Entflammte Herzen

Hinter der Altstadt des hessischen Örtchens Windecken führt der Weg raus durch die Maisfelder, die um diese Jahreszeit mannshoch sind. In dem Labyrinth von Feldwegen ist der Aussiedlerhof Buchwald nicht ganz einfach zu finden. Erst kommen die Kuhställe, dann wechselt plötzlich die Szenerie: Gestalten in antik anmutenden Kostümen schwirren vorbei, eine Frau mit glänzendem, weit wehendem Hochzeitskleid schwebt durch die Mitte. Aufgeregt erwarten alle den Einbruch der Dunkelheit, dann beginnt die Generalprobe für die neue Feuerrevue von Sancto Petrolio.

Wie eine große Familie

Die Bühne liegt zwischen zwei Maisfeldern, im Hintergrund führt die hügelige Landschaft der Wetterau ins Weite. Neben blumenumrankten Torbögen, Podesten und Säulen steht im Zentrum der Bühne ein steinerner Elefant. "Engelsflügel" heißt das neue Stück und handelt von Phönixen, den Götterboten, die den Menschen einst das Licht brachten. Ein mystisches Märchen mit Elementen aus Fabeln, Legenden und Zauberei. Mehr als zwei Monate hat sich die Truppe mit ihren 25 Darstellern vorbereitet, die nun schon seit zehn Jahren zusammen Feuertheater machen.

"Das Erstaunliche ist, dass die Gruppe in all den Jahren stabil geblieben ist. Es ist wie eine große Familie", erzählt Anja Frieda Drescher-Parré. Sie ist der Kopf der Gruppe, schreibt die Stücke und führt Regie. "Ich möchte Geschichten erzählen, die Menschen ergriffen machen. Ihnen Futter für die Seele geben", sagt Drescher-Parré, die hauptberuflich in der Gewaltprävention tätig ist. Dass manche Zuschauer ihre Stücke etwas kitschig finden, stört sie nicht. Das Dramatische und Theatralische ist Teil der mythischen Kraft des Feuers.

Vom brennenden Dornbusch

"Feuer sprengt die Texte auf", sagt der evangelische Pfarrer Otto Löber, der Gründer von Sancto Petrolio. Für ihn ist das Urelement Feuer ein Medium, um den Glauben erfahrbar zu machen. "Die Bibel ist voller Feuertexte. Durch die Flammen werden die Offenbarungstexte oder der Dornbusch plötzlich lebendig". Das Erstlingswerk, eine Sakralrevue, mit dem Titel "Von der Entflammbarkeit des Dornbuschs und der Hexen" wurde vorwiegend in Kirchen aufgeführt. Auch heute noch gehört sie zum festen Repertoire der Gruppe.

Wie in einer Collage verbindet das Stück alttestamentliche Erzählungen wie die Entstehung der Menschen, der Untergang von Sodom und Gomorra, der brennende Dornbusch mit Themen wie Hexenverfolgung und Ermordung der Juden im Nationalsozialismus. "Wer die Revue 1996 gesehen hat und wer sie heute sieht, würde kaum denken, dass es ein und dasselbe Stück ist", meint Anja Drescher-Parré, so sehr habe sich das Stück in den letzten zehn Jahren verändert und immer weiterentwickelt.

Pyrotechnik kostet Geld

Ob bei Papstbesuchen oder auf Kirchentagen, wo auch Sancto Petrolio regelmäßig zu Gast ist, der Trend zu kirchlichen Großevents ist unübersehbar. Was das Feuertheater aus der Wetterau von anderen Performances unterscheidet, ist nicht nur der monumentale Einsatz der pyrotechnischen Lichteffekte, sondern vor allem die gekonnte Mischung von Artistik und Theater. Die Aufführungen erinnern zugleich an Komödiantentum, archaische Zeremonien und Mythologie. Dabei wirkt die freie und assoziative Kombination verschiedenster Stilmittel frisch und lebendig.

Häufig stand die Gruppe nach ihren Aufführungen vor einem finanziellen Desaster. Der Einsatz von Pyrotechnik und die aufwendigen Kostüme sind sehr teuer. Die Eintrittsgelder allein können die Kosten nicht decken. "Nur Dank großzügiger Spenden konnten wir überhaupt überleben", sagt Otto Löber.

Gefährlich wird es bei Wind

Auf Hof Buchwald ist mittlerweile die Feuerwehr eingetroffen. Zur Sicherheit ist sie bei jeder Aufführung zugegen. "Wir hatten großes Glück. Bis auf kleinere Verletzungen ist nie etwas Schlimmes passiert", sagt Anja Drescher-Parré, die 18-jährig in einem Zirkus das Feuerspucken lernte. "Gefährlich wird es immer erst, wenn es windig ist."

Nach dem Einbruch der Dunkelheit kann das Spektakel beginnen. Der liebende Engel und die Priesterin erscheinen, gemeinsam werden sie gegen die Mächte des Bösen kämpfen. Aus dem Maisfeld im Hintergrund tauchen immer mehr Darsteller in ihren opulenten Kostümen auf. Begleitet wird die Aufführung von mystischen Texten und effektvoll eingesetzter Musik aus dem Cirque du Soleil und aus verschiedenen Filmen. Das Spiel mit dem Feuer wird in all seinen denkbaren Varianten im Laufe der Vorführung immer gewaltiger, überall Flammen und sprühende Funken.

Das Publikum, das bei der Generalprobe dabei sein durfte, ist ergriffen. Schweigend sitzen sie auf den Heuballen ringsherum. "Wir sind jedes Mal ganz überwältigt", sagt eine Frau. Mit der Premiere am 22. Juli wird zugleich ein Maislabyrinth eröffnet, in dem sich verschiedene Kunstobjekte befinden - darunter auch eines von Anja Drescher-Parré.

Zum zehjährigen Bestehen erscheint im Concon-Verlag ein Buch, das die Arbeit der Truppe mit Bildern und Texten dokumentiert.

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