Zieh dir die Schuhe aus …

Gelassenheitsübungen der Jesuiten

In allen Religionen beeindrucken Menschen durch ihre gelassene Haltung. Der Dalai Lama, ebenso wie der neue Papst. Wie aber kann es im Alltag gelingen, auch ein wenig gelassener zu werden? Vor allem aus fernöstlichen Kulturen sind viele Praktiken bekannt, die uns helfen sollen, Entspannung und innere Ruhe zu finden. Das Angebot ist groß. Doch auch die christliche Tradition kennt solche Übungen.

Wie kann Gelassenheit zu einer inneren Haltung werden? In Tradition des Jesuitenordens gibt es Übungen, sogenannte Exerzitien, die genau diese Fähigkeit in den Mittelpunkt stellen. Die Exerzitien gehen auf die geistlichen Übungen des heiligen Ignatius von Loyola (1491 bis 1556) zurück.

Geistliche Erfahrungen durch meditieren und schweigen

Exerzietien im Priesterseminar
Exerzietien im Priesterseminar Quelle: ZDF

Ignatius berichtete in seinen Schriften von mehreren Begegnungen mit Gott. Daraus entwickelte er Übungen, die Gläubigen ähnliche Erfahrungen ermöglichen sollten. In der ignatianischen Form dauern Exerzitien 30 Tage. Es ist eine Zeit des Meditierens, des Schweigens und des In-sich-Gehens, begleitet von Gesprächen mit einem geistlichen Lehrer, dem sogenannten Exerzitienmeister.

Heute sind in den jesuitischen Priesterseminaren die Exerzitien wesentlicher der Ausbildung. Doch auch für Außenstehende wird diese Form der Meditation angeboten. Da es im Alltag neben Beruf und Familie meist schwer ist, sich die Zeit zu nehmen, die klassischen Gelassenheitsübungen auszuüben, wurden in den letzten Jahren Formen des geistlichen Übens entwickelt, die leichter zugänglich sind.

„Exerzitien auf der Straße“

Für diese Exerzitien ist es nicht erforderlich, sich hinter Klostermauern zu begeben. Etwa bei den „Exerzitien auf der Straße“ in Berlin sucht man ganz bewusst fremde Orte auf, die ansprechen. Es gilt herauszufinden, welche Orte den Übenden im Inneren bewegen – und warum. Das kann bloße Neugier, auch Unsicherheit oder sogar Angst sein.

An diesem Ort gilt es, innerlich die Schuhe auszuziehen, das bedeutet, in sich zu gehen, zu beten und nicht vor möglichen Ängsten zu fliehen. Das Symbol, die „Schuhe auszuziehen“ ist ein Bild aus dem zweiten Buch Mose. Es steht für die Bereitschaft, die Welt um uns herum mit Respekt wahrzunehmen. Dabei wohnen die Teilnehmer in Obdachlosen- oder Notunterkünften. Am Abend sprechen sie über das, was sie während des Tages erlebt haben und was sie innerlich bewegt.

Zu sich selbst finden

Wer seine Inspiration lieber in der Natur sucht, kann bei Wanderexerzitien zu innerer Gelassenheit finden. Während der mehrstündigen Wanderungen ist, wie bei den anderen Exerzitienformen auch, Schweigen das oberste Gebot. So lassen sich die Sinne schärfen für das, was uns umgibt.

Exerzitien können aber auch in den Alltag integriert werden. Etwa sich über sechs Wochen jeden Tag eine halbe Stunde frei zu halten, um zu beten und in sich zu gehen. Die Vielfalt an verschiedenen Formen der Exerzitien ist groß. Welche Art des Übens die richtige ist, sollte jeder für sich entscheiden. Denn Ziel ist es nicht, einem vorgeschriebenen Ritus zu folgen, sondern zu sich selbst zu finden.

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