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Interview über die Situation von Flüchtlingen in Deutschland

Wer sehnt sich an Weihnachten nicht danach, Zuhause zu sein? Doch viele Flüchtlinge haben ihre Heimat für immer verloren. Im Interview erklärt der Stuttgarter Flüchtlingspfarrer Werner Baumgarten, was Weihnachten und Asyl miteinander zu tun haben.

Mohammad Golemohammad am Flughafen
Mohammad Golemohammad am Flughafen Quelle: ZDF


ZDFonline: Herr Baumgarten, sind die Menschen an Weihnachten besonders sensibel für Flüchtlingsschicksale?


Werner Baumgarten: Ja, denn ich glaube, Weihnachten durchbricht den täglichen Trott von erbarmungsloser Leistung und permanentem Stress. Am Fest der Liebe sind zumindest einige Mitmenschen sensibler für das Schicksal von Vertriebenen, Verfolgten und Gefolterten. Auch von der Kirche Distanziertere erinnern sich an ihre kulturellen Wurzeln, übertragen die "Magna Charta" des Christentums, das Doppelgebot der Liebe, selbst auf das bittere Schicksal ferner Asylsuchender.


ZDFonline: Was hat Weihnachten mit dem Thema Flucht und Asyl zu tun?


Baumgarten: Sehr viel. Denn die Weihnachtsgeschichte erzählt davon, dass Eltern auf der Flucht sind, kein Zuhause haben und ihr Kind draußen vor der Stadt in einem zugigen Stall zur Welt kommen muss. Mit anderen Worten: Jesus ist das erste Flüchtlingskind! Nach meiner Überzeugung darf die Weihnachtsgeschichte nicht romantisch verklärt werden, sondern ist als realistische Fluchtgeschichte zu verstehen. Wie heute ist die Unterkunft für die Vertriebenen karg und unwirtlich.


ZDFonline: Wie viele Flüchtlinge kommen denn in einem Jahr nach Deutschland - manche behaupten ja, dass es Massen seien?


Baumgarten: Die nüchternen Zahlen sehen anders aus. Bis Oktober 2011 sind 42.629 Asylbewerber nach Deutschland gekommen. 2010 waren es 48.589. Es sind überschaubare Zahlen, mit denen die verantwortlichen Politiker generös umgehen könnten, wenn sie nur wollten. Immerhin wird in unserem Grundgesetz davon gesprochen, dass das Recht auf Asyl genossen werden soll. Weltweit sind die Flüchtlingszahlen auf über 40 Millionen angestiegen. Unser wohlhabendes, stabiles Land muss sich also nur um einen winzigen Bruchteil der Flüchtlinge kümmern.



ZDFonline: Wie viele dürfen bleiben und was passiert mit den anderen?


Baumgarten: Ich schätze zwei Drittel dürfen bleiben, auch wenn in der Erstinstanz beim Bundesamt die meisten Flüchtlinge abgelehnt werden, weil sie zum Beispiel über ein sicheres Drittland eingereist sind. Im Widerspruchsverfahren vor dem zuständigen Verwaltungsgericht erhalten viele einen Abschiebeschutz, weil ihnen in ihrem Herkunftsland der Tod droht.

Wer in allen Instanzen abgelehnt wurde und nicht freiwillig zurückreiste, muss mit einer Abschiebung durch die Polizei rechnen. Durch das Stellen von Härtefallanträgen bei den Länderinnenministerien können wir aber für viele Flüchtlinge einen Aufenthaltsstatus aus humanitären Gründen erreichen.


ZDFonline: Was sind die häufigsten Ursachen für eine Flucht aus dem Heimatland?


Baumgarten: Ich glaube, nackte, pure, existentielle Todesangst ist die häufigste Fluchtursache. Wenn es einem Menschen aus politischen, religiösen oder ethnischen Gründen an den Kragen zu gehen droht, flieht er rechtzeitig aus seinem jeweiligen Staat, meist Diktaturen und Unrechtregimes. Weil die meisten Flüchtlinge zurzeit aus Horrorstaaten wie Afghanistan und dem Irak kommen, kann sich jeder vorstellen, dass sie nicht aus Übermut fliehen, sondern einzig und allein um zu überleben.


ZDFonline: Wie können Sie und andere Ehrenamtliche helfen, die Behörden kümmern sich doch um die Menschen?


Baumgarten: Wir helfen schon, wenn wir Flüchtlinge mit ihrem Verfolgungsschicksal ernst nehmen, ihnen einen Vertrauensvorschuss gewähren und ihnen unser kompliziertes Rechtssystem erklären. Die Behörden müssen Gesetze wie das Sachleistungsprinzip umsetzen, das Flüchtlingen das tägliche Leben erschwert.

Wir verstehen uns als Fürsprecher der Flüchtlinge und kritische Gegenüber der Ausländer- und Sozialbehören. Allerdings respektieren wir, dass der Sachbearbeiter nicht aus persönlicher Aversion gegen Flüchtlinge handelt, sondern oft harte Bestimmungen umsetzen muss, die im Bundes- oder Länderparlamenten weit weg von der Realität der Menschen erlassen wurden.

Durch unser Engagement haben wir in Stuttgart manche Härte abgefedert und durchgesetzt, dass Flüchtlinge keine Esspakete mehr bekommen, sondern in normalen Läden wie normale Menschen einkaufen dürfen. Um unseren Zielen näher zu kommen, führen wir vor Wahlen Podiumsdiskussionen mit Politikern durch.

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