Warum Soldaten-Ehen in die Brüche gehen

Die Kehrseite von Mobilität und Flexibilität

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie erschrocken sind über die hohe Scheidungsrate bei Soldaten-Ehen? Im jüngsten Wehrbericht des Bundestages steht schwarz auf weiß: "An manchen Bundeswehr-Standorten gibt es Trennungs- und Scheidungsraten von 80 bis 90 Prozent."

Das verschlägt einem die Sprache und weckt auf den ersten Blick Mitleid. Es darf einfach nicht sein, dass gerade in einem Beruf, in dem Männer und Frauen als "Staatsbürger in Uniform" Dienst für die Allgemeinheit leisten, solche Zustände herrschen. Da muss sich etwas ändern!

Schachfiguren in Uniform

Afghanistaneinsatz
Afghanistaneinsatz Quelle: ZDF


Wenn als häufigster Grund für die Trennungen die weite Entfernung zwischen Dienst- und Wohnort genannt wird, dann könnte man da natürlich ansetzen. Soldaten sollten heimatnah eingesetzt werden, und wenn sie länger in einer fernen Kaserne stationiert sein sollten, müsste der Familie der Umzug finanziell erleichtert werden. Wochenlange Trennung von der Familie tut nun wirklich nicht gut, das ist eine Binsenweisheit und sollte demnach auch zu Konsequenzen führen.

Es erschüttert mich, wenn der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus jetzt bekanntgab: Rund ein Viertel der 4864 Eingaben aus der Truppe im Jahr 2011 betreffen das Thema Beruf und Familie und die Not, die aus der räumlichen Distanz entsteht. Wenn Soldaten permanent versetzt werden und wie Schachfiguren sinnlos von einem Standort zum anderen verschoben werden, sollten die Verantwortlichen schon überlegen, ob das wirklich sein muss.

Berufspendler ohne Lobby

Auf den zweiten Blick wundert mich diese Trennungsstatistik und der Aufschrei, der das Thema auslöst, schon. Denn es sind ja nicht nur Soldaten, die "Wochenend-Ehen" führen oder wegen Auslandseinsätzen fern der Heimat sind. Nach der Wiedervereinigung waren Freitag und Sonntag abends die Ost-West-Autobahnen verstopft, weil Hunderttausende aus den neuen Bundesländern lange Wege in Kauf nehmen mussten, um Arbeit zu finden. Noch heute arbeiten viele weit entfernt von ihrem Wohnort, und niemandem ist das eine Schlagzeile wert. Im Gegenteil: Überall ist von Mobilität und Flexibilität in der Arbeitswelt die Rede. Nicht jeder kann gleich an seinen Arbeitsort umziehen, also leidet die Familie darunter. Aber muss das gleich zu Trennung und Scheidung führen?! Und "Auslandseinsätze" gibt es auch in normalen Firmen, die weltweit agieren, und nicht nur bei der Bundeswehr.

Ich meine, man soll bei jeder Strukturierung des Berufslebens die Familie im Blick, ja sogar im Mittelpunkt haben. Denn ganz nebenbei: Kein Arbeitgeber hat etwas davon, wenn seine Mitarbeiter wegen familiärer Probleme nicht belastbar sind. Es ist also auch in seinem Interesse, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Doch wer jetzt über die "armen Soldaten" lamentiert, sollte auch die hunderttausende von Berufspendler im Blick haben, deren Alltag nicht anders aussieht. Nur haben die keine Lobby und keinen "Wehrbeauftragten", der ihnen Öffentlichkeit verschafft und Hilfe bietet.

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