Bruder Martin

Leben und Wirkung des Reformators

Vor gut 500 Jahren, im Jahre 1508, kommt der Mönch Martin Luther im Alter von 24 Jahren nach Wittenberg an der Elbe. Er nimmt das Studium der Theologie auf.

Wenige Jahre später, 1512, wird er  Doktor der Theologie und übernimmt den Wittenberger Lehrstuhl für Bibelwissenschaft. Seine Vorlesungen gelten als genial, gleichzeitig packen ihn selbst Zweifel und Angst. Was wenn ich Gott nicht gut genug bin? Ablässe kaufen, Messen lesen, büßen, oder was soll ich sonst noch tun, um dem Höllenfeuer zu entkommen? „Wenn je ein Mensch durch Möncherei zum Himmel gekommen ist, dann bin ich es gewesen“, erinnert er sich später. Aber all sein Bemühen lässt ihn zerrissen und unglücklich zurück.

„Ein Backofen voller Liebe“

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Luthers Thesenanschlag

Eines Abends, beim Studium des Römerbriefs, macht er dann eine bahnbrechende Entdeckung. Sie wird ihn zeitlebens nicht mehr loslassen: Gott ist nicht käuflich, nicht mit Ablässen, nicht mit Geld, nicht mit Messen und Gebeten. Gott ist Liebe, einfach so, von sich aus, weil er eben Gott ist – und seine Geschöpfe von Herzen liebt. Gott ist „wie ein Backofen voller Liebe“ formuliert Martin Luther einmal. Weil das so ist, ist ein Christenmensch ein freier Herr über alle Dinge und letztlich niemandem Untertan. Kein Kaiser, kein Papst, niemand kann ihn trennen von der Liebe Gottes. Als Luther das erkennt, da fällt eine zentnerschwere Last von ihm ab, da fühlt er sich großartig, so „als sei ich eingezogen ins Paradeis“.

Die Reformation beginnt

Luther konnte und wollte seine befreiende Erkenntnis nicht für sich behalten. Er verbreitete die Kunde von der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes in Vorlesungen und Predigten. Doch entsprechende Aufmerksamkeit erhielt er erst, als er am Vorabend des Allerheiligentages, am 31. Oktober 1517, seine berühmten 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg hämmerte. Die Reformation beginnt. Es folgen aufregende Jahre, kraftvolle Aufbrüche, Begeisterung, da kommt die Glut des Evangeliums unter all der mittelalterlichen Asche wieder zum Aufflackern. Und gleichzeitig gibt es Auseinandersetzung, erbitterten Streit und Krieg; am Ende gehen zwei Kirchen aus der Reformation hervor, die evangelische und die katholische.

Aufgeklärter Glaube so aktuell wie eh und je

Heute sind die Ereignisse von damals für evangelische Christen nicht einfach Geschichte. Das was damals geschah, bleibt aktuell. Meint etwa die Theologin Margot Käßmann, die die Evangelische Kirche jüngst zur Lutherbotschafterin gekürt hat. Ein aufgeklärter Glaube, so wie ihn Martin Luther neu entdeckt hat, sei aktuell nötiger denn je. Der von Martin Luther freigelegte Glaube ermögliche bis heute „radikale Freiheit zur Einmischung in die Welt“, so Käßmann in ihrer Predigt in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin. Gegen all die dumpfen Ideologien, sei es von  Islamisten, katholischen Piusbrüdern oder evangelikalen Gruppen, stehe das reformatorische Erbe für Bildung und Aufklärung. Der Reformation gehe es um „gebildeten Glauben“ – um verstehen und nachfragen, „auch beim Buch des christlichen Glaubens“.

Lutherdekade soll keine Jubelarie sein

Zur Vorbereitung auf das 500. Reformationsjubiläum hat die Evangelische Kirche für die zehn Jahre vor dem Jubiläumsjahr 2017 eine „Lutherdekade“ ausgerufen. Die Lutherdekade nimmt einige der Impulse der Reformation auf, die bis in unsere heutige Zeit reichen. Taufe, Musik, Toleranz, Bildung, Politik, Eine Welt sind entsprechende Jahresthemen.

Eine Luther-Jubelarie ist bei all dem nicht zu erwarten. Schon bei ihrer Amtseinführung erinnerte Käßmann an die blutigen Glaubenskriege im 16. Jahrhundert. Eine Verklärung Martin Luthers, so hat Käßmann mehrmals deutlich gemacht, sei ihr ohnehin fremd. Sie will eine „kritische Lutherrezeption“ herausfordern, die z. B. seine unsäglichen und menschenverachtenden Äußerungen über die Juden klar benennt. Christen müssten aufstehen gegen Demütigung, Zerstörung und Worte, die Menschen degradieren. Die Präses der EKD-Synode, Katrin Göring-Eckardt, erinnerte an die frauenfeindliche Tradition in beiden großen Kirchen. Es stehe der evangelischen Kirche des 21. Jahrhunderts gut zu Gesicht, „dass ihre ‚beauftragteste‘ Künderin Rock trägt und Absatz“, sagte die Grünen-Politikerin, und: „Wir wünschen uns, dass die Menschen wieder neugierig werden auf Gott.“

Bleibt abzuwarten, ob es gelingt, die Menschen heute mit den Impulsen von vor 500 Jahren zu interessieren, und ob die Katholische Kirche es wagt, das Reformationsjubiläum als ökumenischen Impuls zur Erneuerung auch der katholischen Kirche mitzubegehen.

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