Einsatz in Ehre

Wie man das passende Ehrenamt findet

Ob in Kirchen, Gewerkschaften, Medien oder der Jugendarbeit: Immer mehr Menschen engagieren sich in einem Ehrenamt. Nach einer Umfrage der Hamburger BAT-Stiftung für Zukunftsfragen ist jeder sechste Deutsche mindestens einmal im Monat ehrenamtlich aktiv – Tendenz steigend. Wie jeder das für ihn passende Ehrenamt finden kann, erklärt Janina Krüger von der Ehrenamt Agentur Essen.

ZDF: Aus welchen Motiven entscheiden sich Menschen für ein Ehrenamt?
Janina Krüger: Ehrenamtlich tätig zu werden ist fast immer eine Herzensangelegenheit! Häufig gibt es eine eigene Betroffenheit: Ein positives oder tragisches Erlebnis im Familien- oder Freundeskreis, vielleicht sind keine eigenen Großeltern oder Kinder da und deshalb möchte man gerade für diese Altersgruppe aktiv werden, zum Beispiel Senioren besuchen oder in der Kita vorlesen. Im Umwelt- und Tierschutz finden häufig Menschen eine ehrenamtliche Heimat, die mit großer Leidenschaft ans Werk gehen und dieses Feld als Hobby betreiben. Ehrenamtliche Arbeit im Kulturbereich zieht vor allem Menschen an, die auch kulturelle Angebote gerne in Anspruch nehmen.
Ein anderes Motiv ist die eigene Lebenssituation: Die Kinder sind in der Kita oder in der Schule und das Engagement fokussiert sich auf die ehrenamtlichen Gremien wie etwa Elternpflegschaft oder Förderverein. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, steht mehr Zeit zur Verfügung, wenn die berufliche Karriere vorbei ist, sind oft auch Bekanntenkreise geschrumpft. Mit der Aufnahme eines Ehrenamtes lernt man neue Menschen kennen, kann sich wieder vernetzen und sinnstiftend tätig werden. Es ist ein gutes Gefühl, wieder gebraucht zu werden und vielleicht sogar berufliche Erfahrung einzubringen.

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Janina Krüger, Geschäftsführer Ehrenamt Agentur

ZDF: Wie beraten Sie Menschen, die ein Ehrenamt suchen?

Krüger: Wir nehmen uns vor allem Zeit für jeden Einzelnen. Ein individuelles und persönliches Beratungsgespräch wird im Vorfeld terminlich abgestimmt. Es dauert ca. eine Stunde. Wir füllen mit jedem Interessenten einen ausführlichen Fragebogen aus und finden gemeinsam heraus, welche Wünsche und Vorlieben im Vordergrund stehen, welche Interessen und Kompetenzen der- oder diejenige mitbringt. Oft finden wir im Gespräch erst heraus, dass das zunächst angestrebte Ehrenamt dann doch nicht das passende ist, weil es mit der aktuellen Lebenssituation gar nicht in Einklang zu bringen ist.
Wir haben in unserer Datenbank rund 500 wechselnde ehrenamtliche Tätigkeitsgesuche von 300 gemeinnützigen Organisationen hinterlegt, so dass wir tagtäglich rund 1.500 freiwillige „Stellen“ besetzen können. Soziales, Bildung, Kultur, Integration, Sport, Umwelt- und Tierschutz, in allen Feldern gibt es Möglichkeiten, sich für das Gemeinwohl einzusetzen, mit körperlicher Tatkraft oder Gehirnschmalz, allein oder im Team, von einer Stunde im Monat bis zu 10 Stunden in der Woche, nur für eine Veranstaltung, für ein zeitbegrenztes Projekt oder über viele Jahre. Wer gerne initiativ tätig werden oder lieber eine vorgegebene Aufgabe erfüllen will, der findet bei der Ehrenamt Agentur eine maßgeschneiderte Lösung.
Zum Abschluss des Beratungsgesprächs geben wir meist eine Auswahl von vier Tätigkeitsangeboten mit und vereinbaren ein Telefonat nach ca. 14 Tagen um nachzuhören, ob eine Vermittlung entstanden ist oder eventuell weitere Hilfestellung beispielsweise bei der Kontaktaufnahme zu der ausgewählten gemeinnützigen Organisation nötig ist.

