Die Lust am Tanzen

Genetisch gegeben - oder dämonisches Zucken?

Männer wollen fast nie tanzen, Frauen dagegen fast immer. Das ist nicht einmal ein Vorurteil: Tatsächlich tanzen nur 47 Prozent der deutschen Männer gern, bei den Frauen sind es fast 80 Prozent. Das Thema "Tanzen" polarisiert – ist es wirklich so toll für Körper und Geist? Dazu ein Interview mit dem Musikkognitionsforscher Gunter Kreutz.

Gunter Kreutz
Gunter Kreutz erforscht die Zusammenhänge zwischen Musik und Gesundheit Quelle: privat

ZDFonline: Im Frühling wird viel getanzt: Maifeiern, Hochzeiten, Straßenfeste mit Ehrentänzen und Partymusik… Wieso tanzen wir so gerne?
Gunter Kreutz: Weil Tanzen praktisch in unseren Genen steckt. Wir haben den aufrechten Gang vermutlich von Anfang an nicht nur zum Laufen oder Rennen benutzt. Die Frühmenschen werden bald entdeckt haben, dass gemeinsame Bewegungen eine Gemeinschaft beispielsweise größer erscheinen lässt. Und Überleben konnte man damals wie heute nur als solche.

ZDFonline: Und warum mögen einige, besonders Männer, gar nicht tanzen?
Kreutz: Von Kindern zumindest kann man behaupten, dass sie sich sehr gerne rhythmisch bewegen, sobald sie auf der Welt sind. Ich vermute, es ist eine Frage der Erziehung und der umgebenden Kultur, was später daraus wird. Die christliche Kirche, um einmal an ein dunkles Kapitel zu erinnern, hat ja über geraume Zeit so manchen Dämon in Musik, Gesang und Tanz geglaubt erkennen zu können. Das hat der gesellschaftlichen Anerkennung und der Teilhabe aller am Tanzen nicht unbedingt geholfen.

Tanzen - das hat viel mit Männlichkeit und Weiblichkeit zu tun

ZDFonline: Ist Tanzen etwa nur "Frauensache"?
Kreutz: Überhaupt nicht. Schauen Sie in die Ethnien oder in alle möglichen Tanzpraktiken um uns herum. Da mischen auch viele Männer mit. Und das auch ganz bewusst, weil Tanzen sehr viel mit Männlichkeit und Weiblichkeit zu tun hat. Da muss man kein Psychoanalytiker sein, um das zu sehen. Übrigens halte ich die Geschlechterfrage für weit überschätzt. Wir überbetonen die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und vergessen dabei, dass wir uns zwischen den Geschlechtern aufgrund unzähliger Gemeinsamkeiten überhaupt verständigen können. Gerade beim Tanzen klappt das außerordentlich gut.

ZDFonline: Wäre der Tanz aus unserer Gesellschaft denn überhaupt wegzudenken? Welche Rolle spielt er in unserem Leben?
Kreutz: Die besten Kronzeugen sind die Tänzerinnen und Tänzer selber. Viele sagen, dass es ihnen hilft, mit Stress umzugehen, sich zu entspannen, aus der Alltagsmühle auszubrechen und dabei nicht allein zu sein. Selbst wenn man nicht Paartanz oder Tänze in Gruppen betreibt, so ist der Kontakt zu anderen Menschen immer recht wichtig. Kinder profitieren von Tanz und Bewegung durch mehr Ausgeglichenheit. Sie entwickeln mehr Empathie, werden kooperativer und hilfsbereiter. Dazu gibt es sogar wissenschaftliche Untersuchungen, die darauf hindeuten. Tanzen ist also nicht nur Kommunikation, sondern beeinflusst auch unser Verhalten. Deswegen sind Tanzprojekte auch in schwierigen sozialen Milieus so erfolgreich. Es hilft, Konflikte friedlich und ohne Gewalt zu lösen, und es trägt dazu bei, dass sich junge Menschen mehr bewegen.
Bekanntlich sind Bewegungsmangel und falsche Ernährung die Hauptursachen von Zivilisationskrankheiten, lange vor Umwelt und Genen. Tanzen schlägt mehrere Fliegen mit einer Klappe. Es gibt unzählige Tanzformen, die teilweise einfach sind, aber auch mental und körperlich alles abverlangen können. Man kann sich darin beweisen. Da steckt sehr viel positive Energie, die helfen kann, beschädigte Selbstbilder zu heilen. Es wäre sehr weise von der Bildungspolitik, das Tanzen in der Grundschule flächendeckend zu etablieren, um damit Spaß, Prävention und ein Leben mit tatsächlicher und nicht nur medialer kultureller Teilhabe für jedes Kind zu gestalten.

