Windräder contra Kulturlandschaft

Umweltschützer messen mit unterschiedlichem Maß

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie darüber nachdenken, wie die neue Energiepolitik wohl unsere alte Kulturlandschaft verändern wird? Manchen wird schon angst und bange, dass sie bald kein Foto mehr schießen und keinen Ausblick mehr genießen können, ohne irgendwo riesige Windräder und bombastische Stromleitungen zu sehen.

Viele raten schon mit bissigem Humor, jetzt bewusst in Deutschland Urlaub zu machen, um noch einmal ungestört unsere schöne Landschaft zu betrachten. Sie könnte das letzte Mal so aussehen wie in diesem Jahr. Ganz von der Hand zu weisen ist diese Sorge nicht.


Was mich aber viel mehr ärgert ist die Inkonsequenz der Politik. Dieselben Grünen, die sich noch an Bäume ketteten, wenn diese wegen einer Umgehungsstrasse oder einer ICE-Trasse gefällt werden sollten, können jetzt nicht schnell genug die Stromtrassen durch die Landschaft schlagen, um die Energie, deren Gewinnung obendrein Nord- und Ostsee verschandeln werden, in den Süden der Republik zu bringen.

Schloss Neuschwanstein mit Windrad

Oft mussten Anwohner verstopfter Strassen jahrzehntelang in schädlichen Autoabgasen existieren, und kein Grüner hatte Erbarmen mit diesen armen Menschen, allein den Bäumen galt die Fürsorge. Eins von vielen Beispielen ist die Strasse von Freiburg hinauf in den Schwarzwald, im wahrsten Wortsinn ein "Höllental". Oder der Kampf um die Bahntrasse durch den Thüringer Wald, damit kürzere Fahrtzeiten den berufstätigen Reisenden mehr Lebensqualität bescheren könnten.

Den Umweltschützern ging es allein um die Qualität der Natur, um das Leben der Bäume. Soll das jetzt alles nicht mehr gelten? Heiligt der Zweck die Mittel? Genau diese Frage will ich beantwortet sehen, wenn die erste Axt an Bäume gelegt wird, die einer Stromtrasse oder einem Windpark weichen sollen. Und ich will wissen: Was bedeutet es für unsere Kulturlandschaft, wenn bald überall jene Energietechnik die freie Sicht stört, das Weltkulturerbe zerstört und ganze Regionen verschandelt. Gibt es bald kein Foto mehr vom Schloss Neuschwanstein, dem Ehrenmal von Laboe oder dem Schweriner Schloss, ohne dass irgendwo gewaltige Windräder zu sehen sind? Müssen die historischen Gemälde entsprechend ergänzt werden?

Ehrliche Landkarte nötig


Um die Dresdner Waldschlösschen-Brücke wurde bis in den Bundestag hinein gerungen, weil die UNESCO Konsequenzen androhte. Ich bin gespannt, wie die Politik reagiert, wenn die Kulturschützer plötzlich als Umweltschützer auftreten, um sich dem Verschandeln unserer Natur in den Weg zu stellen. Ob dann die alten Standards noch gelten? Werden dieselben Leute, denen es um die wunderschöne deutsche Kulturlandschaft ging, diese auch dann noch bewahren wollen? Man kann gespannt sein.

Ich habe nichts gegen erneuerbare Energie, ganz im Gegenteil. Doch ich will eine Landkarte sehen, auf der exakt verzeichnet ist, wie Deutschland in zehn Jahren aussehen wird. Diese Wahrheit ist die Politik dem Bürger schuldig, auch wenn sie eine bittere ist. Erst dann kann man sich für die Ideen begeistern (oder auch nicht), die jetzt dem entgeisterten Bürger im Hau-Ruck-Verfahren um die Ohren geschlagen wurden. Nur so, mit transparenter Informationspolitik, kann man auch vermeiden, dass wir Gewalt wie die um Stuttgart 21 erleben. Und ganz nebenbei: Ich bin mal gespannt, ob sich die Parkschützer auch dann noch vor die Bäume werfen, wenn sie zugunsten erneuerbarer Energie geopfert werden ...

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