Zeitreise zu unseren Ahnen

Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle

Gesellschaft | sonntags - Zeitreise zu unseren Ahnen

sonntags extra am 06. April 2014 zu Besuch im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. Dort spricht Gert Scobel mit Harald Meller über die Himmelscheibe von Nebra und die Welt unserer Ahnen.

Beitragslänge:
29 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 04.04.2019, 08:33

Wer sie einmal im Original gesehen hat, kann sich ihrer Aura kaum entziehen – die Himmelsscheibe von Nebra ist annähernd kreisrund, gerade einmal 32 cm groß und 2,3 Kilogramm schwer. Aber sie ist ein Jahrhundertfund, gilt als weltweit älteste Darstellung des Himmels - einer der wichtigsten archäologischen Funde der vergangenen Jahre.

Auch die Entdeckung der Himmelscheibe von Nebra war sensationell: Raubgräber bargen sie 1999 auf dem Mittelberg in Ziegelroda bei Nebra. Seit 2002 gehört sie zum Bestand des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle (Saale). Seit Juni 2013 zählt sie zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.

Doch der Besuch dieses Museums lohnt sich aus vielen Gründen: Mit seinen reichen Funden aus Mitteldeutschland zählt es zu den großen Sammlungen in Deutschland und ist auch mit seiner spannenden musealen Präsentation ganz auf der Höhe der Zeit. 15 Millionen Objekte lagern in den Magazinen des Museums, nur ein Bruchteil davon ist in der Dauerausstellung zu sehen.

Fingerabdruck in einem Stück Pech

Neanderthaler im Landesmuseum für Vorgeschichten in Halle
Was er wohl gedacht hat? Lebensnaher Neanderthaler Quelle: ZDF

Da sitzt mitten in einem der Räume ein fast lebensecht nachgestalteter Neanderthaler direkt gegenüber von dem Skelett eines Waldelefanten, da ist in einer kleinen Vitrine nebenan ein unscheinbares Stück Pech zu entdecken, das allerdings eine weitere Sensation trägt – deutlich zu erkennen ist auf ihm der Fingerabdruck eines der Menschen, die damals ihre Steinspitzen auf diese Weise mit einem Holzpfeil verbunden haben.

Das Museum präsentiert seine Schätze auf der Höhe der Zeit, etwa in Form von Hologrammen, die mitten im Raum zu schweben scheinen. Faszinierend ist auch ein Brunnenfund, der vielleicht banal wirken mag, vor tausenden von Jahren aber Hightech war. Nur wenige Menschen beherrschten vor hunderten von Generationen das Wissen um den Brunnenbau oder etwa die Verarbeitung von Bronze, Eisen oder Gold.

Bilder aus tiefer Vergangenheit

Die Ausstellung ist aber nicht nur geprägt durch Fundstücke, sondern auch durch die beeindruckenden Bilder von Karol Schauer, der bei seiner Arbeit tief in die Vergangenheit eintaucht und die uns unbekannten Menschen mit seinen fotorealistischen Bildern lebendig werden lässt. Es sind Menschen, auf deren Wissen wir bis heute aufbauen.

Diese Zeit können wir ausschließlich aus archäologischen Quellen rekonstruieren, betont  Museumsdirektor Harald Meller. Während Archäologen wie Meller und seine Kollegen die Fundstücke auswählen, prägen Karol Schauer oder der Fotograf Janko Lipták, dessen großformatigen Aufnahmen, die Dauerausstellung.

Ausstellung über mysteriöse Steinzeittote

Pfeile im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle
Pfeile im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle Quelle: ZDF

Zurzeit lockt eine spektakuläre Sonderausstellung Besucher nach Halle. Unter dem Titel „3.300 BC – Mysteriöse Steinzeittote und ihre Welt“ ist noch bis zum 18. Mai 2014 zu sehen. Im Zentrum dieser Schau stehen Funde aus einem über 5000 Jahre alten Erdwerk in Salzmünde westlich von Halle. Man wird entführt in eine Zeit, die mit der Erfindung des Rads, der Traktion und des Jochs voller spannender Innovationen war.

Damals lassen sich die ersten Bauern in Mitteldeutschland nieder, wo sie mit den hier vorherrschenden Löss- und Schwarzerdeböden auf ideale Bedingungen stoßen. Ein Pfeilschauer, der dem Ausstellungsbesucher beim Betreten des Atriums entgegen zu „regnen“ scheint, symbolisiert die gewaltsamen Konflikte, die mit der Verteilung des Landes im Neolithikum einhergingen.

