Ab in die Tonne!

Ist Müll wirklich so schlecht wie sein Ruf?

Elf Millionen Tonnen Lebensmittel landen pro Jahr in der Mülltonne – so eine aktuelle Studie der Universität Stuttgart. Doch ein großer Teil des angeblichen Abfalls wäre durchaus noch genießbar.

ZDFonline: Wie viele Lebensmittel werden denn konkret weggeworfen?

Holger Eichele: Eine aktuelle Studie der Uni Stuttgart hat ergeben, dass in Deutschland jedes Jahr mindestens elf Millionen Tonnen Lebensmittel auf dem Müll landen – davon stammen 6,7 Millionen Tonnen aus Privathaushalten. Im Schnitt wirft jeder Bürger fast 82 Kilo Lebensmittel weg. Die Hälfte dieser Abfälle wäre vermeidbar. Ein Vier-Personen-Haushalt könnte jedes Jahr 940 Euro sparen – wenn alle hochwertigen Lebensmittel auf dem Teller landen würden statt in der Tonne.

ZDFonline: Wer trägt dafür die Schuld, die Wirtschaft oder der Verbraucher?

Eichele: Ich halte nichts von Schuldzuweisungen. Allerdings hat die Stuttgarter Studie ergeben, dass tatsächlich 61 Prozent der Abfälle in Privathaushalten anfällt. Der Rest wird von Wirtschaft und Handel verursacht. Sie und ich – jeder Verbraucher trägt also Verantwortung. Trotzdem wollen wir als Ministerium zweigleisig fahren. Das bedeutet: Die Verbraucher informieren und in der Wirtschaft wirksame Strategien zur Müllvermeidung erreichen.

ZDFonline: Wie können Verbraucher aufgeklärt werden?

Eichele: Niemand will eine Müllpolizei. Wir setzen auf Information – etwa über die richtige Einkaufsplanung oder über die Bedeutung des Mindesthaltbarkeitsdatums. Dazu verteilen wir im Rahmen unserer Kampagne Info-Material in mehr als 20.000 deutschen Lebensmittelgeschäften.

ZDFonline: Wie kommt es zu diesem verschwenderischen Umgang mit Lebensmitteln in unserer Gesellschaft?

Holger Eichele
Holger Eichle

Eichele: Als Verbraucher profitieren wir natürlich davon, dass Lebensmittel in Deutschland so günstig sind wie in nur wenigen EU-Staaten. Auch sind sie überall verfügbar – das Angebot in Geschäften und Restaurants ist verlockend. Wir wollen viel, aber wenig ausgeben – das ist ein Problem. Das ist beispielsweise in Italien oder Frankreich anders. Ich denke, wir sollten uns öfter bewusst machen, wie viel Energie und Arbeit in unseren Lebensmitteln steckt. Deshalb werben wir für mehr Wertschätzung von gutem Essen.

ZDFonline: Was ist eigentlich zu gut für die Tonne – was darf man nicht wegschmeißen?

Eichele: Vor allem nichts, was noch gut ist. Dazu gehören viele Lebensmittel, auf denen das Mindesthaltbarkeitsdatum zwar schon ein paar Tage abgelaufen ist, die aber noch hervorragend genießbar sind. Oder auch Dinge, die nach dem Kochen übrig geblieben sind. Den Rest Nudeln kann man am nächsten Tag sehr gut wiederverwerten. Auch Obst und Gemüse landen zu schnell in der Tonne – sie machen mehr als 40 Prozent des vermeidbaren Abfalls in Haushalten aus.

ZDFonline: Wie kann die Kampagne „Zu gut für die Tonne“ derVerschwendung vorbeugen?

Eichele: Sie bringt das Problem in die Öffentlichkeit. Menschen beginnen darüber zu diskutieren. Und es klappt! Als ich letztens im Restaurant war, haben ein paar Anzugträger am Nachbartisch leidenschaftlich darüber diskutiert, wie wohl die 82 Kilo Müll pro Kopf zustande kommen  – genau das wollen wir.

ZDFonline: Wie sieht’s in Ihrem eigenen Mülleimer aus? Landen da auch mal Dinge, die eigentlich noch genießbar wären?

Eichele: Kaum. Aber ganz vermeiden lassen sich solche Abfälle nie – etwa wenn man mal kurzfristig verreisen muss. Ich gebe aber zu, dass mir als Jugendlicher das Bewusstsein gefehlt hat. Einen abgelaufenen Joghurt habe ich nicht mehr angerührt. Die langen Reden meiner Mutter haben irgendwann gewirkt – wie man sieht.

Wenn Sie Fragen oder Anregungen haben, schreiben Sie uns eine Mail: sonntags@zdf.de

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet