1914/2014 – Lernen wir aus der Geschichte?

Richard David Precht im Gespräch mit Prof. Dr. Christopher Clark

Gesellschaft | Precht - 1914/2014 – Lernen wir aus der Geschichte?

Der Historiker und Bestsellerautor Professor Clark ist diesmal Gast von Precht. Thema: Warum brach der Erste Weltkrieg vor 100 Jahren aus, wer hatte Schuld und welche Lehren wurden daraus gezogen?

Beitragslänge:
43 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 17.02.2019, 10:45

Vor 100 Jahren brach der Erste Weltkrieg aus. Jahrzehnte spielte er im öffentlichen Gedächtnis der Deutschen kaum eine Rolle. Der Horror des Zweiten Weltkriegs verdeckte die kollektive Erinnerung an die – wie der US-Historiker und Diplomat George F. Kennan sie nannte - erste "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", die 17 Millionen Europäern den Tod brachte. Droht im Jahr 2014 eine ähnliche Entwicklung? Darüber spricht Precht mit dem Bestseller-Autoren, Historiker und Preußen-Kenner Christopher Clark.

Zwei Soldaten tragen einen Verwundeten vom Schlachrfeld.
Welche Lehren haben wir aus dem Ersten Weltkrieg gezogen? Quelle: imago

Im Gedenkjahr 2014 ist der Krieg in einer Flut von wichtigen Publikationen wieder gegenwärtig geworden. Der Erste Weltkrieg ist mit seinen Folgen aktueller für die Gegenwart als es scheint. Erst 2010 war er zum Beispiel für Deutschland finanziell beendet, als endgültig die letzte Rate der Reparationen beglichen wurde, die der Vertrag von Versailles vorsah. Aktuell sind auch die Krisen und Kriege in Südosteuropa oder dem Mittleren Osten, die durch willkürliche Grenzziehungen der Sieger des Ersten Weltkriegs quer durch Völker, Ethnien und Religionen entstanden sind und bis heute Konflikte provozieren.

Richard David Precht empfängt in seiner Philosophie-Sendung „Precht“ nun den renommierten Historiker, Bestsellerautor und Preußen-Kenner Christopher Clark, um über die Folgen und die Lehren des Krieges zu diskutieren. Und um die grundsätzliche Frage zu stellen: Ist es uns möglich, aus der Geschichte zu lernen?

2014 – wieder ein Jahr des Umbruchs?

Der Erste Weltkrieg hätte nicht sein müssen, meint der Cambridge-Professor Christopher Clark, der in seinem aktuellen Geschichtsbestseller „Die Schlafwandler“ ebenso detailreich wie packend nacherzählt, wie Machtanmaßung, Engstirnigkeit und Unnachgiebigkeit der europäischen Großmächte direkt in die Kriegshölle führten. Clark relativiert damit nebenbei auch die These von der alleinigen deutschen Kriegsschuld. Aber er sagt auch: „Unsere Welt ähnelt immer mehr der Welt von 1914, eine beunruhigende Entwicklung“.

1914 symbolisiert die Zerreißprobe zwischen den Idealen einer alten und einer völlig neuen Welt, die besonders durch ihre technischen und sozialen Umwälzungen von vielen nicht verstanden und als Bedrohung wahrgenommen wurde. Die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Systeme hatten eine Komplexität erreicht, die Besorgnis und Desorientierung auslöste. Stehen wir also 2014 vor einem ähnlich gelagerten Umbruch? Die totale digitale Vernetzung, implodierende Geldsysteme, das scheinbare Ende des Wirtschaftswachstums und das aggressive Aufbäumen der konservativen islamischen Welt lassen die Vorstellung aufkommen, als stünden wir wieder an der Schwelle einer Eskalation. Oder ist das alles nur ein vorschneller, modischer Vergleich? Anlass genug, Christopher Clark zu fragen, ob eine historische Aufarbeitung der Schlüssel-Ereignisse von 1914 uns helfen könnte, ähnliche Katastrophen in Zukunft zu vermeiden.

Gast der Sendung

Christopher Clark
Christopher Clark Quelle: imago

Christopher M. Clark, Historiker, Autor und Professor in Cambridge, gilt als führender Experte für preußische Geschichte. 1960 in Sydney geboren, studierte er Geschichte in seiner Heimatstadt, in Berlin (FU 1985 – 1987) und in Cambridge (1997 – 1991). 1991 wurde er promoviert und ist seit 2008 Professor für moderne europäische Geschichte an der University of Cambridge.

Mit seinem aktuellen Buch „Die Schlafwandler“, in dem er sich mit den Mechanismen beschäftigt, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 führten, heizt Clark erneut die Diskussion um die deutsche Kriegsschuld an. Nachdem vor über 50 Jahren das Buch „Griff nach der Weltmacht“ (1961) von Fritz Fischer einen großen Historikerstreit auslöste, weil es dem deutschen Kaiser Wilhelm II. die Hauptschuld am Ersten Weltkrieg zuwies, meldet sich nun Christopher Clark zu Wort. Er kommt auf der Basis einer höchst genauen und tiefgehenden Recherche der vorhanden nationalen und internationalen Quellen zu einem relativierenden Schluss. Das Buch ist ein großer Publikumserfolg und rangierte zeitweilig auf Platz 2 der Spiegel-Bestsellerliste.

Moderner Blick auf Preußen

Bereits mit seinem Buch „Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600 – 1947“ (2007) lieferte Clark ein vielbeachtetes Werk zur Preußenforschung ab. Clark räumte mit vielen Preußen-Klischees auf und schloss sich hierbei nicht der bisher gängigen These an, dass Preußens Weltmachtstreben Europa in den Abgrund gestoßen habe. Diese Veröffentlichung brachte ihm große Anerkennung und einige Auszeichnungen ein. Als erster Preisträger aus dem nicht-deutschsprachigen Ausland erhielt er 2010 den deutschen Historikerpreis.

Neben zahlreichen Artikeln und Essays ist er außerdem Co-Autor einer Lehrbuchreihe über Europäische Geschichte, schrieb unter anderem über das Verhältnis zwischen Pietismus und Judentum in Preußen und veröffentlichte 2000 eine kritische Biografie über Wilhelm II. Bezeichnend für seine Publikationen ist die Verbindung aus tiefgehender und präziser Analyse und erzählerischem Können. Außerdem attestiert man ihm einen „modernen Blick“ auf verstaubte historische Thesen und eine hohe wissenschaftliche Neutralität.

Er ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft zur Preußischen Geschichte, Mitglied der Preußischen Historischen Kommission und seit 2010 Mitglied des German Historical Institute London und der Otto-von-Bismarck-Stiftung. 2013 wurde ihm der Braunschweiger Geschichtspreis verliehen. Clark ist mit der Kunst- und Filmwissenschaftlerin Nina Lübbren verheiratet, mit der er zwei Söhne hat.

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