Verlust der Bindungen

"Standarderwerbsform" ein Auslaufmodell?

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie sich wundern, wie schnell sich traditionelle Bindungen auflösen? Die Zahl der Ehescheidungen steigt seit Jahren, die Zahl der Abonnenten sinkt, die Mitgliederentwicklung in vielen Vereinen und Parteien hat ein alarmierendes Niveau erreicht. Die Entwicklung des Vertrauens in Institutionen und Ämter kennt fast nur eine Richtung: nach unten.

Zerbrochener herzförmiger Keks - Schriftzug Love
Zerbrochener Keks mit Aufschrift "Love" Quelle: imago

Umso erfreulicher, wenn Menschen in Befragungen zumindest der Wertschätzung familiärer Bande wieder stärker Ausdruck verleihen. Aufhorchen lassen sollte uns eine Umfrage, die im Auftrag der Zeitschrift "stern" neben den nicht überraschend hohen Vertrauenswerten für Polizei und Ärzte auch den eigenen Arbeitgeber als mit großem Vertrauensbonus ausgestattet ermittelte. Und das in Zeiten, in denen die Angst vor dem Jobverlust allgegenwärtig zu sein scheint.

Das spricht doch für Arbeitnehmer, die ihrerseits bereit sind, sich über die Maßen zu engagieren, Vertrauen zu investieren und es ihrerseits erwarten und bereit sind, dieses erwartete Vertrauensverhältnis mit Loyalität und Bindungsbereitschaft an "ihr" Unternehmen zu honorieren. Welch ein Vorschuss und welch ein Potential in solchen Werten steckt, kann man leicht ermessen.

Zahl atypischer Erwerbsformen steigt

Geschäftsmann schreibt eine positive Bilanz
Geschäftsmann schreibt eine positive Bilanz Quelle: imago


Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), nebenbei gesagt eine Forschungseinrichtung der Bundesanstalt für Arbeit, hat jetzt Zahlen veröffentlicht, die von Arbeitgeberseite nicht unbedingt auf ein besonderes Vertrauensverhältnis und einen engen und dauerhaften Bindungswunsch schließen lassen. Danach sank die Zahl der unbefristet Beschäftigten - das IAB nennt das bezeichnenderweise "Standarderwerbsform" - von 1991 bis 2009 um 18,5 Prozent. Die Zahl der "atypischen Erwerbsformen" nahm im gleichen Zeitraum dagegen um fast 79 Prozent zu. Dazu zählen Leiharbeit, geringfügige Beschäftigung und Ein-Personen-Selbständigkeit.

Vieles spricht dafür, dass sich auch in der Arbeitswelt traditionelle Bindungen lösen. Die lebenslange Festanstellung wird nicht länger die "Standarderwerbsform" bleiben. IBM hat jetzt offenbar vor, Arbeitnehmer über Internetforen nur noch projektweise anzuheuern und mit einer winzigen Zahl von Festangestellten zu arbeiten, die diese hire-and-fire-Prozesse steuern. Auch wenn das Unternehmen zum Wahrheitsgehalt der Gerüchte nur halbherzig dementierend verlauten lässt: "Produktivität zu steigern und Talente zu fördern, um die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, ist eine entscheidende Komponente in unserem Geschäftsmodell" - dann ginge das ins andere Extrem, sollte es so kommen. Und auf keinen Fall in eine Richtung, die die Mehrheit der Beschäftigten sich offenbar wünscht. Denn Vertrauen sieht anders aus.

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