Gottes Bodenpersonal

Leben im Pfarrhaus

Gesellschaft | sonntags - Gottes Bodenpersonal

In der neuen ZDF-Erfolgsserie „Herzensbrecher“ dreht sich alles um Andreas Tabarius, einen Pfarrer und seine vier Söhne. Doch im Männerhaushalt des Geistlichen geht es recht weltlich zu.

Beitragslänge:
2 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 13.12.2018, 13:58

Seit Martin Luther prägt das evangelische Pfarrhaus unsere Kultur. Doch in der klassischen Form ist es - wie die Volkskirche insgesamt - dem Untergang geweiht. Was sind das für Menschen, die als „Bodenpersonal Gottes“ diesen Beruf lieben und leben? Das Historische Museum in Berlin hat ihnen eine Ausstellung gewidmet.

Es ist eine spannende, aber auch eine anspruchsvolle Ausstellung, die noch bis zum 2. März 2014 im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen ist. Sie macht sich auf die Spuren einer Lebensform, die die Gegenwart und Geschichte unseres Landes zutiefst geprägt hat. Der 244seitige Katalog zur Ausstellung nimmt den Leser mit in eine Reise über fünf Jahrhunderte: das 17. und 18. Jahrhundert ebenso wie später der "Kirchenkampf" in der NS-Zeit oder die Jahre der kirchlichen Opposition in der DDR.

Joachim Gauck bei Rede in Marienkirche in Rostock - 1989
PfarrerJoachim Gauck 1989 Quelle: dpa

Nicht weniger wichtig war die Rolle, die evangelische Pfarrer in der "Friedlichen Revolution" der DDR spielten oder in der Friedensbewegung der 1980er Jahre. So ist es auch kaum ein Zufall, dass der amtierende Bundespräsident Joachim Gauck ursprünglich Pfarrer war oder Bundeskanzlerin Angela Merkel aus einem Pfarrhaus stammt.

Angriff gegen die zölibatäre Lebensform

Begonnen hat alles mit dem ehemaligen Mönch Martin Luther, der vor dem Hintergrund des Bauernkrieges am 13. Juni 1525 mit der ehemaligen Nonne Katharina von Bora in den Stand der Ehe trat. Ein revolutionärer Akt seinerzeit und ein Frontalangriff gegen die Lebensform Zölibat, die die katholische Priesterschaft bis heute prägt. Doch Luther war besoldeter Stadtkirchenprediger und Theologieprofessor, kein Pfarrer, wie das Themenheft zur Ausstellung anmerkt. Und auch Katharina von Bora, die überaus erfolgreich den geschäftigen Gelehrtenhaushalt führte, gilt zwar als Prototyp der Pfarrfrau, war aber eigentlich gar keine.

Doch nicht Luther sondern Johannes Bugenhagen war 1523 der Pfarrer der Stadtkirche. Der aus Pommern stammende Priester hatte bereits im Oktober 1522 Walpurga geheiratet. Damit ist eigentlich sie die erste echte Pfarrfrau Wittenbergs. Und so wurde die Priesterehe zum Ausdruck wahrer "evangelische Freiheit". Der evangelische Pfarrstand sei, betonte der Reformator in seinen Schriften von 1520, von Gott in seiner Gemeinde eingesetzt. Eine Reihe von Pfarrern heirateten unmittelbar danach, verließen damit die klerikale Lebenswelt und lebten ein bürgerliches Leben. Mit der Ehe und den Kindern ist es die Hausgemeinschaft, die eine ganz zentrale Rolle spielt in der christlichen Unterweisung.

Heilsbringer und strahlendes Vorbild

Die Pfarrerskinder von  Johann Peter Hasenclever, um 1847
Die Pfarrerskinder von Johann Peter Hasenclever, um 1847

Es sind überaus spannende Geschichten, die im Katalog und im Begleitband nachzulesen sind. Sehr beeindruckend sind auch die Fotografienvon Ludwig Rauch und seinen Schülern von der Ostkreuzschule für Fotografie und Gestaltung, die den Leser bildlich entführen in die Vielfalt des Pfarramts: Sei es zum Landpfarrer, sei es zum Seemanspastor oder mitten in die Missonsarbeit.

In den Büchern erfährt der Leser, wie stark das Pfarrhaus in den Jahrhunderten nach Luther idealisiert wurde. So "delegierte man zunehmend an die Pfarrfamilie das, was andernorts misslang: gottgefälliges Leben, moralische Unbedenklichkeit, musische Affinität. Man wünschte sich das Pfarrhaus als Leitbild, als Versprechen." Pfarrer wurden so geradezu  "Heilsbringer", ihre Familie sollen strahlendes Vorbild sein, glaubensfest und dienend zugleich.

Kein Beruf, sondern eine Berufung

Die Realität aber war anders. Lange Zeit, heißt es im Begleitband, "herrschte im Pfarrhaus bittere Not." Die meisten Pfarrer waren oft die einzigen Akademiker weit und breit und predigten nicht nur über das Reich Gottes, sondern lehrten auch landwirtschaftliche und medizinische Grundkenntnisse. Gleichzeitig  blieben sie finanziell aber abhängig von ihren evangelischen Landesfürsten, lebten oft in bitterer Armut und musste sich und ihre Familien als Nebenerwerbsbauern durchbringen. In den Städten war dies anders, Stadtpfarrer gehörten einem höheren Stand an, wurden von ihren Gemeinden oftmals gut bezahlt und gehörten zur Oberschicht.

Es ist eine spannende Reise in eine Geschichte, die unser Land fast 500 Jahre lang geprägt hat. Ausstellung, Katalog und Themenheft nehmen den Besucher und Leser mit in eine Lebensform voller Höhen und Tiefen, Experimentierfreude und Engstirnigkeit und lassen Menschen zu Wort kommen, die auch im 21. Jahrhundert spannende Dinge über den Beruf des Seelsorgers und das Pfarrhaus zu berichten haben. Für die Theologiestudenten Nancy Rahn und Wolfgang Klein ist das Pfarrhaus immer weniger ein "Familienbetrieb, in dem der Mann Pfarrer ist und die Frau ihm den Rücken frei hält." Vieles hat sich grundlegend verändert. Das Pfarrhaus, glauben beide, wird "ein offener Ort" bleiben, an dem nicht nur das Evangelium verkündet wird, sondern der auch stark davon geprägt ist, dass Pfarrer kein Beruf, sondern eine Berufung ist.

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