Lokal leben

Die Welt vor der eigene Haustür gestalten

Gesellschaft | sonntags - Lokal leben

Immer mehr Kunden bevorzugen Produkte aus der eigenen Region. Auch Super-Märkte stellen sich darauf ein. Neben Bio-Siegeln gibt es zunehmend auch Regio-Siegel, zum Beispiel "SooNahe".

Beitragslänge:
4 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 20.09.2018, 11:52

Während jahreslang alles auf Globalisierung ausgerichtet war, auf das Weite, Große und Ferne, entwickelt sich fast unbemerkt ein Gegentrend: Die Hinwendung zum Lokalen. Immer mehr Menschen wollen die Welt direkt vor Ort aktiv mitgestalten. Doch oft wird das eigene Umfeld als öde empfunden. Zudem sind viele Regionen strukturschwach und bieten kaum attraktive Orte mit Lebensqualität. Wie also lässt sich die die Welt vor unserer eigenen Haustür verwandeln, damit sie zu einem Ort wird, in dem das Leben so richtig aufblühen kann?

Entwicklungshelfer in Südafrika, Englischlehrer in Japan oder als Krankenpfleger nach Chile – die Welt zu verändern war jahrelang das Ziel vieler Deutschen. Die weite Welt klang aufregend und spannend, die Heimat dagegen spießig und eng.

Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln

"Hallo Frau Nachbarin"-Schild
Die Welt vor der eigenen Haustür entdecken: "Hallo Frau Nachbar"-Schild Quelle: ZDF

Dieser Trend scheint sich umzukehren. Bankenimperien stürzen ein wie Kartenhäuser, ganzen Staaten droht der Bankrott, der Druck auf dem Arbeitsmarkt durch die Globalisierung steigt, mehr Flexibilität und Mobilität sind gefordert, kurz: Die Welt wird immer unübersichtlicher. In Zeiten der Krise sehnen sich Menschen nach ihren Wurzeln und werfen ihre Anker aus. „Ausschlaggebend für die Rückbesinnung auf das Lokale und die eigene Herkunft sind Phasen der Verunsicherung und des Umbruchs“, sagt Verena Schmitt-Roschmann, Journalistin und Autorin des Buchs „Heimat – Neuentdeckung eines verpönten Gefühls“.

Wer bin ich? Warum bin ich so wie ich bin? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Im digitalen Rausch der heutigen Welt gehen diese Fragen häufig unter. Oftmals liegen die Antworten auf diese Sinn-Fragen in der eigenen Herkunft. Jahrzehntelang wurden in der Bundesrepublik allerdings Begriffe wie „Heimat“ mit Kitsch, Strenge und ideologischem Missbrauch verbunden.

Heimat – mehr als nur ein Geburtsort

Heute entdecken sie die Deutschen ihre direkte Umgebung wieder. Es gibt einen regelrechten „live local“-Trend: 92 Prozent der Deutschen sagten laut einer Emnid-Umfrage 2010, dass ihnen die Heimat „wichtig“ ist. Mit höherem Alter verstärke sich dieser Trend, sagt Schmitt-Roschmann. Wer sesshaft werden, Kinder kriegen und ein Haus bauen wolle, suche nach dem Gefühl der Zugehörigkeit. Aber nicht nur älteren Menschen sehnen sich nach ihrer Heimat, auch die Jungen finden immer mehr Gefallen an den Dialekten ihrer Region oder dem lokalen Essen.

Lena Herzer, Stadtgärtnerin
Lena Herzer begrünt das Dach eines Parkhauses in Stuttfgart.

Dabei muss die Heimat nicht immer auf dem „platten Land“ liegen. In den Großstädten identifizieren sich die Menschen mit ihrem „Kiez“ oder ihrem Viertel. Sie wollen aktiv an der Gestaltung ihres Lebensumfelds mitwirken. In Stuttgart werden Parkhäuser in der Innenstadt bepflanzt und als Gemeinschaftsgärten genutzt. „Urban gardening“ heißt dieser Trend, der von New York über Berlin auch ins Schwabenland gekommen ist.

Gutes aus der Region

Von der Rückbesinnung auf das Lokale profitiert auch die regionale Wirtschaft. Die weltweiten Rohstoffe werden knapper und Lebensmittel immer teurer. Hinter importierten Nahrungsmitteln stehen oftmals undurchsichtige Vertriebsstrukturen - der Wunsch nach Produkten aus dem direkten Umfeld steigt.

Die Deutschen gehen wieder auf den Wochenmarkt oder lassen sich Gemüse, Obst und Fleisch aus der Region per „Ökokiste“ nach Hause liefern. Laut dem Verband der bäuerlichen Gemüselieferbetriebe steige der Absatz jährlich um fünf Prozent.

Lokalbewegung auf einem Höhepunkt

Ist die Globalisierung also am Ende? „Nein, keineswegs. Die Globalisierung lässt sich nicht mehr zurückdrehen“, sagt Schmitt-Roschmann. Zu stark sei die Weltwirtschaft schon verwoben. Die Menschen erkennen zwar die Vorteile der lokalen Wirtschaft und das Bewusstsein für regionale Produkte sei gewachsen, aber auch in Zukunft würden „Ökomangos aus Mittelamerika eingeflogen.“

Momentan hat die Lokalbewegung wohl einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Die Deutschen werden sich aber zukünftig nicht vor der Welt zurückziehen. Sie werden der Welt zwar zugewandt sein, aber Wurzeln zu Hause zu schätzen wissen. „Beides wird in Wellenbewegungen da sein“, sagt Schmitt-Roschmann, „aber der Wunsch der Menschen nach der ‚guten alten Ruhe‘ wird nicht so bald abnehmen.“

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