Wozu Glauben?

Richard David Precht im Gespräch mit Feridun Zaimoglu

Gesellschaft | Precht - Wozu Glauben?

Warum hat der Glaube auch heute noch in unserer modernen Welt einen so großen Einfluss auf unser Leben? Das fragt Richard David Precht den deutsch-türkischen Schriftsteller Feridun Zaimoglu.

Beitragslänge:
43 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 06.12.2020, 23:59
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2015

Unter dem Eindruck des Pariser IS-Terrors stellt sich die Frage: Ist Religion gar die Wurzel allen Übels? Scheinen doch fast alle großen Konflikte in unserer Welt religiös begründet und motiviert zu sein. Warum hat der Glaube auch heute noch einen so großen Einfluss auf unser Leben? Das fragt Richard David Precht den in der Türkei geborenen deutschen Schriftsteller Feridun Zaimoglu.

Der Terror des so genannten IS gegen die westliche Welt, Sunniten gegen Schiiten, Israelis gegen Palästinenser, Kämpfe in Afrika oder früher die christlichen Kreuzzüge: Meist scheinen Kriege wegen Religion und Glauben geführt zu werden. Richard David Precht fragt seinen Gast, den Schriftsteller Feridun Zaimoglu („Siebentürmeviertel“, 2015) in seiner Sendung, ob folgerichtig eine Welt ohne Religion die Welt friedlicher machen würde. Vor allem der Ausschließlichkeitsanspruch der meisten Weltreligionen, es gäbe nur einen wahren Glauben, muss immer wieder zum Anlass für religiös motivierte Gewalt herhalten. Religion und Glaube sollte doch aber der Erlösung, Liebe und der Wahrung einer friedlichen Gemeinschaft dienen.

Über die Terrorangriffen in Paris sagt der Muslim Feridun Zaimoglu : „Ich werde fast verrückt, wenn ich diese Henker und Richter, diese Blutverspritzer sehe“. Er empfinde unglaubliche Trauer, dass Menschen andere in die Luft jagen um Gottes Willen. Für ihn gelte: „Ohne Menschenliebe gibt es keine Gottesliebe“.

symbolbild: christentum und islam
Der Glaube gehört zum Menschsein dazu, in welcher Religion auch immer Quelle: ap

Glaube gehört zum Menschsein

In welchem Verhältnis steht der Glaube überhaupt zur Religion, zur Wissenschaft, zum modernen rationalen Leben, das wir führen? Was ist das überhaupt, Glaube, und spielt er heute wirklich noch eine so maßgebliche Rolle in unserem Leben? Viele haben sich im aufgeklärten Westen aus religiösen Institutionen zurückgezogen und leben heute lieber ihre ganz private Spiritualität aus. Religionspsychologen wundert das nicht, sind sie doch davon überzeugt, dass religiöses Empfinden dem Menschen notwendig innewohnt.

Auf der ganz persönlichen Suche nach dem wahren Glauben wird der Glaube schnell zur Ware. Aus Horoskopen, Körperkult, Liebesglück, Selbstverwirklichung und allerlei Privat-Mystik wird heute das religiöse Süppchen gekocht, für das jeder sein ganz eigenes Rezept verwendet. Führt das aber nicht die eigentliche Idee der Kirche, der religiösen Gemeinschaft ad absurdum? Welchen spirituell prägenden Einfluss kann eine Gesellschaft noch ausüben, deren Glaube zu jedermanns Privatsache geworden ist? Sind die Werte des so genannten „christlichen Abendlandes“ in Gefahr?

Fest zu stehen scheint nur, so Precht, dass unser rationaler Verstand, unsere Logik und unsere Wissenschaftlichkeit offenbar nicht im Stande sind, uns den Glauben ganz auszutreiben. Precht: „Glauben gehört zum Menschsein dazu“.

    Feridun Zaimoglu

    Feridun Zaimoglu, 1964 im türkischen Bolu geboren, lebt seit seiner Kindheit in Deutschland. Bekannt wurde Zaimoglu mit Werken wie "Kanak Sprak", "Leyla", "Liebesbrand" oder "Hinterland". Kürzlich ist sein neuester Roman "Siebentürmeviertel" erschienen. Feridun Zaimoglu wuchs als „Gastarbeiter-Kind“ in München, Bonn und Berlin auf. Seit 1984 ist er in Kiel zuhause.

    Feridun Zaimoglu studierte in Kiel Kunst und Humanmedizin, arbeitet als Schriftsteller, Maler, Dramatiker, Drehbuchautor und Journalist. Seinen Durchbruch erlebte er 1995 mit einem Buch, dessen Titel zu einem sprichwörtlichen Begriff geworden ist: „Kanak Sprak“, die kunstvollen Sprachprotokolle zorniger junger Migranten. Mit „Abschaum“ (1997) veröffentlichte Zaimoglu das Lebensprotokoll eines drogenabhängigen Kleinkriminellen, das später unter dem Titel „Kanak Attack“ verfilmt wurde. Mit dem vielgelobten Erzählband „Zwölf Gramm Glück“ gelang ihm 2004 der Schritt vom Kultautor zum anerkannten deutschen Schriftsteller. Als „literarischer Erotiker“ bezeichnete ihn die Neue Zürcher Zeitung.

    Ein ewig Suchender und Finder
    Ebenso wie in seinen Erzählungen geht es in Zaimoglus Romanen um die Suche nach dem Glück am Rande der Gesellschaft, um das Suchen und Finden von Beziehungen, von Heimat zwischen Deutschland und der Türkei. Mit Romanen wie „Leyla“ (2006), „Liebesbrand“ (2008), „Hinterland“ (2009) und „Ruß“ (2011) unterstrich der enorm produktive Autor seinen Rang. Zuletzt erschien 2015 der Roman „Siebentürmeviertel“, ein großes historisches Familienpanorama des Istanbul der 1930er und 1940er Jahre.
    Zaimoglu setzte sich engagiert in der Integrationsdebatte ein, war 2006 Mitglied der Ersten Deutschen Islamkonferenz und nahm 2009 für die Grünen an der Wahl des Bundespräsidenten teil. Zaimoglu wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. So erhielt er unter anderem den Ingeborg-Bachmann-Preis der Jury (2003), den Adelbert-von-Chamisso-Preis (2004), das Villa Massimo-Stipendium (2005), den Kunstpreis des Landes Schleswig-Holstein (2006), den Belletristik-Corine-Preis (2008), den Preis der Literaturhäuser (2012), sowie den Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreis (2015). Mit dem ZDF realisierte er die Dokumentation "Istanbul von vorne" als Bestandteil des Stadtschreiberpreises. (siehe auf dieser Seite rechts)

    Bildquelle: imago




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