ZDF: Wie bereiten Sie Menschen auf das Ehrenamt vor?

Krüger: In der Beratung bei der Ehrenamt Agentur werden die Interessenten über die Zugangsvoraussetzungen zu ihrem Wunschehrenamt informiert. Das kann eine einjährige Schulung sein, wenn man im Hospiz oder in der Telefonseelsorge tätig werden möchte oder ein mehrtägiger Workshop, wenn man Mentor eines Jugendlichen werden möchte. Die Freiwillige Feuerwehr oder die DLRG beispielsweise bilden ihre Ehrenamtlichen natürlich fundiert aus und bieten regelmäßige Fortbildungen an. Fast jede gemeinnützige Organisation, die mit ehrenamtlicher Unterstützung arbeitet, bereitet ihre Ehrenamtlichen auf das spezielle Einsatzfeld vor.
In der Beratung bei der Ehrenamt Agentur bekommt man einen Flyer, der als Leitfaden zur Aufnahme eines Ehrenamtes dient. Im ersten Gespräch mit der gemeinnützigen Organisation kann man sich orientieren: Wie ist die Einarbeitung geregelt? Gibt es eine Betreuung? Wie ist man versichert, wenn etwas passiert? Gibt es eine Aufwandsentschädigung? et cetera.
Im Konfliktfall ist die Ehrenamt Agentur auch zur Stelle, um zu vermitteln oder auch den Ausstieg aus dem Ehrenamt zu erleichtern.

ZDF: Wo wird ehrenamtliche Arbeit am dringendsten benötigt?

Krüger: Das größte Angebot ehrenamtlicher Mitarbeit gibt es im sozialen Bereich und im Sport, dicht gefolgt von Bildung und Kultur. Interessant ist es zu beobachten, dass ehrenamtliches Engagement besonders dort blüht und gedeiht, wo die gesellschaftliche Infrastruktur vom Staat gut ausgebaut wurde und es ausreichend hauptamtliches Personal gibt. Denn nur dann wird ehrenamtliches Engagement auch angemessen wertgeschätzt und findet Anerkennung.
Wenn wir also glauben, die Ehrenamtlichen nähmen in Zukunft die Bildung unserer Kinder in die Hand oder regelten die Betreuung alter Menschen so ist dies fatal. Ehrenamt ist immer eine zusätzliche und ergänzende Kraft, die wir nicht ausbeuten können, denn freiwillige Arbeit kann jederzeit und ohne Grund beendet werden und das ist auch gut so.
Einige Bestrebungen des Staates konzentrieren sich sogar auf eine Monetarisierung des Ehrenamtes. Da will man Menschen schlecht bezahlen für freiwillige Arbeit und hauptamtliche Arbeit dadurch einsparen, das konterkariert das Wesen des Ehrenamtes.

ZDF: Welche Tätigkeiten sind bei den Ehrenamtlichen besonders beliebt?

Krüger: Besonders beliebt sind Vorlesen und Patenschaften für Kinder und Jugendliche. Für die Zielgruppe benachteiligter Kinder möchten die meisten Ehrenamtlichen tätig werden.

ZDF: Welchen beruflichen Hintergrund haben die Berater/innen in Ihrer Agentur?

Krüger: Die Ehrenamt Agentur beschäftigt 13 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Darunter sind unter anderen Sozialwissenschaftler und Pädagogen aber auch auf Zeit entsandte Bürgerberater der Stadtverwaltung und Ehrenamtliche, die in Seminaren und durch Hospitation auf die Beratung von Ehrenamtlichen vorbereitet wurden. Das Beratungsgespräch und der Prozess zur Weiterverarbeitung der Daten sowie die regelmäßige Kontaktpflege verlaufen Leitfaden-gestützt und qualitätsorientiert. Die Ehrenamt Agentur Essen e.V. trägt das Qualitätssiegel der Bundesarbeitsgemeinschaft aller Freiwilligenagenturen in Deutschland und unterzieht sich einer regelmäßigen Auditierung.

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