Die Vergangenheit einfach vergessen?

Das private und gesellschaftliche Erinnern

Gesellschaft | sonntags - Die Vergangenheit einfach vergessen?

Kinder und Erwachsene spüren den Mysterien des Todes nach. Es ist die lange Nacht der Heiligen im Mainzer Dom. Gruselerlebnisse gibt es auch hier. Aber Allerheiligen geht tiefer als Halloween-Partys.

Beitragslänge:
2 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 02.11.2017, 15:29

Der November ist der Gedenk-Monat: Anfang November liegen der katholische Feiertag Allerheiligen, der evangelische Toten- oder Ewigkeitssonntag und dann kommt schon der 9. November: Der Tag, an dem die Mauer zwischen Bundesrepublik und DDR gefallen ist und an dem in der Reichspogromnacht Nazis die Synagogen in Deutschland anzündeten. Aber ist dieses ganze Erinnern nicht verordnet und damit zwecklos? "sonntags" stellt die Frage nach dem Erinnern-müssen – und dem Sich-erinnern-können.

"Weißt Du noch?" Eine Frage, die Gemeinschaft stiftet: Zwischen Geschwisterkinden, die ihren Eltern einen gelungenen Streich gespielt haben zum Beispiel. "Weißt Du noch, wie sich der Papa erschreckt hat? Hihihi!". Eine Frage, die Familien zusammen halten kann: "Wisst ihr noch, wie wir den Unfall zum Glück knapp überlebt haben?" Was bleibt von einem Menschen, wenn das private Erinnern verschwindet? Wenn er dement wird oder nach einem Unfall das Gedächtnis verliert? Und was muss das mit dessen Familie und seinen Freunden machen, wenn sie plötzlich nicht mehr erkannt werden?

Vergessen als Selbstschutz

Alte Fotos betrachten
Alte Fotos wecken Erinnerungen an private und kollektive Ereignisse. Quelle: ZDF

Für andere kann das Vergessen und Verdrängen auch ein Segen sein: Das eigene Jahr im Krankenhaus, das Bangen und Langweilen, das Zählen von Pillen und Erdulden von Therapien und Untersuchungen – wer möchte sich da schon gerne dran erinnern? Wer möchte die Erinnerung an ein solches Erlebnis wach halten und freut sich nicht, wenn irgendwann nur noch ein Schatten in der Vergangenheit bleibt?

Neben dem privaten Erinnern gibt es auch das kollektive Erinnern. Und auch hier gibt es den großen Schatten in der Vergangenheit, das Krebsgeschwür in der Geschichte. Die wenigsten Deutschen können sich heute noch aus eigener Anschauung daran erinnern, aber jeder kennt die Erzählungen aus der Nazizeit. Immer wieder gibt es Debatten um einen "Schlussstrich": Muss man nicht irgendwann sagen "Jetzt ist’s mal gut, wir haben genug an den Holocaust erinnert"?

Kein Schlussstrich unter das Holocaust-Gedenken

1994 waren 51 Prozent der Deutschen dafür, dass unter die Schuldfrage ein Schlussstrich gezogen werden sollte, nur 43 Prozent dagegen. Das Bild hat sich in zwei Jahrzehnten etwas geändert: Auch in diesem Jahr ist der Schlussstrich noch nicht gezogen. Eine Umfrage aus dem Jahr 2012 belegt, dass 56 Prozent der Deutschen nicht vergessen wollen, nur noch 40 Prozent sind für den Schlussstrich. Gleichzeitig ist aber auch die Gleichgültigkeit zu dem Thema gewachsen: Viele Jugendliche wissen heute nicht mehr, worum es beim Holocaust geht.

Wir tragen unsere Vergangenheit in uns, behauptete der Chef des Holocaust-Gedenkmuseums Yad-Vaschem in Israel in einem Café-Gespräch mit dem Journalisten Bernd Ulrich. Der erwiderte, dass er seinen Nazi-Opa auf keinen Fall in sich tragen wolle. Der Israeli erhebt seine Stimme, so dass jeder im Café ihn hören kann: "Jetzt, wo sie sagen, dass Sie einen Nazi-Opa haben …" – der Journalist duckt sich. Wir tragen unsere Vergangenheit in uns. Die kollektive, die private, und auch die, die wir persönlich vielleicht nicht tragen wollen.

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