Die Armut mitten unter uns

Wie Deutschland zum "Schamland" wird

Rund 12 Millionen Menschen sind derzeit in unserem Land "relativ arm". Welche Schicksale verbergen sich hinter dieser Armut? Soziologe Stefan Selke hat die Betroffenen besucht.

Für Selke liefern Armutsquoten ein anschauliches Bild über die Realität - nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung erhalten etwa sieben Millionen Menschen Arbeitslosengeld II oder eine andere Transferleistung, 1,3 Millionen Menschen gehören zu den "working poor", erhalten trotz Erwerbstätigkeit sogenannte "ergänzende Leistungen". Stefan Selke, Professor an der Hochschule Furtwangen für "Gesellschaftlichen Wandel" hat unzählige dieser Menschen persönlich getroffen und darüber ein Buch geschrieben. "Schamland" (Econ Verlag 2013) nimmt den Leser mit in ein Paralleluniversum, das der großen Mehrheit der Menschen in Deutschland verschlossen bleibt. Es ist ein unbequemes Buch und ein bewegendes, nach dessen Lektüre man lernt, Armut in unserem Land mit anderen Augen zu sehen.

Wenn Sport und Kultur unerreichbar wird

Was sich hinter „Armut“ für jeden Einzelnen verbirgt, bleibt oftmals nur vage. Was also muss man sich unter relativer, absoluter oder extremer Armut vorstellen? Von extremer Armut sind weltweit mehr als eine Milliarde Menschen betroffen, sie verfügen über weniger als 1,25 US-Dollar täglich. Dagegen sind die Menschen, die in Deutschland als absolut arm gelten, relativ wohlhabend. Sie verfügen über rund 850 Euro pro Monat, sind aber damit von vielen Dingen ausgeschlossen, die für andere selbstverständlich sind.

Ein Musical- oder Opernbesuch etwa, sportliche Events oder der Kauf von Büchern bleibt angesichts steigender Mieten und Nebenkosten für mehr als sieben Millionen Menschen in unserem Land unerreichbar. Auch die Frage, wie die nächste Brille oder ein Hörgerät bezahlt werden soll, beunruhigt viele.

Der Scham ausgeliefert

Tafel versorgt Bedürftige
Mahlzeit bei der Tafel Quelle: dpa

Über noch weniger Geld verfügen Hartz IV-Empfänger oder Minijobber, bei denen der Verdienst nicht reicht, um die laufenden Lebenshaltungskosten abzudecken. Die Armut, so Selke, ist längst "mitten unter uns". Wir leben in einem „Schamland“, in dem sich Millionen nicht mehr öffentlich äußern und den Glauben an eine gerechte Politik längst verloren haben. Menschen, die man etwa in den Kleiderkammern und Tafeln trifft. Doch gerade die rund 900 Tafeln in Deutschland, die 2013 ihr zwanzigjähriges Jubiläum feiern und regelmäßig rund 1,5 Millionen Menschen versorgen, werfen für Sebastian Selke "ernsthafte moralische Fragen auf".

Für ihn sind Tafeln, aber auch Kleiderkammern und Suppenküchen vor allem „Hilfsagenturen, Ausdruck eines postdemokratischen Sozialstaats und neosozialer Sparpolitik“. Denn einerseits helfen sie natürlich den Betroffenen ganz konkret, andererseits sorgen sie aber dafür, dass die Empfänger sich oft schämen und sich dem Hilfssystem dieses „Schamlands“ ausgeliefert fühlen.

Private Wohltätigkeit statt staatlicher Hilfe

Selke prognostiziert nicht nur, dass Armut im Alter deutlich zunehmen wird. Vor allem der mit den „Tafeln“ verbundene gesellschaftliche Wandel gestaltet sich „als schleichender Prozess ... der jedoch in der Summe zunehmend auf Wahrnehmung, Denken, Fühlen und Handeln aller Beteiligten“ auswirke. Die Folge: Das gesellschaftliche Solidaritätsgefüge verändere sich. Während der legitime Anspruch der Bürger auf wohlfahrtstaatliche Hilfe erodiert, etabliert sich zunehmend ein “privates Wohltätigkeitssystem“. Es ist ein unterschwelliger Prozess, warnt Stefan Selke, der sich schleichend vor unser aller Augen vollzieht. Die Lehre von Stefan Selke aus seinem Buch „Schamland“ lautet: Wer „das Gute in den nächsten 20 Jahren neu erfinden will, sollte nicht Fehler der letzten 20 Jahre wiederholen“. Stefan Selke hat ein unbequemes Buch geschrieben – ein Buch, über das sich zu streiten lohnt.

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