Wendepunkte

Wie verändert ein Schicksalsschlag das Leben?

Ein einschneidendes Erlebnis, ein Schicksalsschlag lassen viele noch einmal ihr Leben überdenken. Ist das alles richtig so, wie das zurzeit läuft? Gibt es nichts Besseres für mich? Andererseits: Bin ich bereit, das alles hinzuschmeißen und neu anzufangen? Die Gäste bei Peter Hahne, der Fernsehkoch Horst Lichter und der Ex-Häftling Johannes Kneifel, standen vor solchen Fragen – und haben die Umkehr geschafft.

Johannes Kneifel
Johannes Kneifel hat sich im Knast verändert.

Johannes Kneifel wird 1982 in Celle geboren. Als Kind fühlt er sich von seinen kranken und armen Eltern im Stich gelassen, von seinen Schulkameraden ausgegrenzt. Mit 14 bekommt er Kontakt zur rechten Szene in Eschede, dem neuen Wohnort der Familie, und fortan besteht sein Leben nur noch aus Saufen, rechtsextremer Musik und Gewaltexzessen. Auch verschiedene Maßnahmen des Jugendamtes verfehlen ihre Wirkung, immer tiefer rutscht der Jugendliche in den braunen Sumpf.

Im August 1999, nach einem heftigen Saufgelage mit seinem Skinhead-Kameraden Marco, machen sich die beiden Nazis auf, Peter Deutschmann eine "Lektion zu erteilen". Der in der Stadt als "Hippie" bezeichnete, langhaarige Sozialhilfe-Empfänger hatte Johannes’ Freund Marco aufgefordert, den "Nazi-Scheiß" sein zu lassen. Als Deutschmann den beiden Sturzbetrunkenen nicht die Tür öffnet, treten sie diese einfach ein und prügeln auf ihr Opfer ein. Selbst als Deutschmann bereits am Boden liegt, traktiert Kneifel ihn weiter mit seinen stahlkappenarmierten Springerstiefeln. Am nächsten Tag stirbt Peter Deutschmann im Krankenhaus und die Polizei verhaftet die beiden jugendlichen Täter. Wegen Körperverletzung mit Todesfolge werden die Schläger zu fünf Jahren Jugendhaft verurteilt.

"Vom Saulus zum Paulus"

Im Knast verabschiedet sich Kneifel schnell von seiner rechtsradikalen Gesinnung – angesichts der zahlreichen Häftlinge mit Migrationshintergrund, denen früher sein Hass gegolten hat, eine vernünftige Entscheidung. Obwohl er sich anfangs noch äußerst aggressiv im Gefängnis zeigt, absolviert er erfolgreich eine Lehre, besucht Gottesdienste und "findet schließlich zu Gott". Nach seiner Haftentlassung beginnt er ein Theologie-Studium, das er demnächst abschließen wird. Dann möchte er am liebsten als Jugendpfarrer in einem sozialen Brennpunkt arbeiten. Die Erfahrungen der letzten Jahre hat Kneifel in seinem Buch "Vom Saulus zum Paulus" (erschienen im September 2012) zusammengefasst.

Horst Lichter
Horst Lichter stand kurz vor dem Tod. Quelle: imago

Horst Lichter wird 1962 in Nettersheim/Eifel geboren. Nach der Schule absolviert er eine Ausbildung zum Koch, doch die Arbeitsumstände und die Profitorientierung in Großküchen und durchschnittlichen Restaurants decken sich nicht mit seinen Vorstellungen eines kulinarischen Jobs. Er gibt den Beruf auf und arbeitet, wie schon sein Vater, als Bergmann. Bereits mit 19 heiratet er und wird Vater. Da sein Lohn für ihn und die junge Familie nicht ausreicht, jobbt er zusätzlich auf einem Schrottplatz. Der frühe Kindstod seines ersten Kindes, der Tod seines Vaters und die stressigen Arbeitsverhältnisse übersteigen dann irgendwann die Kräfte Lichters: Erst 28-jährig erleidet er bereits den zweiten Hirnschlag und einen Herzinfarkt.

"Jetzt kocht er auch noch"

Daraufhin beschließt er, sein Leben grundsätzlich zu ändern. Er kündigt seine Jobs, trennt sich von seiner Familie und geht daran, seinen Traum zu verwirklichen: Ein eigener Laden! 1990 ist es soweit und Horst Lichter eröffnet in Rommerskirchen das Restaurant "Oldiethek". Hier kocht er für seine Gäste auf einem alten flämischen Kohleofen, während seine Gäste die Ergebnisse seiner Sammelleidenschaft bewundern dürfen. Das Restaurant ist dekoriert mit allem erdenklichen Kitsch, aber auch wertvollen Antiquitäten, alten Autos und Motorrädern. Eine Speisekarte gibt es in der "Oldiethek" nicht; die Gäste folgen den Empfehlungen des Kochs.

Mit zunehmender Medienpräsenz wird Lichter immer seltener in seinem Restaurant gesehen, so dass er es im Jahr 2010 schließt und in den Schwarzwald zieht. Einer breiten Öffentlichkeit wird er bekannt durch seine regelmäßigen Auftritte bei Johannes B. Kerner und dessen Nachfolgesendung "Lanz kocht". Außerdem ist er als Jurymitglied in der "Küchenschlacht" vertreten und steht mit Johann Lafer in "Lafer! Lichter! Lecker!" am Herd. Darüber hinaus hat Horst Lichter mehrere Kochbücher veröffentlicht und geht mit seinen Kochshows auf Tournee (aktuelles Programm: "Jetzt kocht er auch noch"). Lichter ist in dritter Ehe mit Nada Sosinka verheiratet, die früher in seinem Restaurant als Kellnerin gearbeitet hat.


von Harald Grimm

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