Der Hund – des Menschen bester Freund?

Interview mit Maja Nowak, der "Hundeflüsterin"

Gesellschaft | sonntags - Der Hund – des Menschen bester Freund?

Der Golden Retriever Felix hat seinem Herrchen das Leben gerettet. Nachdem Thomas Schipek gestürzt war, lag er bewusstlos im Bad. Sein Hund hat ihn gefunden und sein Frauchen SilkeSchipek alarmiert.

Beitragslänge:
4 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 30.05.2018, 13:42

In gut 13 Prozent aller deutschen Haushalte leben Hunde; insgesamt sind das über fünf Millionen Tiere, Tendenz steigend. Unbestritten ist der Hund inzwischen mehr als ein "Haustier" - viele Hunde sind ein vollwertiges Familienmitglied: Sie sind der beste Freund der Kinder, Papas Joggingpartner und Muttis Seelentröster. Aber ist das der richtige Platz für ein Tier – als bester Freund an der Seite eines Menschen? Die Hundepsychologin Maja Nowak wird im Juni 2013 als "Hundeflüsterin" im ZDF zu sehen sein. Im Interview erklärt sie ihre besondere Beziehung zu Hunden und warum und was häufig schief läuft zwischen Herrchen, Frauchen und ihrem "besten Freund".

ZDF: Ist der Hund wirklich der beste Freund des Menschen?

Maja Nowak:Ein bester Freund ist für mich jemand, der weiß, wer ich bin. Während jeder Hund nun seinen Menschen ganz genau kennt, weil er ihn den ganzen Tag studiert, wissen Menschen häufig nur, was sie von ihrem Hund brauchen und nicht, wer er ist.

ZDF: Wie ist es zu der engen Beziehung zwischen Hund und Mensch gekommen?

Nowak: Früher, als wir Menschen noch ungeschützt in der Natur lebten, warnten uns Hunde vor Eindringlingen und retteten damit häufig unser Leben. Heute stellen Haustiere eine lebensnotwendige Verbindung zu unseren Gefühlen und Instinkten her in einer Welt, die auf den menschlichen Verstand aufgebaut ist.

Kontakt zur Natur verloren

Maja Nowak beim Abendspaziergang mit ihren Hunden
Maja Nowak beim Abendspaziergang mit ihren Hunden Quelle: ZDF/Michael Bojanowski

ZDF: Wo sind Grenzen der Freundschaft, werden Hunde in Deutschland nicht oft als emotionaler Ersatz "gebraucht"?

Nowak: Ja, die meisten Hunde werden als emotionale Versorgung in Anspruch genommen. Sie selbst erhalten dabei häufig recht wenig, was ihre eigene Natur betrifft. Deshalb haben sie inzwischen auch so viele Verhaltensstörungen.

ZDF: Was können Menschen von Hunden lernen?

Nowak: Im Jetzt zu leben, einfach zu sein und wahr.

ZDF: Führen uns Hunde wieder näher an die Natur heran?

Nowak: Wenn wir die Haltung aufgeben, dass uns die Wissenschaft alles über die Natur sagen kann. Ich habe insgesamt das Gefühl, dass wir den Kontakt zu unserer Natur immer mehr verlieren. Wir agieren mit immer mehr Kontrollverhalten, um uns sicher zu fühlen. Das ist natürlich eine Täuschung, weil wir dadurch den Kontakt zu unserem Instinkt verlernen, dem besten Informanten bei Gefahr und Entwarnung. Kontrolle kann das niemals leisten.

ZDF: Was unterscheidet Ihre Methode mit Hunden umzugehen von den anderen, herkömmlichen Methoden?

