Doppelte Energie

Powerfrauen zwischen Karriere und Kindern

Gesellschaft | sonntags - Doppelte Energie

Die Personalmanagerin und Katholikin Dunja-Maria Bischof definiert Führungsqualitäten und sinnvolle Arbeit für sich neu.

Beitragslänge:
4 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 29.11.2018, 16:24

Noch vor 50 Jahren war die perfekte Hausfrau und Mutter das gängige Frauenideal. Heute ist es die Powerfrau, die spielend Karriere und Kinder miteinander verbindet. Doch gelingt das wirklich? Nach dem „Monitor“ Familienleben 2013 des Allensbach Instituts sind 65 Prozent der Männer und 75 Prozent der Frauen der Meinung, dass sich Familie und Beruf in Deutschland nicht gut miteinander vereinen ließen. Im Interview beschreibt Kathrin Mahler Walther, Beraterin der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF), worin die Herausforderungen für Frauen bestehen und was sich in Politik und Wirtschaft ändern sollte, damit die Vereinbarkeit von Beruf und Kindern besser gelingt.

ZDF: Unter welchen Bedingungen klappt das Model Beruf und Familie besonders gut?

Kathrin Mahler Walther: Wichtig ist, dass das Umfeld mitzieht. Unsere Studien zeigen, dass es in erster Linie einen Partner oder eine Partnerin braucht, der bzw. die gleichfalls aktiv familiäre Verantwortung übernimmt. Je selbstverständlicher dieses Modell im persönlichen und im beruflichen Umfeld aufgenommen wird, desto besser klappt es. Verständnis und Unterstützung im Familien- und Freundeskreis gehören ebenso dazu wie die regionale Betreuungsinfrastruktur und familienfreundliche Arbeitsbedingungen im Betrieb.

ZDF: Welchen Preis zahlen insbesondere Frauen, die versuchen, eine berufliche Karriere und Kinder miteinander zu verbinden?

Mahler Walther: Jene Frauen und die bisher wenigen Männer, die berufliche und familiäre Verantwortung miteinander verbinden, zahlen in der Tat einen hohen Preis - insbesondere in Bezug auf persönliche Zeit oder Freizeit - aber sie gewinnen auch sehr viel. Sie sind in beiden Welten zu Hause und entwickeln aus dem eigenen Erleben Verständnis für die Themen des Partners/der Partnerin. Dennoch bieten nicht alle Arbeitgeber familienfreundliche Arbeitsbedingungen ohne die Erwartung ständiger Verfügbarkeit, was in dem einen oder anderen Unternehmen durchaus zu beruflichen Nachteilen führen kann.
Während Männer, die sich aktiv in die Familie einbringen, im privaten Bereich oft viel Anerkennung erhalten, sehen sich insbesondere Frauen in den alten Bundesländern häufig mit Zweifeln und Vorwürfen gegenüber ihrem Lebensmodell konfrontiert. Nicht selten wird ihnen abgesprochen, gleichzeitig eine gute Mutter und eine gute Führungskraft sein zu können. Auf der Arbeit müssen sie beweisen, dass Sie es können, und im privaten Leben ebenso. Das kostet sie doppelt Energie.

ZDF: Was sollten Unternehmen und Politik in Angriff nehmen, um es Frauen zu erleichtern, Karriere und Familie zu verbinden?

Mahler Walther: Die Politik sollte sich für echte Wahlfreiheit einsetzen. Dazu gehört die sukzessive Abschaffung der hohen finanziellen Anreize für keine bzw. geringfügige Tätigkeit eines Partners durch das Ehegattensplitting, die kostenlose Mitversicherung in der Krankenkasse, die Nichtanrechnung von Minijobs auf das Haushaltseinkommen und neuerdings auch das Betreuungsgeld. Diese staatlichen Subventionen sind nicht nur volkswirtschaftlich unsinnig, sie führen auch viele Paare in eine Sackgasse, aus der sie nur schwer wieder herauskommen. Ihnen wird eine finanzielle Attraktivität suggeriert, die sich langfristig nicht auszahlt - im Gegenteil. Der Anschluss im Beruf lässt sich nach jahrelanger Unterbrechung oft kaum noch finden. Stattdessen sollten qualitativ hochwertige Betreuungs- und Bildungseinrichtungen geschaffen werden, die mit großer Flexibilität den Anforderungen moderner Lebensmodelle gerecht werden.
Flexibilität ist auch das Stichwort für Unternehmen: Es müssen Führungsmodelle etabliert werden jenseits traditioneller Verfügbarkeitserwartungen. Flexible Arbeitsbedingungen sind die Voraussetzung für die Vereinbarung von Karriere und Kindern. Damit ist ein langfristiger Veränderungsprozess verbunden, ein Kulturwandel in den Unternehmen, der Frauen und Männern die gleichen Entwicklungschancen ermöglicht. Nicht nur Frauen auch Männer brauchen mehr Spielräume, um Karriere und Familie zu vereinbaren. Berufskarrieren für Frauen werden nur dann zur Normalität, wenn sich Männer ebenso selbstverständlich in die Familienarbeit einbringen.

