Kampfzone Nationalstaat - Brauchen wir noch Grenzen?

Precht im Gespräch mit Klaus von Dohnanyi

Gesellschaft | Precht - Kampfzone Nationalstaat - Brauchen wir noch Grenzen?

Über die Wiederkehr des Nationalstaats und des Nationalismus - ausgehend von der Ukraine-Krise - spricht von Dohnanyi, SPD-Vordenker und ehemaliger Erster Bürgermeister von Hambung, mit R. D. Precht.

Beitragslänge:
43 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 05.06.2019, 15:22

In den letzten Monaten hat sich das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen so abgekühlt, dass Viele die Wiederkehr des Kalten Krieges fürchten. Ist etwa nun in der Ukraine-Krise das Gespenst des Nationalismus wieder auferstanden? Darüber spricht Richard David Precht mit Klaus von Dohnanyi, einem der wichtigsten politischen Denker der SPD, dem ehemaligen Ersten Bürgermeister von Hamburg und versierten Außenpolitiker.

Auch in anderen Krisenregionen der Welt gilt: Die Zugehörigkeit von Völkern zu Nationen und zu Territorien sowie geostrategische Interessen scheinen auf einmal wieder von höchster Wichtigkeit zu sein. Doch wie passen diese Vorstellungswelten aus dem 19. Jahrhundert überhaupt ins 21. Jahrhundert – in unsere Zeit der grenzenlosen digitalen Vernetzung, in der neue Supermächte wie Google oder Apple herrschen? Mitten aus unserer modernen, aufgeschlossenen globalen Gesellschafts-Cloud fordern Politik wie Presse, dass unser Land „Stärke zeigen“ muss. Passt das alles noch in unsere Zeit?

Zukunft ohne Grenzen?

Rechtsradikaler Demonstrant steht mit Baseball-Schläger vor dem Parlament in Kiew
Gespenst des Nationalismus: rechtsradikaler Demonstrant in Kiew Quelle: ap

Klaus von Dohnanyi hat sich anlässlich der Krim-Annexion an die Vertreter der Westmächte gewandt und zur Besonnenheit aufgerufen. Er wehrt sich vor allem gegen die Polemik der Hardliner, die jeden als „Putin-Versteher“ brandmarken, der sich der amerikanischen Sanktions- und Drohstrategie nicht anschließen will. Mit seinem analytischen Blick in die Geschichte und die Komplexität der Gegenwart mahnt er, die separatistischen Bestrebungen in der Ukraine immer auch im Kontext ähnlicher Bewegungen zu beurteilen, wie sie sich etwa im kanadischen Quebec, Nordirland, im Baskenland oder in Schottland abspielen. Doch in welchem Fall sind solche Autonomiebestrebungen legitim oder eben dringend zu unterbinden? Und mit welcher Begründung darf sich ein anderer Staat in diese Konflikte einschalten?

Die Vorstellung von der guten Nation, wie sie der große Philosoph Immanuel Kant in seiner Schrift zum ewigen Frieden juristisch erfassen wollte, scheint heute jedenfalls nicht mehr zu funktionieren. Territoriale Unversehrtheit, Schutz des Volkes und die Nichteinmischungspflicht sind in unserer komplexen Gegenwart vielfach nicht mehr in Deckung zu bringen. Sollten wir daher nicht eine Zukunft ohne Staatsgrenzen anstreben, fragt Richard David Precht. Woran scheitert so etwas eigentlich? Am Entwicklungsgefälle zwischen Staaten? An der Angst um knapper werdende Ressourcen? Und welche Bedingungen müsste eine solche Utopie erfüllen?

Gast der Sendung

Klaus von Dohnanyi
Klaus von Dohnanyi Quelle: dapd

Klaus von Dohnanyi wurde 1928 in Hamburg geboren und ist der Sohn des 1945 hingerichteten Juristen und Widerstandskämpfers Hans von Dohnanyi sowie der Schwester Bonhoeffers, Christine Bonhoeffer.

Von Dohnanyi studierte nach dem Krieg Jura in München und erwarb 1953 den Bachelor of Laws der Yale Universität. Er hatte verschiedene Posten in den USA inne, bis er schließlich mit dem Wunsch, in die Politik zu gehen, nach Deutschland zurückkehrte. Hier war er zunächst für das Marktforschungsinstitut INFRATEST tätig.

Hamburger Karriere

Er wurde 1957 Mitglied der SPD und 1979 Landesvorsitzender in Rheinland-Pfalz. Als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft wurde er 1972 in der Regierung Willy Brandt als Nachfolger des zurückgetretenen Hans Leussink zum neuen Bundesminister für Bildung und Wirtschaft ernannt. Er bemühte sich um eine weitreichende Hochschulreform, die am Widerstand des linken SPD-Flügels scheiterte, doch deren Eckpunkte bis heute fast alle umgesetzt sind. Mit Brandts Rücktritt 1974 schied auch von Dohnanyi aus der Regierung aus und wurde 1976 als Staatsminister ins Auswärtige Amt berufen.

Besondere Aufmerksamkeit erlangte von Dohnanyi allerdings durch seine 7-jährige Amtszeit als Erster Bürgermeister von Hamburg (1981 – 1988). Er zeichnet mitverantwortlich für die friedliche Beilegung des Konfliktes um die Hausbesetzungen in der Hafenstraße aber auch für die Durchsetzung des Kernkraftwerkes Brokdorf. Er setzte sich für die Ansiedelung von AIRBUS ein und die Eröffnung neuer Museen.

Frieden durch Diplomatie

Seit seiner Abdankung engagierte sich von Dohnanyi in verschiedenen Bereichen. Nach der Wiedervereinigung war er für die Treuhandanstalt tätig. Er ist Gründungskommissar der „Bucerus Law School“, und stellvertretender Vorsitzender in Roman Herzogs „Konvent für Deutschland“. 2012 wurde er als Nachfolger Christian Wulffs im Amt des Bundespräsidenten gehandelt.

In jüngster Zeit macht von Dohnanyi durch seine kritische Haltung zur westlichen Ukraine-Politik auf sich aufmerksam. Er mahnt zu mehr Verständnis gegenüber der Russischen Haltung und warnt vor einem Rückfall in den Kalten Krieg. Die Geschichte lehre uns, so von Dohnanyi, dass allein nachsichtige Diplomatie und ein deeskalierenden Dialog für friedliche Lösungen tauglich sei.

Klaus von Dohnanyi wurde unter anderem mit der Theodor-Heuss-Medaille (1988), der Mitgliedschaft Club of Rome (1996) und dem Hanns-Martin-Schleyer-Preis (2006) ausgezeichnet. Er ist in dritter. Ehe mit der Autorin Ulla Hahn verheiratet und Vater von drei Kindern.

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