Vertragen Lehrer keine Kritik?

Empfindsamkeiten und selektive Wahrnehmung

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie sich manchmal wundern, wie selektiv Kritik wahrgenommen und einem das Wort im Munde herumgedreht wird? Natürlich höre auch ich lieber Positives und ärgere mich über jeden Pauschalvorwurf. Doch manche schnappen nur einen einzigen Satz auf, reißen ihn aus dem Zusammenhang und bezichtigen einen, man habe ihm durch zugespitzte Kritik unrecht getan.

So geht es mir jetzt mit den Lehrern, und das kam so: In einer Kolumne habe ich den Ratschlag des Berliner Hauptschul-Rektors Jens Großpietsch aufgegriffen, der von den Lehrern eine stärkere Präsenzpflicht fordert. Die Kollegen sollten von acht bis 16 Uhr an ihrem Arbeitsplatz sein und drei Tage früher aus den Ferien zurückkommen. In Schweden sei dies ein bewährtes Modell, und wer das nicht wolle, habe seinen Beruf verfehlt. Das sagt also nicht Peter Hahne, sondern ein berufserfahrener Pädagoge. Doch Lehrer scheinen keine Kritik zu vertragen.

Und was sagen die angesprochenen Lehrer? Die beschimpfen Peter Hahne, ohne Jens Großpietsch überhaupt zu erwähnen. "Was Sie da fordern, ist eine glatte Unverschämtheit, ist weltfremd und jenseits der Realität," fuhr mir schon der erste der Pfingst-urlaubenden Lehrer in die Parade, als ich an der Nordsee meinen Strandkorb belegte. Und der Lehrerverbands-Präsident doppelt sogar nach. Ich hätte die Lehrer schlimmer verunglimpft als seinerzeit Bundeskanzler Gerhard Schröder, der die Pädagogen bekanntermaßen für "faule Säcke" hielt. Nun bin ich platt, wie selektiv gebildete Menschen, die für die Bildung unserer Kinder zuständig sind, lesen und wahrnehmen. Gehört es nicht zur Grundausstattung jeden Unterrichts, den Kindern zu sagen: Lest immer den Zusammenhang, bewertet einen Text im Gesamten, auch wenn ihr euch über einen Satz besonders aufregt.

Überbringer schlechter Nachrichten

Und zu diesem Gesamttext gehört, dass ich ausdrücklich schreibe: "Dass Lehrer sich, auf welche Art auch immer, von ihren Schülern erholen müssen, leuchtet mir ein." Sie hätten also einen Freizeitanspruch, so sagt Peter Hahne. Sie sollten länger in der Schule präsent sein, sagt Rektor Großpietsch. Aber es ist ja leichter, einem Journalisten Unkenntnis vorzuwerfen, als auf einen erfahrenen Kollegen zu hören. Und dieser Journalist hat sogar noch ausdrücklich geschrieben, dass "Lehrer es schwer haben als Reparaturbetrieb unserer Gesellschaft." Diese Sätze sind an den Paukern völlig vorbeigerauscht.

Während ich diese Zeilen in den Laptop tippe, bin ich gleich von drei Lehrern umringt, die zufällig auf der Fähre sind und die mit mir über die Kolumne diskutieren wollen. Zweien habe ich geraten, sich doch bitte an ihren Berliner Rektor-Kollegen zu wenden. Nicht der, der die Nachricht überbringt, ist der Verursacher des Unmuts, sondern der Urheber. Das müssten sie doch aus dem Geschichtsunterricht wissen! In der Antike sind die "Kolumnisten" gleich geköpft worden, wenn die überbrachte Nachricht schlecht war... Der dritte Pädagoge sagte mir eher leise und hinter vorgehaltener Hand, Rektor Großpietsch und ich hätten ja Recht, es herrschten wirklich teilweise hanebüchene Zustände unter den Kollegen. Aber ich solle sie auf keinen Fall beim Zitieren mit Namen nennen. Es ist also wie in der Politik: Die guten Nachrichten soll man möglichst dick und mit Quelle weitergeben, die Kritiker wollen meist ungenannt bleiben. Keiner wagt sich aus der Deckung.

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