Hoffnungsträger im Hospiz

Die Bedeutung der Sterne zwischen Leben und Tod

Was hat ein Hospiz mit den Sternen zu tun? Diese Frage erschließt sich nicht sofort. Und doch ist es ein Ort, an dem immer wieder über die Sterne und den Himmel nachgedacht wird. Denn sie bedeuten Hoffnung und zwar auf ein Leben nach dem Tod.

Diana Nägele im Hospiz
Diana Nägele im Hospiz Quelle: ZDF

Vor meinem Besuch im Hospiz war mir ein Wenig mulmig zu Mute. Schließlich ist es ein Ort voller Trauer, so dachte ich. Denn für die die Menschen im Hospiz gibt es aus ärztlicher Sicht keinerlei Heilungschancen. Doch im Hospiz herrscht nicht nur traurige Stimmung und Hoffnungslosigkeit.

Das zeigt sich schon an den Pflegekräften: Es wird viel gelacht. Das Essen aus der Krankenhausküche servieren sie nicht in den üblichen Warmhalteboxen, sondern drapieren es liebevoll auf weißen Tellern. Und doch bleibt es ein Ort, an dem Lachen und Weinen ganz nah beieinander liegen.

Sterne im Hospiz


Eigentlich bin ich davon ausgehen, dass Sterne ein immer wieder kehrendes Thema im Hospiz am Engelberg in Wangen im Allgäu sind. Und doch scheint im Hospiz kaum über die Frage, ob nach dem Tod noch etwas kommt, gesprochen zu werden. "Das ist ganz bewusst so", sagt Dr. Annegret Kneer. Denn die Palliativärztin und Leiterin des Hospiz möchte den Menschen einen sorgenfreien Ort bieten. Nirgends, so versichert Kneer, werde so selten über den Tod gesprochen wie im Hospiz.

"Denn hier ist jede Stunde jeder Tag, jeder Monat unendlich kostbar. Wenn wir das mitnehmen, dann haben wir unser Leben nicht verpasst", sagt sie. Und doch spielen die Sterne eine Rolle im Hospiz. Kneer behauptet von sich, dass sie niemals Kranke bis zum Tod hin beizustehen könne, ohne an ein Leben nach dem Tod zu glauben. Die Sterne und der Himmel signalisierten nun einmal, dass da noch etwas komme.

Wenn Patienten zu Gästen werden

In der Geschichte versteht man unter Hospiz eine Herberge, wo Gastfreundschaft herrscht. Dieser Gedanke wird in Wangen weiter gelebt. Denn die Menschen, die dort leben, sollen sich nicht als Patienten fühlen, sondern als Gäste, die von den Pflegekräften liebevoll umsorgt werden. Sie bekommen alle nötige medizinische Versorgung, die sie brauchen. Ziel ist es, dass sie ein weitgehend beschwerdefreies Leben führen, frei von Schmerzen.

Seit vier Jahren ist das Hospiz im fünften Stock der Oberschwabenklinik. Doch der Hospizgedanke lebt schon viel länger in Wangen. Zuvor leistete Dr. Annegret Kneer ambulante Sterbebegleitung zusammen mit vielen Ehrenamtlichen. "Bis zur stationären Betreuung, war es ein langer Kampf", erinnert sich Kneer. Denn mit dem Hospiz-Wunsch stieß sie zunächst auf viele Gegner. Letztlich war es die ehrenamtliche Unterstützung der Bevölkerung, die sie zum Weiterkämpfen ermutigte und ihr signalisierte: Der Bedarf ist da. Mittlerweile ist das Hospiz am Engelberg nicht mehr wegzudenken. Die Warteliste ist lang.

Zwischen Himmel und Erde

Michael Veser hat ALS (Amyotrophe Lateralsklerose). Die neuromuskuläre Krankheit führt zum Muskelabbau. Er lebt seit etwa vier Wochen im Hospiz. Als ich sein Zimmer betrete, sitzt er im Bett und schaut aus dem Fenster. Nachdem ich mich vorgestellt habe, erzählt er mir ohne große Nachfragen sehr offen von seiner Krankheit, seiner Familie den beiden Kindern: seinem 14-jährigen Sohn und seiner 20-jährigen Tochter und von der Tatsache, dass er zu Hause fehlt.

"Meine Frau muss jetzt alles alleine machen, was ich immer erledigt habe", sagt er, ob die Versicherungen oder der Internetanschluss. Sein Ziel sei, wieder selbständig laufen zu können, um zu seiner Familie zurückzukehren. Die Entscheidung ins Hospiz zu gehen, fiel dem 52-Jährigen weniger schwer als seiner Frau und seinen beiden Kindern. Denn sie wollten ihn bei sich zuhause behalten. Eine Belastung, die Veser seiner Familie nicht länger zumuten wollte, denn alleine kann er sich nicht mehr versorgen.

2010 bemerkte er erstmals, dass er mit dem linken Bein immer wieder stolperte. Er bemerkte es, spielte es aber herunter, bis ihn seine Familie schließlich dazu drängte zum Arzt zu gehen. Bei einem Arztbesuch blieb es nicht. Michael Veser wurde von Arzt zu Arzt geschickt bis die Diagnose feststand. Trotz Reha-Maßnahmen und Physiotherapie bauten die Muskeln in seinem Körper zunehmend ab. Als er einmal zuhause stürzte und sich aus eigener Kraft nicht aufrichten konnte, lag er zwei Stunden auf dem Boden bis schließlich seine Frau von der Arbeit zurückkam, und ihm zusammen mit einem Nachbarn aufhalf. "Es hat so keinen Sinn mehr", beschloss er und ging gegen den Willen seiner Familie ins Hospiz. Denn die Sorge, "wo der Papa jetzt liegen könnte, wollte ich ihnen einfach nicht mehr zumuten."

Die Krankheit stärkt seinen Glauben

Im Bundeswehrkrankenhaus in Ulm bekam er eine kleine Bibel geschenkt. Er begann darin die Briefe des Paulus zu lesen. Dabei habe sich sein Glaube nochmals gefestigt, sagt er. Vor allem, was zwischen den Zeilen steht, zeige, "wenn man sich dem Himmel öffnet, dann kommt man auch dort hin". Jeden Abend betet Michael zu Gott. Manchmal gibt es Tage, an denen er sich wünscht, nicht mehr aufzuwachen. "Doch anscheinend hat er noch Pläne", sagt er und lacht.

Mittlerweile hat Michael Veser keine Angst mehr zu sterben. Dazu beigetragen hat auch ein Gespräch mit seiner Mutter kurz vor ihrem Tod. Sie berichtete, dass sie immer wieder auf ein Licht zugesteuert sei. Zum jenem Zeitpunkt wurde sie von einer Schwester am Leben gehalten. Ich muss zugeben, dass mich die Entschlossenheit, mit der er mir das sagte, verblüffte. Wie es sein könnte, wenn man bei den Sternen ist, weiß er nicht. Schließlich habe noch keiner davon berichtet. Doch der 52-Jährige ist sich sicher, dass es dort nur schön sein kann.

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