Salzmünde – Namensgeber für eine Epoche

Das Erdwerk von Salzmünde umfasste früher rund 4,5 km Länge mit einer Fläche von fast 40 ha. In ihren Gräben und im Inneren der Anlage fanden Archäologen zahlreiche Befunde, die in dieser Form und aus anderen neolithischen Kulturen nicht bekannt waren. Zwischen 2005 bis 2008 wurde das komplette Areal erforscht. Mehrere hunderttausend Fundstücke konnten geborgen werden. Finanziell unterstützt von der VolkswagenStiftung waren zeitweise bis zu 12 Wissenschaftler und 110 Grabungsmitarbeiter beteiligt.

-	Blockbergung einer Neunfachbestattung vom Fundplatz Salzmünde mit vier Frauen und fünf Kindern; LDA Sachsen-Anhalt, J. Liptàk.
Neunfachbestattung (LDA Sachsen-Anhalt, J. Liptàk)

Der Fundort bei Salzmüde, der unter anderem als Kiesgrube genutzt wurde, hat gleichzeitig einer ganzen Epoche ihren Namen gegeben: Der jungsteinzeitlichen Salzmünder Kultur, die von ca. 3.400–3.050 v. Chr. datiert. Der Zusatz der Ausstellung – „3300 BC“ bezieht sich auf „Before Christ“ und meint die Zeit vor Christi Geburt. Ausgesprochen mysteriös sind die unzähligen Knochenfunde.

Profiler erforschen brutale Morde

Bestattet unter dicken Scherbenlagen wurden die Toten wohl mehrfach umgebettet. Dabei handelt es sich um eigenartige, aus heutiger Sicht nur schwer nachvollziehbare religiöse Rituale. Viele der Menschen wurden brutal ermordet – dafür steht der sogenannte Dreifachtod mit Pfeil, Lanze und Keule. An der Erforschung der Funde waren auch Anthropologen der Universität Mainz beteiligt. Doch nicht nur sie, auch Profiler vom BKA arbeiteten an der Erforschung des Rätsels mit.

Im Zentrum der aktuellen Sonderausstellung steht eine Neunfachbestattung, bei der vier Frauen und fünf Kindern beerdigt wurden. Sie liegen jeweils in Paaren einander zugewandt, in einer Grabgrube. Vor allem den Schädeln wurde in Salzmünde offenbar besondere Bedeutung zugeschrieben. Möglicherweise wurden sie gesondert aufbewahrt. In den Verteidigungsgräben der Salzmünder Anlage wurden hunderte Ahnenschädel niedergelegt.

Rätselhafte Rituale und Zeichen

Doch nicht nur die Verteidiger, auch die Eroberer der historischen Wehranlage, die Träger der sogenannten Bernburger Kultur, setzten wohl ebenfalls auf die mystisch-religiöse Macht ihrer Ahnen. Die Wissenschaftler aus Halle vermuten, dass die Bernburger ein ehemaliges Kollektivgrab komplett versetzten. Mit der Neu-Bestattung von 32 Ahnen mitten in die Salzmünder Gräben wurde möglicherweise so der ursprüngliche Siedlungsplatz der Salzmünder quasi symbolisch in Besitz genommen.

Wer die Ausstellung besucht, begibt sich auf eine Reise in eine Welt voller rätselhafter Rituale und mysteriöser Zeichen. Wie das alltägliche Leben mit den Ahnen ausgesehen haben kann, veranschaulicht die Ausstellung anhand von Objekten aus Melanesien, von den Inseln Neuguinea und Neuirland. Und auch in diesen Kulturen kommt den Schädeln der Ahnen bis heute große Bedeutung zu.

Schädel aus Ahnenkult

Ein Filmdokument zeigt die Übermodellierung des Schädels eines Verstorbenen mit Lehm – und schlägt dadurch den Bogen zurück an den Beginn der Ausstellung, wo der Besucher einen mit Lehm überformten Schädel aus dem vorderorientalischen Jericho als Zeugnis eines frühen Ahnenkultes aus jener Zeit des Übergangs vom Jäger- und Sammlertum zur neolithischen Sesshaftigkeit vor 11.000 Jahren gesehen hat. Es ist nicht nur die Himmelsscheibe von Nebra, es sind auch Funde wie diese, die den Besuch des Landesmuseums für Vorgeschichte so spannend machen.

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