Ende der Geheimnisse: Die gläserne Gesellschaft

Richard David Precht im Gespräch mit Marina Weisband

Gesellschaft | Precht - Ende der Geheimnisse: Die gläserne Gesellschaft

Transparenz heißt das Gebot der Stunde, totale Offenheit im Politischen wie im Privaten. Über diesen vielschichtigen Begriff diskutiert Richard David Precht mit Marina Weisband von den "Piraten".

Beitragslänge:
44 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 23.06.2018, 23:25

Das Internet hat die Voraussetzung für eine grenzenlose, radikal offene wie ungefilterte Kommunikation geschaffen. Diskussionen, Meinungen und Selbstdarstellungen von jedermann sind im Netz für jeden einsehbar. In Foren, Chats, Blogs, auf Twitter und Facebook kann heute jeder alles posten, liken oder Shitstorms gegen andere entfachen. Die verschwimmende Grenze zwischen Intimität und Öffentlichkeit hat ein neues Verständnis von Gesellschaft erzeugt, das viele nun nicht mehr nur auf die Netzwelt beziehen wollen.

Ampelmännchen mit Plakat "Der gläserne Bürger"
Wie weit darf Transparenz gehen? Quelle: imago

Transparenz heißt das Gebot der Stunde, totale Offenheit im Politischen wie im Privaten. Über diesen vielschichtigen Begriff diskutiert der Philosoph und Erfolgsautor Richard David Precht in seiner ZDF-Philosophiesendung mit einer Expertin, die mit dem Thema bestens vertraut ist: Marina Weisband, Ex-Geschäftsführerin der Piratenpartei und Autorin.

Politiker mit "Scheißegal-Gen"

Besonders die junge Generation fordert heute Transparenz: in der Arbeitswelt, der Wirtschaft und vor allem in der Politik. Was bisher hinter verschlossenen Türen verhandelt wurde, daran soll nun jede Bürgerin und jeder Bürger teilhaben können - und in immer stärkerem Maße auch mit entscheiden dürfen. Mehr Teilhabe soll auch mehr Akzeptanz erzeugen. Aber ist die Forderung nach mehr gesellschaftlicher Transparenz das Heilmittel gegen Polit-Affären, Korruption, Machtmissbrauch und Politikverdruss? Brauchen wir, so fragt Precht, ein Update auf eine Demokratie 2.0, in der mit offener Kommunikation, einschließlich der Offenlegung aller Privatvermögen, wieder ein stärkeres Vertrauen zwischen Regierenden und Regierten geschaffen wird? Oder ist die Vision einer Transparenzgesellschaft in Wahrheit ein Alptraum in Form einer Kontrollgesellschaft, in der dann, laut Lenin, Vertrauen gut, Kontrolle aber eben besser ist?

Wie ist es überhaupt um das tatsächliche Bedürfnis der Menschen nach Einblick und Mitbestimmung bestellt? Marina Weisband beklagt in ihrem Buch „Wir nennen es Politik“ den Widerspruch zwischen dem Desinteresse der Bevölkerung an politischer Einflussnahme aber der gleichzeitigen Lust am Shitstorm. Auch sie kommt, wie schon der Berliner Philosoph und Transparenz-Kritiker Byung-Chul Han, zu dem Schluss, dass das Instrument der simplen Machtausübung wohl kaum aus der Politik zu entfernen ist. Das aber schafft jene Politiker mit dem „Scheißegal-Gen“, wie es Weisband nennt, die sich eher durch Durchsetzungskraft und Stehvermögen auszeichnen als durch gute politische Ideen. Hat Weisband ihren Traum von einer besseren Politik durch Transparenz bereits aufgegeben?

Gast der Sendung

Marina Weisband
Marina Weisband Quelle: imago

Marina Weisband wurde 1987 in Kiew geboren. Nachdem sie 1994 mit ihren Eltern nach Deutschland gezogen war, besuchte sie in Wuppertal das Gymnasium, wo sie auch das Abitur bestand. Seit 2006 studiert sie Psychologie in Münster. 2009 wurde sie Mitglied der Piratenpartei, für die sie bereits ein Jahr später im Studierendenparlament der Uni Münster saß. Als Mitglied des Kreisverbands Münster wurde sie 2011 auf dem Bundesparteitag der Piraten zur Politischen Geschäftsführerin gewählt. Hauptthemen sind für Weisband Jugendpolitik, Bildung und Transparenz in der Politik. Parteiintern kritisierte sie deutlich den Umgang ihrer Partei mit ehemaligen NPD-Mitgliedern, die nun zu den Piraten gehören.

Gemäß einer Ankündigung im Januar 2012, sich wegen ihres Studiums von der Parteispitze zurückzuziehen, kandidierte sie im April diesen Jahres nicht mehr für eine zweite Amtszeit. Dieser Verzicht habe aber nichts mit den antisemitischen Beleidigungen zu tun, die sie aus ihren eigenen Reihen zu ertragen hatte. Sie werde sich weiterhin in der Partei engagieren. Neben ihrer politischen Arbeit und dem Studium betätigt sich Marina Weisband als freie Künstlerin, arbeitet in einem gemeinnützigen Verein in Wuppertal mit und schreibt einen Blog auf FAZ NET. Im Juni 2013 hat sie ihren Verlobten Marcus Rosenfeld geheiratet.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet