"Ein bewegender Dreh"

Interview mit Reporterin Doro Wiebe-Plutte über ihre Arbeit mit Samuel Koch

Gesellschaft | sonntags - "Ein bewegender Dreh"

Zum ersten Mal nach seinem Unfall besucht Samuel Koch die Turnhalle, die ihn zum Sportler machte. Mit Doro Wiebe-Plutte spricht er über seine Erinnerungen und seine Träume.

Beitragslänge:
6 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 31.08.2017, 11:37

Samuel Koch verunglückte am 4. Dezember 2010 in der ZDF-Sendung "Wetten, dass..?".  Seither ist er vom ersten Halswirbel an gelähmt. Reporterin Doro Wiebe-Plutte sprach ausführlich mit ihm über sein Leben nach dem Unfall und drehte für sonntags drei Fernsehbeiträge. Im Interview erzählt Wiebe-Plutte von ihren Eindrücken beim Dreh und beschreibt, wie Samuel Koch mit seiner Behinderung zurechtkommt.

ZDFonline: Wie sind Sie mit Samuel Koch in Kontakt gekommen?

Doro Wiebe-Plutte: Ich hab im Januar 2011 Christoph Koch, den Vater von Samuel, bei einer Veranstaltung kennen gelernt. Das war also kurz nach dem Unfall, als noch ganz unklar war, wie es mit Samuel weitergehen wird. Ich war dann eine der ersten, die Christoph Koch nach dem Unfall interviewen konnte.  Es war ein sehr intensives Gespräch und wir sind von da an in Kontakt geblieben. So kam ich in den persönlichen Verteiler der Familie und hatte über den Newsletter immer die aktuellen Informationen, wie es Samuel geht.  Auch Informationen, die so nicht in der Öffentlichkeit bekannt sind. Schließlich habe ich angefragt, ob ich Samuel für meine Reihe Die Mutmacher in der ZDF-Sendung sonntags interviewen kann. Der Kontakt zu Samuel selbst kam vor zwei oder drei Monaten zustande.

ZDFonline: Welchen persönlichen Eindruck hat er auf Sie gemacht?

Samuel Koch mit Doro Wiebe-Plutte
Samuel Koch und Doro Wiebe-Plutte Quelle: ZDF

Wiebe-Plutte: Von der ersten Begegnung an fand ich ihn erstaunlich wach. Er wollte gleich wissen, wer ich bin, was mein Anliegen ist und in welche Richtung die ganze Sache gehen soll. Er denkt viel mit und bringt sich aktiv ein. Und deshalb handelt er auch nicht ein Interview nach dem anderen ab.

ZDFonline: Was ist er für ein Typ?

Wiebe-Plutte: Er ist ein ganz freundlicher und zugewandter Mensch. Und obwohl man meinen könnte, dass er genug damit zu tun hat, mit sich selbst beschäftigt zu sein, hat er diesen wachen Blick für die Menschen um sich herum.

Beim Dreh und auch im Nachhinein beim Sichten des Materials war ich tief beeindruckt, wie er Dinge formuliert und auf den Punkt bringt, wie es ihm geht und auch wie er seine eigene Situation einschätzt. Er legt eine Tiefgründigkeit an den Tag, die für einen 24-Jährigen alles andere als selbstverständlich ist. Zugleich habe ich nicht mitbekommen, dass er verzweifelt ist oder jammert. Er spricht ganz offen davon, dass es Zeiten gibt, in denen es ihm richtig dreckig geht. Er beschönigt seinen Zustand nicht. Er beschreibt ihn, als so schwierig, wie er ist, gleichzeitig aber strahlt er keinerlei Verbitterung oder Härte aus, die wahrscheinlich viele andere in seiner Situation hätten.

ZDFonline: Wie kann Samuel Koch mit einer derartigen Behinderung leben?

Wiebe-Plutte: Er ist ja von den Schultern abwärts gelähmt. Weil er früher Sportler war, sind seine Schultern sehr trainiert. So kann er seine Arme nach vorne und nach hinten schieben und auch nach oben nehmen – allein durch die Kraft in den Schultern. Mit diesen Bewegungen kann er dann auch seinen elektrischen Rollstuhl steuern. So hat er zumindest die Freiheit, sich selbst fortzubewegen und den Rollstuhl in der Höhe zu verstellen.

Natürlich braucht er trotzdem rund um die Uhr Betreuung. Er kann ja nicht alleine essen, er kann sich nicht kratzen, wenn’s ihn juckt, kann sich nicht an- oder ausziehen, kann nicht auf Toilette gehen, kann auch nicht selbst in den Rollstuhl rein oder raus.  Weil zudem sein ganzer Kreislauf so instabil ist und er kollabieren könnte, muss immer jemand da sein. Die Rundum-die-Uhr-Betreuung übernimmt seine Familie und wenn er in Hannover ist, wo er studiert, gibt es Pflegekräfte, die sich abwechseln.

