Hoffnung auf zwei Rädern

Bereits früh morgens herrscht Hochbetrieb in der Essener Radstation. Berufspendler kommen mit der S-Bahn an und holen ihr Fahrrad ab, um ins Büro zu fahren. Andere parken ihren Drahtesel für den Tag, um einkaufen zu gehen oder geben ihn ab, weil er repariert werden muss. Fast 200 Fahrräder sind alltäglich am Essener Hauptbahnhof untergebracht. Sie werden bewacht vom Team des Diakonischen Werkes. 50 Cent kostet der Service am Tag. Fünf Euro, wenn man ein Monatsticket kauft, und 50 Euro zahlt man pro Jahr.

Für diese Gebühr werden die Räder garantiert im Trockenen untergebracht und rund um die Uhr bewacht. "Vorher mussten die Leute irgendwo in der Umgebung parken und wussten nie, ob sie abends überhaupt noch ein Fahrrad haben", sagt Peter Wefing, Leiter der Fahrradwerkstatt "Freilauf", die zur Essener Radstation gehört.

'Neue Arbeit' in der Radstation

Die Radstation beschäftigt auf Basis der Ein-Euro-Jobs fast 50 Mitarbeiter. Sie bilden einen Querschnitt der Gesellschaft ab: Ungelernte ohne Schulabschluss, Handwerker, Kaufleute, aber auch ein promovierter Mediävist und diplomierte Sozialwissenschaftler sind dabei. Alle haben einen gemeinsamen Hintergrund: Hartz IV und Arbeitslosengeld II. "Das Projekt gehört zur Aktion 'Neue Arbeit' des diakonischen Werkes", erklärt Wefing. "Die Menschen bekommen durch uns eine zweite Chance und werden möglichst wieder in den ersten Arbeitsmarkt integriert."

Reinhard Dapprich war noch nicht ganz 50 Jahre alt, als sein Arbeitgeber, ein LKW-Unternehmen, ihm kündigte; als Kraftfahrer sei er nicht mehr tragbar nach seinem Herzinfarkt. "Mein Arbeitgeber sagte, ich hätte zu lange krank gefeiert." Vor einem Jahr wurde Dapprich durch die Arbeitsagentur an die Fahrradwerkstatt vermittelt. Der Job macht ihm Spaß, seine Gesundheit spielt mit. Nach und nach steigerte er sein Pensum: Heute schafft er die 38,5 Stunden Woche und rechnet damit, dass er bald fest angestellt wird. "Mein Job hier hat mir neue Hoffnung gegeben", sagt der 52-Jährige. "Als Arbeitsloser wäre ich zu Hause fast durchgedreht."

Sprungbrett in den Arbeitsmarkt

Die Radstation dient nicht nur für Dapprich als Sprungbrett in den Arbeitsmarkt. "Im vergangenen Jahr konnten wir drei Männer über Fünfzig in eine feste Arbeitsstelle vermitteln, und in diesem Jahr haben wir schon vier Mitarbeiter weiter gegeben", sagt Peter Wefing. "Wir erstellen Profile von jedem Mitarbeiter, kooperieren mit Arbeitgebern und suchen passende Stellen für unsere Leute."


Das Land Nordrhein-Westfalen fördert seit 1995 mit dem Programm "100 Fahrradstationen in NRW" die Einrichtung von Fahrradstationen, insgesamt gibt es derzeit 52. Die Essener Station ist montags bis freitags von 5.30 Uhr bis 22.30 Uhr geöffnet, samstags von 10 Uhr bis 18 Uhr, sonntags auf Anfrage. Es können Fahrräder für sieben Euro pro Tag geliehen oder eigene Räder für 50 Cent pro Tag untergebracht werden.

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