuchthaus.

Nachdem das Ende der Deutschen Demokratischen Republik gekommen ist, bleibt – auch fast ein Viertel Jahrhundert später – die Frage, wie mit den politisch und gesellschaftlich Verantwortlichen umzugehen ist. Was empfindet beispielsweise die Fernsehmoderatorin Edda Schönherz gegenüber den Personen, die sie verhaftet, verurteilt und drei Jahre lang im Zuchthaus haben sitzen lassen? Und wie kommt es, dass der Pastor Uwe Holmer ausgerechnet dem ehemaligen Staatsratsvorsitzende Erich Honecker und dessen Frau Margot, Ex-Volksbildungsministerin, Asyl gewährt? Immerhin hat er mit seiner Familie allein wegen seiner kirchlichen Tätigkeit unter der Regierung zu leiden gehabt.

Die Gäste der Sendung

Edda Schönherz
Edda Schönherz Quelle: imago

Edda Schönherz wurde 1944 in Bad Landeck/ Schlesien geboren. Sie absolvierte in der DDR eine Ausbildung zur Journalistin und wurde als TV-Moderatorin und Ansagerin DDR-weit bekannt. Sie war parteilos und nahm die Zensur ihrer Moderationstexte nur unwillig zur Kenntnis. Während eines Urlaubs in Ungarn fragte sie im Sommer 1974 in westlichen Botschaften nach Ausreisemöglichkeiten aus der DDR - ein Vorgang, der dem ungarischen und dem DDR-Geheimdienst nicht verborgen blieb. Im September wurde sie zur "Klärung eines Sachverhalts" in die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg gebracht und drei Tage später nach Berlin-Hohenschönhausen verlegt. Kurz vor Weihnachten wurde sie wegen "staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme" und "Vorbereitung eines ungesetzlichen Grenzübertritts in besonders schweren Fall“ (da sie ihre Kinder dabei hatte) zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, die sie im berüchtigten Frauenzuchthaus Hoheneck in Stollberg/Erzgebirge verbrachte.

Nach der Entlassung aus der Haft wurde Edda Schönherz 1977 eine Stelle als Hilfskraft in einer Großbäckerei zugewiesen, die sie allerdings nicht akzeptierte. Um die daraufhin angedrohte „Arbeitserziehung“ im Zuchthaus zu vermeiden, nahm sie eine Stelle als Fotografin bei der Caritas in Berlin an. Sie hielt weiter an ihrem Ausreiseantrag für sich und ihre Kinder fest und konnte schließlich 1979 in die BRD ausreisen. Schnell fand sie eine Stelle als Moderatorin und Ansagerin beim Bayrischen Rundfunk in München. Nach Berlin kehrte sie aber erst 2002 zurück und führt seit 2004 Besuchergruppen durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen.

Uwe Holmer
Uwe Holmer Quelle: ZDF

Uwe Holmer wurde 1929 in Wismar geboren. Von 1955 bis 1967 arbeitete er in der DDR als Landpfarrer im mecklenburgischen Leussow. Im Anschluss war er Direktor der Bibelschule in Falkenberg (Brandenburg) und von 1983 an Leiter der Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal bei Berlin. Diese Einrichtung der Diakonie war zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Friedrich von Bodelschwingh gegründet worden als Asyl für die Obdachlosen und Wanderarbeiter Berlins. Zu DDR-Zeiten entwickelte sie sich – immer noch eigenständig – zur größten Behinderteneinrichtung des Landes.

In dieser Anstalt erhielten Margot und Erich Honecker nach der „Wende“ in den Privaträumen von Pfarrer Uwe Holmer vom 30. Januar bis zum 3. April 1990 Asyl. Trotz wütender Proteste und Demonstrationen vor seinem Haus, sogar Bombendrohungen gab es, verteidigten Uwe Holmer und seine Frau Sigrid ihre Entscheidung: „Wir konnten doch nicht das Vaterunser oder das Abendmahl beten und dann sagen, wir vergeben allen, bloß dem Honecker nicht“, erinnert sich der Geistliche im Gespräch mit dem „Focus“ im Januar 2010.

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