Nowak: Bisher haben wir von Hunden verlangt, sich an unsere menschliche Welt anzupassen. Wir haben dazu viele eigene Ideen erschaffen, um sie zu erziehen. Ich habe nichts erfunden. Ich verwende etwas, was so alt ist, wie die Geschichte der Hunde: ihr eigenes Erziehungsmodell. Von meinem russischen Leithund, Wanja, und von inzwischen über 6000 weiteren Hunden, mit denen ich arbeiten durfte, lernte ich, wie Hunde agieren. Ich übertrug das nicht nur auf die Form, als Mensch einen Hund zu führen, sondern auch auf meinen Führungsstil mit Menschen. Die angemessene, motivierende und hochsoziale Form, die Hunde uns in diesem Bereich lehren können, ist ein Schatz für jede menschliche Führungskraft. Einen geborenen Leithund kennen lernen zu dürfen, ist eine wunderbare Chance, etwas über Führung ohne Druck zu erfahren und sich selbst in vielen Hinsichten weiter zu entwickeln.

Hunde spüren Echtheit

ZDF: Viele suchen inzwischen Ihren Rat, weil sie mit ihrem Tier überfordert sind. Wo liegen die zentralen Probleme?

Maja Nowak sitzt am Strand mit Leithund
Maja Nowak mit ihrem Leithund Raida Quelle: ZDF/Michael Bojanowski

Nowak: Sehr häufig geben Menschen ihren Hunden besonders viel Zuwendung, halten sie von Regeln fern und sprechen ihnen viele Privilegien zu. Wo ein Leitwesen wäre, gäbe es jedoch Regeln, damit nicht alle Energie in den täglichen Zusammenhalt der Gruppe investiert werden muss und dadurch überlebensnotwendige Kraft für die Sicherung nach Außen fehlt. Regellosigkeit erzeugt beim Hund den Eindruck, dass der leere Führungsposten dringend Besetzung braucht, damit die Gruppe gestärkt werden kann. Also versucht er ihn einzunehmen und natürlich ist das Desaster wegen der Überforderung des Hundes bereits vorprogrammiert. Weder ein Leithund, noch ein unsicherer Gefolgshund können sich im Dschungel unseres Alltags zurechtfinden, wenn sie mit uns leben.

Wir finden uns ja häufig nicht einmal selber zurecht. Daraus werden häufig neurotische, angstaggressive oder dominante Hunde. Während die angeborene Dominanz eines souveränen Leithundes jedoch ein kostbares unerschütterliches Fundament für sein Wesen ist, wirkt eine erworbene Dominanz wie ein winziges Dach auf wackeligen Säulen. Das sind die sich ständig aufregenden und aufgeregten Hunde.

Weiterhin kommt es zu vielen Problemen der Hunde mit ihren Artgenossen, weil wir Menschen keine Einschätzung vornehmen können, was deren Kommunikation betrifft. Wo eine Korrektur nötig wäre, weil unser Hund sich asozial benimmt, halten wir uns raus und wo wir uns raushalten müssten, weil unser Hund gerade kommuniziert, mischen wir uns ängstlich ein. Die Folge ist, dass immer mehr Hunde sich mit ihren Artgenossen nicht mehr wohl fühlen, weil wir in unberechenbarer Weise darauf reagieren.

ZDF: Heute leben sie mit Hunden zusammen. Wenn sie dieses Leben mit Ihrem früheren Leben ohne Hund vergleichen – was haben die Hunde in Ihrem Leben verändert?

Nowak: Auf der Bühne lebte ich nach Außen und war dort eine Figur, die ich mit künstlerischem Inhalt und einem Teil meiner Selbst füllte. In meinem Leben und meiner Arbeit mit Hunden heute muss und darf ich ganz ich selbst sein. Hunde spüren Wahrhaftigkeit und Echtheit. Ich konnte neben ihnen lernen, instinktiv zu sein, kritikfähig, geduldig und souverän. Alles Eigenschaften, die ich vorher nicht besaß. Das ist meine eigentliche Gabe für meinen Umgang mit ihnen. Das Schöne ist, das sie jeder erwerben kann.

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