100 Sekunden Leben

Geschichten aus Deutschland

Gesellschaft | sonntags - 100 Sekunden Leben

Reporterin Anne Herzlieb sucht in Freiimfelde eine zufällige Geschichte. Dort begegnet sie einer Frau, die ihre große Liebe gefunden hat.

Beitragslänge:
2 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 27.06.2019, 08:36

Die Welt ist voller Geschichten ... man muss sie nur finden! Nach diesem Motto suchen sonntags-Reporter in ganz Deutschland nach zufälligen Begegnungen.

100 Sekunden Leben gibt Einblick in den Alltag anderer Menschen - und am Ende vielleicht einen Impuls für das eigene Leben. Wie er und seine Kollegen diese ganz neue Form der Mini-Reportage entwickelt haben, beschreibt Jan Frerichs im Interview.

ZDFonline: Wie machen Sie sich auf die Suche nach den Geschichten, die Ihnen Menschen in "100 Sekunden Leben" erzählen?

Jan Frerichs: Die Reihe funktioniert so: Man tippt mit dem Finger auf die Landkarte - heute macht man das mit Google Earth oder Google Maps - und sagt: Da geh' ich hin. Zum Beispiel in den Innenhafen in Duisburg oder eine bestimmte Straße in Berlin oder auch irgendwo an einen Waldrand, warum nicht? Mehr Vorbereitung ist nicht erlaubt: Keine Recherche, keine Tipps, keine Telefonate. Natürlich ist es einfacher, in einer großen Stadt jemanden mit einer Geschichte zu finden, als irgendwo am Waldrand - aber dann muss man als Reporter entweder geduldig warten oder ins nächste Dorf ziehen und klingeln.

ZDFonline: Was ist denn eigentlich mit Geschichte gemeint?

Jan Frerichs Quelle: ZDF

Frerichs: Es geht nicht um Märchen oder irgendwelche historische Begebenheiten, auch wenn die meisten Leute das zuerst denken. Es geht auch nicht um die großen Nachrichten, auf die der Titel "100 Sekunden Leben" natürlich anspielt: Die Reihe ist sozusagen das Gegenstück zu den "100sec heute"-Nachrichten. Gemeint sind Alltagsgeschichten, persönliche Erfahrungen, besondere Hobbys oder ein Lebensstil. Die meisten Menschen sind erst überrascht, wenn man sie nach einer Geschichte fragt, aber dann hat eigentlich jeder etwas zu erzählen und zu zeigen. Es geht ja gerade darum, zu zeigen, dass hinter jedem Menschen auch Geschichten stehen.

ZDFonline: Ist das nicht Voyeurismus?

Frerichs: Nein. Voyeurismus wäre, Menschen zum Beispiel mit versteckter Kamera zu filmen und dann vorzuführen, vielleicht lächerlich zu machen. Darum geht es ganz und gar nicht. Es ist eher ein dokumentarischer Ansatz, es geht darum, einen Augenblick Leben zu dokumentieren, und zwar in ein paar Sekunden, wie in einem Brennglas. Das ist vergleichbar mit der Haute Cuisine: beste Zutaten, die ganz langsam und behutsam auf ihren ganz ureigenen Geschmack reduziert werden. Hinter den "100 Sekunden Leben" steckt oft genau so viel Drehmaterial wie für einen drei bis vier Minuten langen Bericht, weil die Recherche ja praktisch mit der Kamera gemacht wird. Im übertragenen Sinne bin ich als Autor dann der Koch, der das Material zubereitet und ansprechend serviert. Ob es sich dann um "Sterneküche" handelt, entscheidet natürlich jeder Zuschauer selbst. Ein guter Koch kocht aus Leidenschaft und darum geht es bei "100 Sekunden Leben" letztlich auch: einen Menschen und seine Geschichte in 100 Sekunden zu finden und authentisch darzustellen.

ZDFonline: Wie gelingt es Ihnen, die Menschen mit ihren Geschichten authentisch darzustellen?

Frerichs: "100 Sekunden Leben" ist ein VJ-Projekt. VJ steht für Videojournalist, also einen Reporter, der allein loszieht, ausgerüstet mit einer Kamera. In diesem Fall ist das wohl die am besten geeignete Herangehensweise. Es wäre natürlich auch denkbar, wildfremde Menschen irgendwo mit einem ganzen Kamerateam zu besuchen, aber bei diesem Projekt kommt eben alles aus einer Hand: Der Reporter macht als Autor Regie, Kamera und Schnitt. Die Kamera dient dabei wie ein Notizbuch, die das sieht und zeigt, was ich als Reporter sehe und zeigen will. Es ist daher ein sehr persönlicher Ansatz. Das ZDF hat vor einigen Jahren angefangen, Videojournalisten auszubilden und einzusetzen. Es geht dabei auch darum, mit neuen Formen zu experimentieren. "100 Sekunden Leben" ist eine davon. In den USA und in Großbritannien wird das schon lange gemacht, dort gibt es auch ähnliche Formen wie "100 Sekunden Leben".

ZDFonline: Und was, wenn sich einmal nichts und niemand findet?

Frerichs: Das gehört bei diesem Projekt dazu. Die Briten nennen das "Freedom to Fail", es gibt also die Freiheit, auch mal zu scheitern. Das ist vielleicht auch das erfrischende an der Sache, dass nicht alles schon vorher bis ins Detail recherchiert und vorbereitet ist. Als Reporter weiß ich morgens nicht, wen ich mittags vielleicht finde - oder auch nicht. Meistens sind die Menschen ja sehr offen und neugierig, aber manche wollen eben auch nicht mitmachen, was ja auch ihr gutes Recht ist. Allerdings sind das die wenigsten und bisher hat sich immer jemand gefunden mit einer Geschichte. Das Ergebnis ist dann sehr authentisch und lebt vom Zauber des Spontanen - und das Wesen des Spontanen ist, dass man es eben nicht planen kann.

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