ZDF: Sind weibliche Führungskräfte mit Kind(ern) ein Gewinn oder eine Last für Unternehmen? Was bringen Arbeitnehmer dem Unternehmen, die Beruf und Familie verbinden?

Berufstätige Frau mit Kleinkind
Kind und Karriere erfordern einen genau getakteten Zeitplan. Quelle: mev

Mahler Walther: Menschen, die aktiv Familienpflichten wahrnehmen und dies mit einer Führungsposition verbinden, sind zweifelsohne sehr gut organisiert. Davon profitiert auch das Unternehmen. Sie sind auch Treiber für den Kulturwandel und damit den Modernisierungsprozess im Unternehmen. Insbesondere männliche Führungskräfte, die die Herausforderungen von Frauen in Führungspositionen einerseits und der Vereinbarung von Karriere und Kindern andererseits aus dem eigenen Erleben kennen, setzen sich als Führungskräfte aktiv für Chancengleichheit und Familienfreundlichkeit ein.
Unsere Studien über Mütter in Führungspositionen und Doppelkarrierepaare mit Kindern zeigten zudem, dass die Familie den Führungskräften zwar einen engen zeitlichen Takt vorgibt, zugleich aber ein gutes Gegengewicht zu dem hohen beruflichen Engagement ist. Sie sichert, dass es ein aktives Leben außerhalb der Arbeitswelt gibt. In diesem Sinne ist Familie eine wichtige Ressource, die den Frauen und Männern den Rücken stärkt.

ZDF: Sind Frauen heute generell zufriedener als früher, da sie die Möglichkeit haben, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten - also Beruf und Familie, nur Beruf, nur Familie, Familie und Teilzeit, etc.?

Mahler Walther: Frauen können ihr Leben selbstbestimmter gestalten als ihre Großmütter, das stimmt. Aber ihre Entwicklungsmöglichkeiten sind noch immer begrenzt. Zwei Drittel der Frauen in Deutschland sind unzufrieden mit dem Stand der Gleichberechtigung, so die Ergebnisse der kürzlich erschienenen repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach. Sie sehen sich im Beruf benachteiligt und tragen die Hauptlast der Haus- und Sorgearbeit, häufig selbst dann, wenn beide Vollzeit berufstätig sind.

ZDF: Warum ist es für Frauen so schwer, nach der Erziehungspause ihre Karriere in einem Unternehmen fortzusetzen?

Mahler Walther: Menschen mit einer längeren beruflichen Pause verlieren oft nicht nur fachlich den Anschluss, sondern auch ihr Netzwerk im Unternehmen. Sie fangen dann in gewisser Weise von vorn an. Und bisher sind die Karrierewege hierzulande stark darauf ausgerichtet, eine geradlinige berufliche Karriere zu machen. Nach dem Berufseinstieg in den 20ern werden die entscheidenden Weichen für die Karriere dann zwischen 30 und 40 gestellt. Wer sich in dieser Zeit nicht voll reinhängt, der fällt aus dem Talentpool raus. Karrierestart mit über 40? Ist nur selten möglich. Da ist noch großer Handlungsbedarf für Unternehmen. Karrierewege müssen flexibler und durchlässiger werden.

ZDF: Warum werden berufstätige, erfolgreiche Mütter noch immer als „Rabenmutter“ wahrgenommen?

Mahler Walther: Traditionelle Geschlechterbilder halten sich in Westdeutschland noch mit einiger Hartnäckigkeit. Das hat auch historische Ursachen, da die zu Beginn des letzten Jahrhunderts in vielen Ländern beginnende Entwicklung hin zu einer Gleichberechtigung von Frauen und Männern durch den Nationalsozialismus jäh abgebrochen wurde. Das starke Mutterideal wurde in dieser Zeit geprägt und es strahlt bis heute aus. Das traditionelle Frauenbild der 50er und 60er Jahre wurde durch die zweite deutsche Frauenbewegung in den 70er Jahren in Bewegung gebracht. Doch von da aus war es ein langer Weg. Ein wirklicher Paradigmenwechsel auf höchster Ebene erfolgte erst mit der modernen Familienpolitik von Ursula von der Leyen. In Ostdeutschland werden Sie dagegen selten von „Rabenmüttern“ hören. Hier wird kaum in Frage gestellt, dass Frauen Beruf und Familie vereinbaren. Das deutlich modernere Frauenbild aus DDR-Zeiten setzt sich bis in die heutige Generation fort. Entsprechend finden Sie hier auch anteilig mehr Frauen in Führungspositionen.

ZDF: Wie unterscheiden sich weibliche und männliche Führungskräfte in der Art, ein Unternehmen oder die Mitarbeiter zu führen?

Mahler Walther: In den vielen Jahren meiner Beratungstätigkeit habe ich zahlreiche Männer und Frauen in Führungspositionen kennen gelernt. Wenn ich das resümiere, dann habe ich dabei unterschiedliche Persönlichkeiten mit einer großen Bandbreite von Führungsstilen erlebt. Das macht sich weniger am Geschlecht fest als vielmehr an der Person. Situationsbezogen und flexibel zu führen – darin liegt die Zukunft für Männer und für Frauen. Je vielfältiger Führungsteams sind, desto besser kann das gelingen.

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