Entspannen oder erleben

Das Freizeitverhalten der Deutschen

„Viele arbeiten, um in der Freizeit zu leben“, sagt Freizeitforscher Ulrich Reinhardt. Womit sich die Deutschen dann am liebsten in der freien Zeit beschäftigen, erläutert er im Interview.

Ulrich Reinhardt
Ulrich Reinhardt

ZDFonline: Was ist Freizeitforschung und welchem Zweck dient sie?    
Ulrich Reinhardt: Die Freizeitforschung widmet sich den Bereichen des Lebens, die nicht im Zeichen der Determinationszeit (also der fremdbestimmten Arbeitszeit) und der Obligationszeit (z.B. Schlafen, Wegezeiten) stehen. Also all den Aktivitäten und Passivitäten, die wir freiwillig ausüben, ohne sie ausüben zu müssen. Die Freizeitforschung dient somit dem Zweck, mehr über diese Zeit zu erfahren, um aus den gewonnenen Erkenntnissen Handlungsempfehlungen zu geben – für die Politik, die Medien, die Wirtschaft, aber auch für die Bürger.
ZDFonline: Mit Freizeitaktivitäten wie Theater oder Yoga möchten viele Menschen etwas über sich selbst erfahren. Wozu ist Freizeit überhaupt gut?
Reinhardt: Das ist individuell sehr unterschiedlich. So soll die Freizeit regenerativ wirken und Entspannung bieten, gleichzeitig aber auch Erlebnisse. Sie soll bilden und unterhalten, soll Zeit für individuelle und gesellige Aktivitäten schaffen und zahlreiche weitere Funktionen erfüllen. Fakt ist aber – viele Bundesbürger arbeiten, um in der Freizeit zu leben.
ZDFonline: Experten sprechen von verschiedenen Arten von Freizeit. Dazu zählen bildende, zeitgebundene oder spontane Aktivitäten. Wie bewusst ist die Entscheidung, in der Freizeit etwas zu unternehmen?
Reinhardt: Viele Bürger haben das Gefühl, nicht genügend Freizeit zu haben. In der Konsequenz kombinieren sie Aktivitäten (z.B. fernsehen mit telefonieren, essen oder bügeln) und versuchen so mehr in gleicher Zeit zu tun. Zudem wollen die meisten Bürger in der Freizeit alle zwei Stunden etwas Neues erleben und sind dementsprechend aktiv. Unternehmungen in der Freizeit werden von der Mehrheit der Bürger als sehr attraktiv eingestuft – allerdings sind diese außerhäuslichen Unternehmungen eher die Ausnahme als die Regel und stellen das Highlight der Woche oder des Monats da.
ZDFonline: Nicht wenige Menschen machen ihr Hobby zum Beruf. Welche Faktoren führen zu einer solchen Entscheidung?
Reinhardt: Dieses ist für viele Bundesbürger eine Art Wunschvorstellung – nicht mehr fremdbestimmt zu arbeiten, sondern mit seinen eigenen Interessen Geld zu verdienen. In der Realität ist das dann aber nicht immer unproblematisch, da Freizeit und Arbeitszeit verschwimmen und es auf Dauer ebenso zur Routine wird wie der Job vorher. Ich persönlich glaube, dass die Vorstellung hiervon meistens besser ist als die Verwirklichung
ZDFonline: Was wissen Sie über das Freizeitverhalten von Rentnern?
Reinhardt: Wir haben mittlerweile mindestens drei Generationen – 50plus, 65plus und 80plus –, die alle unterschiedliche Bedürfnisse und Interessen haben.Diese Generationen sind nicht mehr mit den Rentnern von vor 20 Jahren vergleichbar. Sicher ist zudem, dass die Ansprüche der älteren Generationen sehr hoch sind. Sie sind lebenserfahren genug, um sich nicht mehr nur mit einer Busfahrt ans Nordkap und ein Seniorenschnitzel (was auch immer das sein mag) zufrieden zu geben. Auffällig ist bei den Aktivitäten der älteren Generationen das hohe Interesse an den klassischen Medienformaten, Kulturangeboten und jeglicher Art von Geselligkeit in der Freizeit – sei es mit der Familie, Freunden oder Nachbarn.

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