Der Fall Mirco und das Leben danach

Die Mutmacher

Das eigene Kind verlieren - es gibt wohl nichts Grausameres. Und wenn Eltern erfahren müssen, dass ihr Kind entführt, missbraucht und ermordet wurde, dann bricht eine Welt zusammen. So stellte ich es mir vor, bis ich Familie Schlitter traf.

Sandra und Reinhard Schlitter
Sandra und Reinhard Schlitter Quelle: ZDF

"Wie wird das wohl werden?", frage ich mich, als ich auf dem Weg zu Familie Schlitter bin. Wir haben uns für ein Kennenlerngespräch verabredet, erst einmal ohne Kameras. Über mehrere Monate habe ich versucht, Kontakt zu den beiden aufzunehmen. Ich hatte von einem Vortrag gehört, den Sandra Schlitter vor einer Gruppe von Frauen gehalten hat. Sie habe so ermutigend und offen, ja gar fröhlich gesprochen, dass die Zuhörerinnen tief berührt gewesen seien. Für mich bedeutet so etwas: unbedingt dranbleiben! Denn das klingt nach einer Geschichte für meine Reihe "Die Mutmacher".

Zeitungsartikel zum Fall Mirco
Zeitungsartikel zum Fall Mirco Quelle: ZDF

146 Tage Ungewissheit

Dann irgendwann klappt es. Ich habe die Kontaktdaten, schreibe die Familie an und bekomme die Einladung, sie in Grefrath zu besuchen. Aber wie verhält man sich Eltern gegenüber, deren Kind entführt wurde, die monatelang in der Ungewissheit leben mussten, ob ihr Junge noch lebt? Die, belagert von Presse und Neugierigen, mit dem Schlimmsten rechnen und gleichzeitig irgendwie weiterleben mussten, und die dann erfahren, dass die schlimmsten Befürchtungen wahr geworden sind - dass ihr Kind missbraucht und ermordet wurde?

Der Fall Mirco, er hat in ganz Deutschland für Schlagzeilen gesorgt. Die Suchaktion nach dem damals Zehnjährigen war eine der größten in der Geschichte der Bundesrepublik: 146 Tage lang überprüfen Ermittler mehr als 9000 Hinweise, bis zu 1000 Beamte sind im Einsatz, durchkämmen die Wiesen- und Waldgebiete im Raum Grefrath. Am Ende führt der Täter selbst die Ermittler zur Leiche, die er in einem Waldstück verscharrt hat. Mirco Schlitter, dieser Name ist vielen bis heute präsent. Er bleibt in Erinnerung als ein Beispiel für sinnlose, unverständliche, schockierende Gewalt an Kindern.

Trotzdem nicht verzweifeln

Und dann bin ich da, stehe vor dem kleinen Haus in Grefrath, in dem auch Mirco gewohnt hat, und bin gespannt auf die erste Begegnung mit seinen Eltern. Sandra Schlitter öffnet mir die Tür. Und strahlt schon im ersten Moment eine entwaffnende Lebensfreude aus. Auch Reinhard Schlitter begrüßt mich mit großer Offenheit. Die nächsten Stunden reden wir über all das, was in den letzten eineinhalb Jahren passiert ist, aber auch über Alltägliches. Und ich merke schnell: Diese Menschen sind nicht zerbrochen. Sie sind stark geworden durch ihr Schicksal. Kein Thema ist für sie tabu, sie beantworten meine Fragen ehrlich, ohne Schönfärberei. Vor allem aber ohne die Verzweiflung, die ich irgendwie doch erwartet hatte. Immer wieder lachen wir zusammen.

Am Grab von Mirco
Am Grab von Mirco Quelle: ZDF

Ich staune über den Frieden, den die beiden ausstrahlen. Eine Woche später sehen wir uns wieder, dieses Mal habe ich zwei Kameraleute dabei, einen Tonmann und eine Maskenbildnerin. Schlitters nehmen diese für sie fremden Menschen genauso herzlich auf wie mich. Und auch vor laufenden Kameras erzählen sie ohne Scheu von der schlimmsten Zeit ihres Lebens. Und von dem, was sie durch diese Zeit getragen hat.

"Die Kinder sind unsere Geschenke"

Bereits an Mircos Grab, unserem ersten Drehort, machen sie schon deutlich, dass nicht Trauer und Schmerz überwiegen, sondern die Freude über das, was sie mit Mirco erlebt haben. Dann gehen wir zu ihnen nach Hause, in Mircos Zimmer, das bis heute fast unverändert geblieben ist. Es sei ein Ort der Erinnerung, so Reinhard Schlitter, aber auch hier: keine Verzweiflung. Andere gehen an einer solchen Geschichte kaputt. Schlitters haben sich dem Leben zugewendet. Und ihren drei noch lebenden Kindern. "Ich denke, wir haben von Grund auf schon eine ganz andere Einstellung gehabt", so Sandra Schlitter, "weil wir gesagt haben: Die Kinder sind unsere Geschenke. Sie sind Geschenke Gottes, die wir auf unbefristete Zeit haben. Ich weiß nicht: Sind das zwei Jahre, sind das fünf Jahre, sind's zehn, zwanzig, dreißig? Überlebe ich sie oder überleben sie mich? Das liegt alles in Gottes Hand und da nehmen wir's auch draus."

Doro Wiebe mit Sandra und Reinhard Schlitter
Doro Wiebe mit Sandra und Reinhard Schlitter Quelle: ZDF

Als sie mir das erzählen, während wir am Esstisch der Familie sitzen, staune ich mehr denn je über die Größe, die die beiden ausstrahlen. In all ihrem Leid haben sie die Erfahrung gemacht, dass der Glaube trotz allem stärker ist. Und genau diese tiefe Gewissheit kann ich jetzt in ihren Gesichtern sehen. Der Tag und meine Bewunderung für Schlitters gipfeln in einem letzten Interview im Gerichtssaal in Krefeld, in dem Mircos Mörder zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt wurde. Ich frage Sandra und Reinhard Schlitter, was ihrer Meinung nach eine gerechte Strafe gewesen wäre. Und sie machen deutlich, dass sie nie den Impuls hatten, sich an diesem Mann zu rächen. "Manche Leute haben zu uns gesagt: den sollte man auf den Marktplatz stellen und steinigen", erzählen sie. "Aber wir haben dann gesagt: Mach's nicht, denn sonst kommst du in die selbe Sparte wie der Täter. Und machst dich selbst schuldig."

Dem Mörder verzeihen

Der Täter, Olaf H., sagt selbst, es sei nicht zu entschuldigen, was er getan hat. Ehepaar Schlitter aber hat dem Mörder ihres Sohnes verziehen. Auch die Kraft dafür nimmt es aus dem Glauben an Gott. "Wenn ich daran glaube, dass mir vergeben werden kann", so Reinhard Schlitter, "und wenn ich diese Vergebung in Anspruch nehmen will, dann muss ich auch anderen vergeben. So, wie es im Vaterunser heißt: 'Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.' Da lesen wir oft einfach drüber weg. Aber wir haben verstanden, dass das an uns gerichtet ist. Und ihm vergeben."

Noch lange nach unserem gemeinsamen Drehtag denke ich an diese tapfere Familie in Grefrath, an ihren unerschütterlichen Glauben. Selten haben mich Menschen so nachhaltig beeindruckt wie Sandra und Reinhard Schlitter. In meinen Augen sind sie echte Vorbilder - echte Mutmacher.

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