Können wir schmerzfrei leben?

Gibt es ein Leben ohne Schmerzen?

Gesellschaft | sonntags - Können wir schmerzfrei leben?

Können wir schmerzfrei leben? Schmerzen sind für viele alltäglich, gleichzeitig haben wir hohe Erwartungen an die Medizin und ein beschwerdefreies Leben.

Beitragslänge:
28 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 25.10.2018, 10:33

Jahr für Jahr geben die Deutschen knapp 900 Millionen Euro für rezeptfreie Schmerzmittel aus – Tendenz steigend. Die Erfahrung von Schmerzen ist für viele eine Alltagserfahrung. Gleichzeitig haben viele Menschen hohe Erwartungen an die moderne Medizin und ein beschwerdefreies und erfolgreiches Leben. Aber gibt es das überhaupt - ein Leben ohne Schmerzen?

Schmerzen im Rücken, ein Ziehen in der Schläfe oder Zahnschmerzen – immer mehr Menschen greifen schnell zu einer Tablette, damit es ohne lästige Schmerzen "weitergeht". Die Pharmakonzerne profitieren von dieser Entwicklung. Allein der Arzneihersteller Bayer machte mit seinem Klassiker Aspirin 2012 knapp 500 Millionen Euro Umsatz.

Das Wort SCHMERZ mit Aspirintabletten geschrieben
Nicht jeder Schmerz lässt sich mit Kopfweh-Tabletten vertreiben. Quelle: imago

Für den französischen Soziologen David Le Breton ist das Ausdruck unserer Zeit. Durch die Fortschritte der Medizin sei der Schmerz für den Menschen ein "unnötiges und unfruchtbares" Überbleibsel geworden. "Sobald der Patient weiß, dass der Schmerz durch die schlichte Einnahme eines Medikamentes beseitigt werden kann, schmilzt seine Bereitschaft, ihn zu ertragen, dahin", schreibt der Soziologe in seiner Kulturgeschichte des Schmerzes.

Dabei hat der Schmerz eine Warn- und Schutzfunktion. Wer nicht auf den Schmerz hört, geht verantwortungslos mit seinem Körper um.

Schmerz: Der Vater aller Empfindungen

Der Schmerz warnt und zeigt uns unsere Grenzen auf. Gleichzeitig animiert er zur Selbstreflektion: Warum habe ich Schmerzen? Warum bekomme ich Bauchschmerzen, wenn ich mich mit meinem Partner streite? Sollte ich trotz Schmerzen weiter Sport treiben? Wer diese Fragen mit der simplen Einnahme von Tabletten unbeantwortet lässt, riskiert langfristig seine Gesundheit. Der Schmerz ist der Indikator eines körperlichen oder seelischen Ungleichgewichts und somit ist die Anerkennung der Schmerzen der erste Schritt auf dem Weg der Heilung.

Natürlich darf der Wert von Schmerzmitteln nicht unterschätzt oder ihre Einnahme verteufelt werden. Vor allem in der Palliativmedizin können Leiden durch Medikamente gelindert und erträglicher gemacht werden. Den eigenen Schmerz unterdrücken – das versuchen die Menschen schon seit tausenden von Jahren. Mit Kräutern oder berauschenden Opiaten wurde ebenso experimentiert, wie mit so brachialen Methoden wie Aderlässen oder Schädelöffnungen, um die Schmerzen zu lindern – ohne Betäubung allerdings. Das zeigt: Der Wunsch nach einem schmerzfreien Leben ist tief im Menschen verankert. Ist ein Leben ohne Schmerzen aber wirklich erstrebenswert?

Wer schmerzlos ist, empfindet auch sonst nichts

Wer keine Schmerzen spürt, empfinde sonst auch gar nichts, schreibt die Philosophin Svenja Flaßpöhler. Gerade das Wissen um die Schmerzen und seine Folgen konturiere den Menschen in seiner Umwelt. Ohne Schmerzen würden die Menschen mit ihr verschwimmen.

Aspirin-Tablette wird ins Wasser getunkt
Gegen Kopfschmerzen helfen Tabletten - wieso sollte man keine nehmen? Quelle: dpa

Nicht nur das: Der Schmerz hat eine wichtige soziale Funktion inne. Nur wer weiß, wie sehr Verletzungen, physisch als auch psychisch, schmerzen, ist sich der Auswirkungen seiner Handlungen anderen gegenüber bewusst. "Das ist wohl der unmenschlichste Körper, der sich sowohl an sich selbst wie auch an anderen kein Leid vorstellen kann, der folglich auch nicht mitleiden kann und der demzufolge, weil er keine Mindestvorstellung von Schmerz hat, auch nicht weiß, was er anderen an Leid zufügt", schreibt der Philosoph Volker Caysa.

Schmerz ist also ein wichtiger Faktor, der soziale Bindungen strukturiert. Das Zeigen von Schmerzen war sogar eine Grundvoraussetzung, um menschliche Nähe und Mitgefühl zu ermöglichen. Wer vor Schmerzen schreit, sich am Boden krümmt oder sein Gesicht verzieht, sendet Signale an seine Umwelt: "Hilf mir, ich habe Schmerzen!"

Jesus, der Schmerzensmann

Im Christentum kommen Schmerz und Leid ebenfalls eine zentrale Bedeutung zu. In der christlichen Tradition ist Jesus der Schmerzensmann. In der selben Tradition stehen Märtyrer, die für ihren Glauben Tod und Verfolgung ertragen. Passion und Bewältigung von Leid gehören zur christlichen Heilserfahrung dazu. "Das christliche Menschenbild ist dadurch geprägt, dass die Verletzlichkeit des Menschen in den Mittelpunkt gerückt wird und das wird ausgedrückt über die Leidensgeschichte Christi", sagt der Medizinethiker Giovanni Maio.

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