Trotz all dieser Einschränkungen gestaltet er sein Leben sehr aktiv. Er sitzt beispielsweise nicht im Haus, sondern begleitet seinen Bruder zum See oder fährt mit dem Rollstuhl zu Veranstaltungen oder Gottesdiensten, begegnet Freunden und lebt in sozialen Netzwerken. Nach unserem Dreh ist er direkt zur Olympiade nach London weitergeflogen, was auch immer mit einem großen Risiko verbunden ist. Er sagt sich aber, das was mir geblieben ist, lass ich mir nicht nehmen. Natürlich sind seine Aktivitäten mit riesigem Aufwand verbunden, das hab ich beim Dreh gemerkt, da ist eine hohe Bordsteinkante schon ein unüberwindliches Hindernis. Trotzdem gibt er nicht klein bei, sondern nutzt die Möglichkeiten, die er hat.

ZDFonline: Wie war es, während die Kameras nicht an waren?

Wiebe-Plutte: Die Familienmitglieder wollten beim Dreh zwar lieber nichts vor der Kamera sagen, aber im Hintergrund fand ein großes Gewusel satt, ständig war etwas spontan zu organisieren und abzuklären. Die ganze Familie ist eine große Einheit, die das alles nur so hinbekommt, weil sie einen solchen Zusammenhalt haben.

ZDFonline: Was bedeutet die Situation für seine Familie?

Wiebe-Plutte: Keiner weiß, wie es weiter gehen wird. Besonders am Anfang, nachdem der Unfall passiert war, hat man nur von Tag zu Tag gehofft, dass er es schafft. Bis heute ist es so, dass die Familie nur im Jetzt lebt und alles Denken an die Zukunft zurückgestellt. Etwas zu planen, was in einem halben Jahr ist, ist fast unmöglich, denn sie wissen nicht, was dann mit Samuel ist.

Samuel hat mir mal gesagt, dass der gemeinsame Glaube, den die Familie hat, zwar am Anfang erschüttert war, doch gleichzeitig ist ihr Glauben durch die ganze Situation ebenso nachhaltig gestärkt worden wie der Zusammenhalt in der Familie. Sie haben so viel miteinander gelitten und das schweißt natürlich zusammen.

ZDFonline: Der Umgang mit Behinderten fällt ja vielen nicht leicht. Wie ist es Ihnen ergangen?

Wiebe-Plutte: Ich habe viele Freunde und Leute in meinem Umfeld, die Behinderungen haben. Meine persönliche Hemmschwelle ist von daher ganz niedrig. Ich habe gelernt, dass eines Konsens unter Körperbehinderten gegenüber Nicht-Behinderten ist: Fragt uns! Wenn ihr nicht wisst, was wir alleine können oder nicht, oder nicht wisst, wie ihr uns begrüßen sollt, einfach fragen. Das mache ich auch immer und bin da ganz offen – auch in meinem Umgang mit Samuel Koch. Für mich ist das ganz natürlich geworden und ich würde mir wünschen, dass meine Reihe Die Mutmacher auch andere zu einem solch offenen Umgang einlädt.

ZDFonline: Ist das große öffentliche Interesse an seiner Person eine Hilfe oder eher eine Belastung für ihn?

Wiebe-Plutte: Er sagt: beides. Manchmal ist es belastend. Er ist sehr bekannt und ich habe auch mitbekommen, wie auf der Straße dauernd Leute kommen, die ihn ansprechen. Das ist oft lieb gemeint. Aber es ist auch eine Belastung, sich nicht unerkannt in der Öffentlichkeit bewegen zu können. Besonders an Tagen, an denen es Samuel nicht so gut geht, ist das anstrengend.

Gleichzeitig hat das auch positive Seiten. Er hat ja ein Buch geschrieben, das erfolgreich geworden ist, weil er so bekannt ist. Er kann also viele Dinge bewegen und vielleicht auch das Bild prägen, das Menschen von Behinderten haben.

Und er sagt außerdem, wenn der Unfall nicht so in der Öffentlichkeit stattgefunden hätte, dann hätte er das möglicherweise gar nicht überlebt, weil nicht so schnell Hilfe dagewesen wäre.

ZDFonline: Was hat der Dreh für Sie persönlich bedeutet?

Wiebe-Plutte: Für mich war es durch die Begegnung mit diesem besonderen und bemerkenswerten Menschen ein bewegender und richtig schöner Dreh. Und außerdem der letzte, bevor ich in die Babypause gehe. Auch das hat die Tage mit Samuel Koch für mich nochmals ganz besonders gemacht.

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