ZDFonline: Kann denn jeder Tanzen – und sollte es auch jeder tun?
Kreutz: Selbstverständlich. Ich habe bei Tangoabenden erlebt, wie sehr das Tanzen von mehreren Generationen in einem Raum geschätzt wird. Es gibt keine Barrieren, wie beim Sport, und Kreuzbandrisse sowieso kaum. Wer Tango nicht mag, geht zu Salsa, zum Standard-Latein oder schließt sich einer Volkstanzgruppe an. Das ist viel spannender, als es die Bezeichnung ausdrückt. Es gibt also viele Alternativen zu Diskotheken, die man ohnehin niemals ohne Hörschutz betreten sollte, gegen die sonst aber nichts einzuwenden ist. Mineralwasser ist hier allerdings das Getränk der Wahl.

Tango Tanz
Tango: Männlich, weiblich, tänzerisch Quelle: ZDF

ZDFonline: Was passiert in unserem Körper beim Tanzen? Physisch und psychisch?
Kreutz: Sehr viel – und leider wissen wir darüber noch viel zu wenig. Angesichts therapeutischer Studien über die letzten Jahre ist das Potenzial aber immerhin deutlich geworden. Schwere neurologische Erkrankungen wie Parkinson, Multiple Sklerose bis hin zur Altersdemenz sind allesamt unheilbar. Es gibt keine Medikamente, die sie aufhalten. Tanzen trägt aber in allen Fällen etwas zum Wohlbefinden und zur Lebensqualität der betroffenen Menschen bei. Es erhöht die Empfindung von Selbstwirksamkeit, einer ganz wesentlichen psychologischen Größe in Heilungsprozessen. Doch wie gesagt, Tanzen heilt nicht, aber es hilft.

Tanzen wirkt therapeutisch

ZDFonline: Gibt  es denn  vielleicht  Tänze, die besonders "gesund" sind?
Kreutz: Wir wollen immer eine Art "Pille" haben, ein "Rezept", das ein und für allemal mit Krankheiten aufräumt und uns so lange wie möglich gesund hält. Doch das ist der falsche Ansatz. Es ist die Aufgabe von jedem einzelnen Menschen, für sich herauszufinden, was einem selber gut tut. Das kann einem kein Arzt oder Ratgeber abnehmen. Es ist aber andererseits eine zu schöne Sache, nämlich zu tanzen, um es nicht zu tun.

ZDFonline: Wenn man aber zum Beispiel an Ballett denkt, kommen manchmal Zweifel auf, ob der Sport wirklich gesund sein kann.
Kreutz: Balletttänzer sind eine leider eher gefährdete Gruppe von Tänzern. So sehr wir ihre Kunst lieben, so sehr müssen sie selber damit rechnen, im Laufe ihrer Karrieren Ermüdungsbrüche im Fußbereich zu erleiden. Sie muten ihrem Körper sehr viel zu und das bei einer oftmals eher schlechten sozialen Absicherung. Sie sind für ihre Leistung ungeachtet der hohen Motivation und der Euphorie, die sie antreibt, nicht ausreichend alimentiert. Jedenfalls empfinde ich das so angesichts der Statistiken über Verletzungen in diesem Bereich.

ZDFonline: Und ganz persönlich: Tanzen Sie?
Kreutz: Ich habe meine Frau beim Tanzen kennen gelernt. Wir nehmen, so gut es geht, Gelegenheiten wahr, um Tanzen zu gehen. Im Moment schleift das ein bisschen, doch es ist ein schönes Gefühl, zu wissen, dass man eigentlich nie zu alt dafür ist, auch und gerade wenn man sich augenblicklich noch jung fühlt.

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