Welt in Bewegung

Die Flüchtlinge und wir

Gesellschaft | Precht - Welt in Bewegung

Der reiche Westen erlebt zur Zeit eine Flüchtlingswelle wie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr. Richard David Precht spricht darüber mit Cap-Anamur-Mitbegründer Rupert Neudeck.

Beitragslänge:
44 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 11.09.2020, 14:08
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2015

Sind die gegenwärtigen Fluchtbewegungen nur eines jener tragischen, immer mal wiederkehrenden Phänomene, die die Industriestaaten lediglich politisch und logistisch aussitzen müssen, oder sind sie Vorboten einer viel gravierenderen Schieflage auf unserem globalisierten Planeten? Die Welt ist in Bewegung: Der reiche Westen erlebt zurzeit eine Flüchtlingswelle wie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr. Zu diesem Thema begrüßt Richard David Precht Rupert Neudeck, den Mitbegründer der Hilfsorganisationen Cap Anamur/Deutsche Notärzte e. V. und Grünhelme, der sich seit 36 Jahren dem Kampf gegen das Flüchtlingselend verschrieben hat.

Seit Hunderttausenden von Jahren sind Menschen unterwegs. Sie wandern von ihren Heimatregionen in andere Gebiete, als Pioniere und Eroberer, aber auch als Flüchtlinge und Vertriebene. Die Flüchtlinge von heute vereint der Wunsch nach einem sicheren, besseren Leben in den wohlhabenden europäischen Ländern. Dort hat man mit dem Ende des kalten Krieges, dem Zerfall der Sowjetunion und mit dem Schengener Abkommen die Grenzen geöffnet, Mauern und Zäune feierlich niedergerissen.

Kampf gegen Globalisierung

Nun aber werden in Ungarn, Bulgarien, England und anderswo wieder Grenzsperren aufgebaut oder geplant, um Flüchtlinge schon an den EU-Außengrenzen aufzuhalten. Die vielberufene Globalisierung ist nicht überall willkommen: Während freie Kapitalströme, der Austausch von Waren und Wissen willkommen sind, soll der Menschenstrom der Verfolgten und Heimatlosen nicht ganz so frei fließen.
Soll die EU daher endlich ihre Grenzen aufmachen, um alle Flüchtlinge und Zuwanderer aufzunehmen? Wie viele Flüchtlinge verkraftet Deutschland wirklich? Oder sollen wir uns stattdessen viel nachhaltiger und weitreichender in die Geschicke jener Staaten einmischen, aus denen Asylbewerber und Einwanderer stammen?

Politik muss vollkommen umdenken

Für Rupert Neudeck beginnt eine erfolgreiche Flüchtlingspolitik in einer völlig neu ausgerichteten Entwicklungspolitik. Er plädiert dafür, einzelne funktionierende Staaten mit gezielten und massiven Partnerschaften zu ertüchtigen und so den Menschen in ihren Ländern neue Perspektiven zu geben. Neudeck setzt sich zudem dafür ein, dass Migranten auch ohne Asylrecht Zugang zu unserer Gesellschaft erhalten müssen.
Ist der gegenwärtige Diskussionsansatz zur Flüchtlingspolitik völlig falsch gewählt, indem man über die für uns spürbare Symptomatik lamentiert und sich kaum mit den Ursachen und unserer Verantwortung für dieselben auseinandersetzt, fragen sich Precht und Neudeck. Abschreckung statt Mitleid, Angst vor Überfremdung statt Hilfsbereitschaft. Die Zeiten sind vorbei, so Precht, dass wir uns hinter Landesgrenzen vor den Problemen der Welt abschotten, um unseren Wohlstand zu schützen.

    Ruprecht Neudeck

    Rupert Neudeck wurde 1939 in Danzig geboren. Anfang 1945 musste er mit seiner Mutter und den vier Geschwistern aus Danzig fliehen. Der Umstand, dass sie das Flüchtlingsschiff Wilhelm Gustloff, das kurze Zeit später versenkt wurde, um zwei Stunden verpassten, rettete ihnen das Leben.
    Neudeck wuchs in Hagen auf. 1961 brach er sein Theologiestudium ab und trat für zwei Jahre dem Jesuitenorden bei. Nach einer schweren Krankheit verließ er den Orden wieder und beendete 1970 sein Philosophiestudium mit einer Promotion über die „Politische Ethik bei Jean-Paul Sartre und Albert Camus“.
    Bis Ende der 1970er Jahre arbeitete Neudeck für verschiedene Presseorgane. Unter anderem für die katholische Funk-Korrespondenz Köln und den DLF.
    Die Berichte über die tragische Not vietnamesischer Flüchtlinge im Südchinesischen Meer veranlasste ihn 1979, zusammen mit dem Schriftsteller Heinrich Böll und dem damaligen Report-Redakteur Franz Alt, das Komitee "Ein Schiff für Vietnam" zu gründen. Mit dem Frachter Cap Anamur rettete Neudeck mehr als 10.000 Boat People und brachte sie nach Deutschland.
    Seit 1982 engagiert sich die Hilforganisation Cap Anamur / Deutsche Notärzte e.V. in vielen Krisenländern der Erde.
    Mit seinem Engagement für mehr Gerechtigkeit in den Palästinensischen Autonomiegebieten geriet er in israelfreundlichen Kreisen immer wieder in die Kritik.
    2003 gründete Neudeck gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, den internationalen Friedenskorps Grünhelme e. V., der bewusst christliche und muslimische Zusammenarbeit fördern soll und überall auf der Welt aktiv ist. Man finanziert sich ganz ohne staatliche Gelder und engagiert sich vornehmlich in den vernachlässigten Randgebieten verschiedenster Krisengebiete mit überschaubaren Aufbauprojekten.
    Neudeck veröffentlichte zahlreiche Bücher zu den Themen, für die er sich engagierte. Zuletzt erschien 2014 mit „Radikal Leben“ ein Buch, das seine lebensphilosophische Grundhaltung zusammenfasst und ein Plädoyer für mehr Widerstand und mehr Mut in unserer Gesellschaft darstellt.
    „Niemals feige – immer mutig“, so fasste Neudeck die Maxime seines Lebens einmal zusammen.

    Bildquelle: dpa

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