Politik ohne Plan – Wer denkt an die Zukunft?

Richard David Precht im Gespräch mit Harald Welzer

Gesellschaft | Precht - Politik ohne Plan – Wer denkt an die Zukunft?

Der Sozialpsychologe kritisiert die herrschende Politik, die sich selbst als "alternativlos" bezeichne. Statt wie früher das "kleinere Übel" zu wählen, verzichtet er diesmal ganz auf den Urnengang.

Beitragslänge:
44 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 06.09.2018, 16:21

Die Politik aller westlichen Industrienationen, so scheint es, besteht heute aus kurzatmigen Entscheidungen. Man regiert "auf Sicht". Aus Weltanschauung ist Opportunität geworden und aus langfristiger politischer Strategie wurde kurzfristige Taktik.

Angela Merkel
Angela Merkels "alternativlos" wurde 2010 zum "Unwort des Jahres" gewählt. Quelle: dpa

Zwei Wochen vor der Bundestagswahl bittet Richard David Precht den Soziologen und Sozialpsychologen Harald Welzer in seine ZDF-Philosophiesendung "Precht". Welzer konstatiert: Deutschland hat offensichtlich das Entwerfen seiner Zukunft verlernt. Eine solche Politik der Perspektivlosigkeit, die sich selbst passend als "alternativlos" beschreibt, ist für den Bestsellerautor Welzer ("Klimakriege", "Selbst denken") ein Symptom für Staaten, die ihren wirtschaftlichen und politischen Zenit überschritten haben. Kennzeichen dafür sei vor allem das Festhalten an alten Erfolgsmustern, das die Probleme noch vergrößere, weil es den Horizont für das Denken des Neuen verenge.

Wahlboykott?

Dabei war das konsequente Hinarbeiten auf einen gesellschaftlichen Fortschritt das zentrale Projekt der Aufklärungsphilosophie bei Diderot, Kant und Hegel und mit ihr der ungeschriebene Verfassungsauftrag bürgerlicher Gesellschaften. Doch wo, fragt Richard David Precht, bleiben heute die konkreten Handlungsszenarien für eine Gesellschaft, die nicht mehr auf permanentes quantitatives Wirtschaftswachstum angelegt ist? Wer arbeitet zügig auf ein faires und risikoloseres Banken- und Finanzsystem hin? Wer hat eine Vision von einem künftigen Europa? Wie sieht es mit der Generationengerechtigkeit aus? Welcher Politiker orientiert sein Denken und Handeln an der Frage: Wie wollen wir in zehn oder zwanzig Jahren leben?

Angesichts des Mangels an zukunftsweisenden Ideen und Konzepten in der Politik  provoziert Harald Welzer mit der Forderung, bei der Bundestagswahl nicht mehr zu wählen, weil keine Partei zukunftsfähige Utopien mehr entwerfe. Außerdem stünden bei der Wahl ohnehin nicht jene Mächte und Machthaber zur Wahl, die tatsächlich die Geschicke unseres Landes nach ihren eigenen Interessen beeinflussen und gestalten würden. Precht und Welzer fragen: Ist die Zukunftskrise auch eine Demokratiekrise?

Gast der Sendung

Harald Welzer
Harald Welzer Quelle: imago

Prof. Dr. Harald Welzer wurde 1958 in Bissendorf in der Nähe von Hannover geboren. Nach seinem Studium der Soziologie, Politischen Wissenschaft und Literatur an der Universität Hannover, promovierte er 1988 im Fach Soziologie. 1993 schloss er seine Habilitation in Sozialpsychologie ab, acht Jahre später folgte die akademische Lehrerlaubnis in Soziologie. Von 1993 bis 1999 lehrte er Sozialpsychologie an seiner Heimatuniversität, an der er in den 1990er Jahren insgesamt vier Jahre auch als Direktor des Instituts für Psychologie tätig war. Seit 2012 ist Welzer unter anderem Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg. Hier versucht Welzer gemeinsam mit seinen Studenten, Lösungen für das aktuelle problematische Wirtschafts-und Gesellschaftsmodell zu finden sowie Veränderungsprozesse zu gestalten und anzutreiben. Seine heutigen Schwerpunkte liegen bei der Erinnerungs-und Gedächtnisforschung, der Gewalt-und Holocaustforschung und der kulturwissenschaftlichen Klimafolgenforschung.

Im Laufe seiner Karriere leitete Welzer verschiedene Projekte wie zum Beispiel das Projekt "Katastrophenerinnerung", das 2008 ins Leben gerufen wurde. Im vergangenen Jahr gründete er die gemeinnützige Stiftung "FUTURZWEI. Zukunftsfähigkeit", die Geschichten von Menschen präsentiert, die nicht nur über die negative Entwicklung der Gesellschaft oder der Wirtschaft reden, sondern auch dagegen handeln.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet