Der Honigwind der Santals

Unser Alltag ist geprägt von Geräuschen. Wir hören Musik, vernehmen das Rauschen des Meeres oder werden in der Nacht vom Tropfen eines undichten Wasserhahns wach. Doch die meisten Geräusche nehmen wir kaum wahr. Anders als der nordindische Stamm der Santals, der über Jahrhunderte eine eigene Klangkosmologie entwickelt hat.

Der Anthropologe Onkar Prassad von der Visva-Bharati Universität in Santiniketan unternahm 1995 hierzu eine ungewöhnliche ethnologische Klangexpedition in die Nordbengalen im Nordosten Indiens. Kurz zuvor hatte er durch seine Sprachanalysen festgestellt, dass der indigene Stamm der Santalis bereits seit Jahrhunderten eine einmalige Klangkosmologie entwickelt hatte. Als er bemerkte, dass sich bis dahin noch keine Untersuchung mit dem Klang eines Dorfes beschäftigt hatte, entwickelte er kurzerhand vor Ort eine Methode, um den Klangraum eines Santaldorfes akustisch aufzuzeichnen und festzuhalten. So gewährte Prassad erstmals einen faszinierenden Einblick in die Klangwelt der Santals, die Geräusche, Töne und Stimmen in ihre Kultur und ihren Alltag fest eingebunden haben. Für die Santals spielt der unsichtbare, hörbare Raum eine entscheidende Rolle in ihrem Leben.

Regentropfen verzieren Gräser und Blätter
100 Wörter für Blätterrauschen Quelle: dpa

Die Santals, die einen der größten Ureinwohnerstämme des indischen Subkontinents bilden, nennen den idealen Zustand für die akustische Landschaft in ihren Dörfern „Honigwind“. Wenn der Honigwind weht, dann leben die Dorfbewohner in Harmonie. Es ist der Moment, in dem das Sichtbare und Hörbare, das Unmittelbare und Ferne, das Persönliche und das Öffentliche im Verhältnis sind, wenn die Harmonie sich im Zusammengehörigkeitsgefühl niederschlägt und die Santals sagen können: „Wir leben im Klang“.

Was ist der Honigwind und wie kommt er zustande? Murmelnde Stimmen, Kindergelächter, Tierlaute, Vogelgezwitscher, Küchengeräusche, Klopfzeichen und Geflüster. All dies sind die Bestandteile des Honigwinds. Was für einen Besucher anfangs zusammenhangslos wirkt, stellt sich nach und nach als ein bewusst komponiertes Ganzes heraus.

Denn die Santals richten ihre Lebensweise nicht nur am sichtbaren Raum, sondern auch am  Hörbaren. Das ganze Dorf ist über die Hörsphäre verbunden. Die Santals bauen ihre Häuser entlang einer Hauptstraße. Durch diese Bauweise kann die Dorfgemeinschaft etwa ein Quadratkilometer weit hören und alle Geräusche und Tierstimmen orten und deuten. Während die Fenster ihrer Häuser nach allen Richtungen hin offen sind und die Strohdächer durchlässig, schlafen sie im fortwährenden Zirpen der Grillen. Versucht sich ein Tiger, Elefant oder Dieb in ihr Dorf einzuschleichen, so verstummen die Insekten und die Bewohner erwachen von der plötzlichen Stille. Stille bedeutet Gefahr.

Stille ist für die Santals das Gegenteil des Honigwindes. Wenn der Honigwind schweigt, steht Unheil bevor. Krankheit und Unglück bedroht das Dorf. So ist es wichtig, dafür zu sorgen, dass der Honigwind weiter weht.

Auch in ihrem Glauben spielt das akustisch Wahrnehmbare eine wichtige Rolle. Das fröhliche Quieken von Ferkeln würde Glück bringen und Freude bereiten. Deshalb sind im Dorf gleich mehrere Bambusgehege mit Ferkeln positioniert, um diese im ganzen Dorf hörbar zu machen. Der Ruf eines singenden Vogels auf einem abgestorbenen Ast hingegen verheißt Unglück. Vogelstimmen teilen den Willen der Vorfahren mit. Die Büsche, Gräser und Palmen, sie alle geben mit ihren Geräuschen die Stimmen der Geister und Götter wieder. Das Rauschen der Bäume gibt auch Zeichen von Kommendem wieder. Die Santals haben 100 Wörter für Blätterrauschen. Um es deuten zu können, muss die Windrichtung, die Tages- und Nachtzeit oder die Stelle im Dorf berücksichtigt werden. An einer Hauptallee, die durch das gesamte Dorf durchzieht, wachsen gepflegte Sträucher, Bambusgebüsch, Bananenstauden und Kokospalmen. Sie sind heilig. Ein lückenloser Grüngürtel.

Die Menschen und jegliches Geräusch, das sie verursachen, die Tiere, die Vorfahren und die Geister und Götter. Sie alle sind akustisch präsent, sind eingebunden in die Klangwelt der Santals. Die Häuser besitzen auf der Straßenseite keine Türen. Deren Eingang befindet sich stets auf der äußeren Seite, wo auch der Hof ist. Die Höfe wirken offen und belebt. Von dort sind Murmeln, Kinderlachen und Arbeitsgeräusche wie das Hämmern des Dorfschmieds zu vernehmen. Der Murmelstrom, als Nahrung verstanden, das täglich mindestens vier Stunden lang erklingen soll, die sorgfältig gepflanzten und intensiv betreuten Bäume der Allee, das Klicken der Bambusbüsche, das Rascheln der Bananenstauden und das Flüstern der Kokospalmen. Sie alle scheinen bewusst orchestriert.

Wenn all diese Klänge zusammenkommen, dann weht der Honigwind. Der Honigwind der Santals ist nicht natürlichen Ursprungs, sondern eine zivilisatorische und kulturelle Leistung. Sie ist das Resultat von vielen Aktivitäten, kleinen alltäglichen Handlungen und uralten Ritualen. Mit dem sensiblen „Blick“ auf die akustische Landschaft, schützen sich die Santals nicht nur vor realen Gefahren. Sie definieren damit zugleich ihre Lebensweise, identifizieren sich religiös und kulturell mit der Natur und leben im Einklang mit ihr. Nicht nur auf einer visuellen, sondern auch auf einer unsichtbaren und doch erfühlbaren akustischen Sphäre.

Quellen:

Nicola Gess, Florian Schreiner, Manuela K. Schulz (Hrsg.). Hörstürze: Akustik und Gewalt im 20. Jahrhundert. Königshausen & Neumann. Würzburg, 2005. 232 Seiten

Kathrin Klein. Lebenswelten von Kindern in einer indischen Stammesgesellschaft – den Santals  – eine ethnografische Feldstudie (Diplomarbeit). Siegen, 2006.

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