Von wegen alt und verbraucht!

Der Trend zum lebenslangen Lernen

Gesellschaft | sonntags - Von wegen alt und verbraucht!

Unsere sonntags-Reporterin sucht Antworten in einem Auto-Werk, in einem Institut für Neurowissenschaft und Altersforschung und in der ‚Rock 'n' Rollator Show in Bonn.

Beitragslänge:
7 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 12.09.2019, 13:39

„Wer aufhört zu lernen, ist alt. Er mag zwanzig oder achtzig sein“, sagte bereits Henry Ford. Und auch heute zeigen Alters- und Hirnforscher: Fürs Lernen ist es nie zu spät. Lebenslanges Lernen ist für viele zum wahren Lebensmotto geworden. Zumal immer mehr Menschen im Alter länger gesund und geistig fit bleiben.

Statistisch gesehen wird derzeit jeder Mann durchschnittlich 80 Jahre alt, jede zweite Frau wird sogar noch ihren 85. Geburtstag feiern dürfen. Eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aus dem Jahr 2012 verzeichnet in den vergangenen zehn Jahren einen Anstieg von 6 Prozentpunkten der älteren Altersgruppe zwischen 55 und 64 Jahren, die einer Erwerbstätigkeit nachgehen - Tendenz steigend.

Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass bei den heutigen Lebenserwartungen jeder noch 15-20 Jahre aktives Leben nach Rentenantritt vor sich hat. Der Berufsausstieg und Renteneinstieg markieren also schon lange nicht mehr das Ende des gelebten Lebens. Im Gegenteil: Immer mehr ältere Menschen wollen auch in den 50Plus-Jahren aktiv bleiben.

Training fürs Gehirn

Eine ältere Dame steht am Fahrkartenautomat und versucht verzweifelt, ein Ticket zu lösen. Solche Situationen beweisen für viele die Vermutung, dass ältere Herrschaften in der modernen Alltagswelt oftmals überfordert seien. Ein Bilderbuch-Klischee, das Alters- und Hirnforscher leicht widerlegen können. Ältere Menschen lernen nicht langsamer, unkonzentrierter oder gar schlechter – sie lernen einfach anders. Dank ihrer Lebenserfahrung zeigen Erwachsene in der Regel ein abwägendes Entscheidungsverhalten, sie denken in Kontexten und wissen mit Problemen umzugehen.

Sein Leben lang lernen – Forscher sehen die kontinuierliche Weiterbildung als notwendig an für ein erfülltes Leben bis ins hohe Alter hinein. Sie betrachten es als unerlässlich, sich im Alter sowohl körperlich als auch geistig fit zu halten. Durch regelmäßiges Gehirnjogging werden intellektuelle, körperliche und soziale Kompetenzen ständig neu angeregt. Wenn der Mensch etwas lernt, verbinden sich die einzelnen Nervenzellen im Gehirn und bilden mehr „graue Masse“. Das ist wichtig, damit das Gehirn nicht eines Tages diese Masse abbaut und an Leistung verliert. Das Gehirn muss wie ein Muskel trainiert werden. Das schütz auch vor Demenz. Nicht umsonst werden sogar noch im Seniorenheim die manchmal so belächelten Bingo-Abende veranstaltet.

Offen sein für Neues

Erwachsene brauchen zum Lernen natürlich keinen vorgegebenen Stundenplan mehr. Was und wie man lernt, ist jedem selbst überlassen. Es muss nicht gleich der erfolgreiche Wiedereinstieg in den Beruf sein oder endlos lange Weiterbildungs-Seminare. Besonders beliebt sind auch ehrenamtliche Tätigkeiten wie etwa das Angebot des Bundesfreiwilligendienstes.

Oft reicht es aber auch schon, im privaten Bereich eine neue Sprache zu erlernen oder in ein noch unbekanntes Land zu reisen und mit der fremden Kultur in Berührung zu kommen. Etwas für sich selbst tun – sich immer wieder neu fordern und entdecken - macht zufrieden und selbstbewusst. Eigenschaften, die im Alter das Gefühl von „Ich-kann-das-nicht“ überwinden.

Gesucht: Azubis „50Plus“

Lesender Mann neben Bücherstapel
Kontinuierliche Weiterbildung trägt zu einem erfüllten Leben bei. Quelle: photocase

Warum nicht auch länger arbeiten? Tatsächlich gewinnt Beschäftigungsfähigkeit über das Rentenalter hinaus mehr und mehr an Bedeutung. Doch wie offen ist der Arbeitsmarkt für die 60Plus-Generation? Das Mercedes Benz Werk in Bremen etwa ermöglicht Vorruheständlern den Weg zurück ins Unternehmen.

Außerdem haben ältere Arbeitnehmer die Chance, eine Lehre zum Werkzeugmechaniker zu machen. Und zwar nicht in einem separaten „Senioren-Trakt“, sondern zusammen und mitten unter den jungen Azubis. Generationen treffen aufeinander. Was vielleicht zunächst heikel klingt, wird hier zu einem harmonischen Austausch zwischen der frischen Kreativität des Nachwuchses und dem Erfahrungsschatz der älteren Klientel.

Soziale Kompetenz und gute Arbeitsmoral

Arbeitgeber wissen die beruflichen und sozialen Referenzen der Ü50-Generation zu schätzen. Neben der reichen Lebenserfahrung gelten vor allem Tugenden wie Sorgfalt, Disziplin und eine hohe emotionale Stabilität als „typisch“ für ältere Kollegen. Nach Aussagen von Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, gegenüber dem Handelsblatt, beschäftigten die Unternehmen im Jahr 2012 2,7 Millionen mehr Arbeitnehmer „50plus“ als zehn Jahre zuvor.

Ähnliche Tendenzen vermerkt auch ein aktueller Bericht der Bundesagentur für Arbeit einen branchenübergreifenden Fachkräftebedarf auf dem Arbeitsmarkt. Weil nicht mehr genügend junge Leute nachrücken, ist die Wirtschaft dankbar für jede helfende und kompetente Hand. Arbeitgeber schätzen an der älteren Generation vor allem die langjährige Lebens- und Berufserfahrung, den Wunsch sich langfristig an ein Unternehmen zu binden, Arbeitsmoral, Qualitätsbewusstsein sowie eine hohe soziale Kompetenz und ein großes Netzwerk an Menschen.

Chancen ergreifen

Fest steht: Die „Alten“ brauchen sich nicht hinter den Jungen zu verstecken. Genauso wenig muss sich der Nachwuchs in den Schatten der „weisen Alten“ stellen. Projekte wie die gemeinsame Ausbildung beim Mercedes Benz Werk in Bremen beweisen: Ein altersgemischtes Team ist der Weg zum Ziel. Und für das eigene Selbstbild gilt: Den Vorurteilen den Kampf ansagen und wissen, was man noch alles kann - und zwar nicht obwohl man die 50-Grenze überschritten hat, sondern weil man so alt ist, wie man ist.

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