Der getunte Mensch

Wie perfekt wollen wir sein?

Gesellschaft | Precht - Der getunte Mensch

Precht unterhält sich mit der Schriftstellerin Juli Zeh über Körperkult und Fitnesswahn.

Beitragslänge:
43 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 08.04.2018, 23:26

Im Mittelpunkt dieser Sendung, mit der Schriftstellerin Juli Zeh als Gast, steht der Mensch mit seinem Wunsch nach Perfektion. Noch nie in der Geschichte haben sich Menschen so sehr mit sich und ihrem Körper beschäftigt wie heute. Wir optimieren unser äußerliches Erscheinungsbild, unsere Gesundheit und demnächst vielleicht sogar unsere Gene.

Wir wollen perfekt sein, absolut vollkommen. Die Vollkommenheit und Fitness unseres Körpers ist zum Marketing-Instrument geworden. Nicht nur im Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt sondern auch im ganz privaten Leben. Eine neue Schere öffnet sich. Die Wohlhabenden können sich die Gesundheits-Konditionierung leisten, die Ärmeren nicht.

Markt- statt Sozialnormen

Rückansicht eines Bodybuilders
Haben nur die Fittesten eine Daseinsberechtigung? Quelle: imago

Im Gespräch mit der Schriftstellerin Juli Zeh möchte Richard David Precht dem Phänomen des sogenannten Self-Enhancements, also des Strebens nach Perfektionierung eines eigentlich gesunden Körpers, auf die Spur kommen. Ist es wirklich eine neue Erscheinung? Wie hat sich das Verhältnis zu unserm Körper und dessen Unzulänglichkeiten menschheitsgeschichtlich eigentlich entwickelt? Wie entstand die besondere Wertschätzung des Körpers über das reine Funktionieren hinaus? Wann erfand die Philosophie die Unterscheidung zwischen Körper und Geist/Seele, und welche Bedeutung hat das Körperliche in der Philosophie?

Die Marktnormen verdrängen die Sozialnormen immer mehr. Soziologen beobachten, wie es Teenagern immer schwerer fällt, aufgrund ihrer hoch gesteckten Erwartung an die körperliche Makellosigkeit und Attraktivität eines potentiellen Partners, reale Beziehungen einzugehen. Was wird eigentlich aus unserer Gesellschaft und unserem Zusammenhalt, wenn jeder sich nur noch für sich selbst interessiert? Schon heute ist der Ton zwischen jenen, die aus eigener Tasche in ihre Gesundheit und Fitness investieren, und jenen, die ihre Gesundheit aus eigener Tasche zu ruinieren scheinen (Raucher, Alkoholkonsumenten, Risikosportler oder Fastfood-Konsumenten) rauer geworden. Wie lange noch wird eine solche Gesellschaft bereit sein, ein Gesundheitssystem mitzutragen, das durch jene "unvollkommenen" Menschen drastisch verteuert wird? Letztlich stellt sich dann die Frage, wie denn unsere Gesellschaft mit Menschen umgeht, die nur deshalb durch das Raster der Optimierungsansprüche zu fallen drohen, weil sie mit einer Behinderung leben.

Chaos und Ordnung

Juli Zeh
Juli Zeh Quelle: imago

Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, zählt in die erstaunliche Reihe junger deutscher Schriftstellerinnen. "Der Spiegel" nannte sie einmal anerkennend "Fräuleinwunder der deutschen Literatur". Nach dem Abitur begann Juli Zeh ein Jura-Studium, das sie in Passau, Krakau, New York und Leipzig mit den Schwerpunkten Völkerrecht und Nation Building absolvierte. 1998 legte sie in Leipzig das Erste, 2003, nach einem Praktikum bei den UN in New York, das Zweite juristische Staatsexamen ab. 2010 promovierte sie in Saarbrücken zum Thema "Übergangsrecht".

Noch während ihres Studiums belegte sie Vorlesungen am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, ihr Diplom erhielt sie im Jahr 2000. Ihr Debüt-Roman "Adler und Engel" erschien 2001 und wurde bis heute in 28 Sprachen übersetzt. Danach publizierte sie in regelmäßiger Folge Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke. In ihrem Roman "Corpus delicti" (2009) beschreibt Zeh eine fiktive Gesellschaft, die von einer Gesundheitsdiktatur beherrscht wird und in der Gesundheit zur ersten Bürgerpflicht geworden ist.

Nahezu alle ihre Werke sind durchzogen von Gedanken um den Antagonismus von Chaos und Ordnung, von flüchtigem Zusammenhalt und den Normen einer auf Individualisierung und Globalisierung beruhenden Gesellschaft, die keine Verantwortlichkeit für die Zukunft einer Weltgemeinschaft mehr erkennen lässt. Juli Zeh ist im Tierschutz engagiert. Ihr schriftstellerisches Werk ist bis heute vielfach ausgezeichnet worden - vom Caroline-Schlegel-Preis für Essayistik (2000) bis zum Carl-Amery-Literaturpreis und dem Solothurner Literaturpreis (beide 2009). Ihr jüngster Roman "Nullzeit", ein 2012 erschienener Psychothriller, handelt von einer fatalen Dreiecksbeziehung. Juli Zeh lebt heute in einem Dorf im brandenburgischen Havelland.

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